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Er hielt die schmale Arbeitshand fest in der seinen. „Liebe — kleine Johanne!" sagte er.
Noch nie hatte jemand ihren Namen in diesem Tone ausgesprochen.
Sie- hob langsam die Lider und blickte ihn mit thränen- schweren Augen an.
„Herr Paul", murmelte sie wie im Traum.
Er war schon an ihrer Seite.
„Ich habe Sie ja lieb, Johanne", sagte er. „Darum kam ich her." Es wurde ganz still in dem trüb erhellten Kellerraum. Die beiden sehnsüchtigen Herzen lehnten eng aneinander. — Schauer einer nie gekannten Seligkeit wogten in Pauls Seele.
‘ Zum ersten Male in seinem Dasein fühlte er ein Leben an das seine geschmiegt, — ein so hilfesuchendes Leben!
(Fortsetzung folgt.)
Ein Liebling unserer Lesewelt.
Ein Festblatt zum 70. Geburtstage Paul Heyse's, 15. März 1900.
Von Dr. Er n st Wilm s.
Nachdruck verböten.
Kein Dichter und Schriftsteller, der in den Tiefen der Leidenschaft wühlt, und mit forschender Hand auf den Grund der Lebensflut dringt, um ihr neben Schlamm und Kieseln einen Teil ihrer Geheimnisse zu entreißen, sondern ein Vertreter der ewigen Grundsätze des Klassisch-Schönen, ein fein empfindender Aesthetiker ist es, dem heute das deutsche Volk aus Anlaß des 70. Geburtstages dankbar den unver- welklichen Lorbeerkranz darbringt. Kein Originalgenie, das neue Bahnen wandelt und der Welt neue Gesetze verkündigt, aber ein geistvoller Darsteller, ein fesselnder Schil- derer, ein meisterhafter Zeichner der Weiblichkeit, hat sich Paul Heyse von Anfang an einen Platz im Herzen des deutschen Publikums erobert, und denselben trotz seiner erstaunlichen Fruchtbarkeit und der wahrlich nicht geringen Konkurrenz zu behaupten verstanden.
Der Lebensweg des Dichters war ein Spaziergang über eine schattige, heitere Promenade — wenigstens soweit die Oeffentlichkeit von demselben Kenntnis zu nehmen Gelegenheit erhalten hat; denn das Innere eines Dichterherzens in seinen steten Kämpfen, in seinem Ringen nach Vollkommenheit, in seiner Berührung mit Enttäuschungen und Widerwärtigkeiten, bleibt ja der Menge fremd und verschließt sich Meist wie ein heiliges Geheimnis in der Brust des Trägers. Jedenfalls aber ist Paul Heyse infolge glücklicher Umstände bewahrt geblieben von jenem qualvollen Existenzkämpfe, welcher das schöpferische Genie so vieler Denker und Poeten im Keime zu ersticken droht und sie zwingt, den großen Gedanken ihres Wollens in sich zurückzudrängen, um unter blutigen Thränen die Freiligrathsche poetische Biographie
dessen. Der mit Schädel und Gehirn Hungernd pflügt —", immer von neuem in traurige Wirklichkeit umzusetzen.
Paul Heyse ist ein Berliner Kind; er erblickte am 15. März 1830 als Sohn des Sprachforschers Karl Wilhelm Ludwig Heyse das Licht der Welt. Seine Vorbildung empfing der talentvolle Knabe auf dem Friedrich^-Wilhelms- Gymnasium; 17 Jahr alt, widmete er sich, unter Böckh und Lachmann dem Studium der klassischen Philologie und genoß schon in jener Zeit den bildenden Umgang bedeutender Künstler, die sein feines ästhetisches Empfinden in die rechte Bahn zu lenke,, wußten. Im Jahre 1849 begann er das Studium der romanischen Sprachen und Litteraturen, und schon im jugendlichen Alter war es ihm vergönnt, die heiße Sehnsucht eines künstlerisch veranlagten Herzens nach dem alten Zauberlande Italien zu befriedigen.
Durch die Schweiz ging die Reise, die Gigantenwelt der Alpen wirkte auf seine lebendige Phantasie, dann offenbarten sich ihm die Wunder der antiken Welt, und derhesier- blaue Himmel des Sonnenlandes Italien spannte sich über ihn aus. Der junge Poet schlürfte die neue Kunstatmosphäre förmlich in sich hinein, die Richtung seines Eimern ward für immer bestimmt: die schöne Seele in
der schönen Form war das Ideal seines Schaffens. Und er erreichte wahrlich sein Ziel, er vermochte es, den schönen Gedanken in edle Formen zu gießen, mit Tönen Ivie aus herrlich gestimmten Glocken sprach er zu der erstaunten, bewundernden Lesewelt; seiner fein empfindenden Natur war alles absolut Häßliche und Unschöne zuwider. Er ist ein Aristokrat im edelsten Sinne des Wortes, ein geistiger, ein ästhetischer Aristokrat, und diese Thatsache gerade ist es, welche so oft zu irrigen Anschauungen über ihn und sein Wirken geführt hat. Man hielt ihn für einseitig, schrieb ihm einen engen Gesichtskreis zu, nannte seine Gestalten blutarm, seine Sprache süßlich einschmeichelnd, seine Weltanschauung bequem und weltmännisch, seine Poesie eine Damensalonpoesie, tadelte den Mangel echter Leidenschaft und schrieb ihm kein echtes schöpferisches Talent, sondern nur ein formales zu.
Allerdings kam der Dichter während feiner ersten Schaffensperiode über eine ästhetische Unterhaltungslitte- ratur nicht hinaus, und daran trugen gerade die allzu günstigen Lebensverhältnisse die Schuld, in denen er sich bewegte. Im Alter von erst 24 Jahren sah er bereits alle Sorgen um die irdische Existenz von seiner Schulter genommen, indem König Max von Baiern ihn unter Aussetzung eines Jahresgehalts von 1000 Thalern in seinen Dichterkreis nach München berief (1854). In dieser Tichter- tafelrunde wurde zwar viel in schöngeistiger Litteratur gemacht, aber 'den Fragen der Zeit hielt man sich natürlicherweise fern; denn König Max, so künstlerisch gebildet er immer sein mochte, blieb immer ein Fürst, und man wird nicht fehlgehen, anzunehmen, daß das Heysesche Schaffen von der Hosluft, die er atmete, nicht ganz unbeeinträchtigt blieb. Daher kann inan es als ein Glück betrachten, daß der Dichter, als 1868 seinem Freunde Geibel das Jahresgehalt wegen seines in Süddeutschland sehr mißfällig aufgenommenen poetischen Grußes an den König von Preußen entzogen wurde, auch auf das seiuige verzichtete, — denn nun erst zeigte er sich als ganzer und voller Dichter, und griff in seinen großen Romanen: „Kinder der Welt" und „Im Paradiese" mit Meisterhand in das volle Menschenleben hinein. Im ersteren Werke nahm er energisch Partei für die Lehren von Schopenhauer und Strauß, int zweiten bekämpfte er die traditionellen Ansichten über Sitte und Ehe.
Es ist hier nicht der Ort, näher auf die Werke Heyses einzugehen, ja von feinen zahlreichen Novellen können wir auch nicht einmal die Titel anführen; denn der Dichter hat eine erstaunliche Fruchtbarkeit bewiesen, doch sind es, wie betont werden muß, vor allem seine .Novellen, die ihn zu einem Liebling des deutschen Lesepublikums gemacht haben. Nicht ganz mit Unrecht hat man ihn den geistreichsten aller Novellisten genannt, wenn auch — was schon die große Zahl seiner Schöpfungen erklärt — diese sich in ihrem poetischen und ästhetischen Werte nicht sämtlich gleich sind, tzellmut Mielke nennt ihn in seinem 1890 in Braunschweig erschienenen Werke: „Der deutsche Roman des 19. Jahrhunderts" im Gegensatz zu Heine, der bekanntlich der „ungezogene Liebling der Grazien" genannt ivird, treffend „den gezogenen Liebling der Grazien" für welchen die Schönheitslinie das oberste Gesetz ist. „Er hat", betont derselbe Verfasser, „die Form der deutschen Novelle zu einer künstlerischen Ausbildung gebracht, die den feinsinnigen Geschmack geradezu entzücken kann, wenn der Dichter dafür auch die originelle Kraft des Naturells dämpfen mußte: Stoff und Charaktere sind immer von fesselndem Interesse, nur der künstlerische Hauch legt sich bisweilen doch erkältend auf sie. Heyse hat stets nur liebenswürdige und vornehme Gestalten für seine Novellen gewählt. Seine Eigenart liegt bereits in seinem Stil, in diesem glatten, anmutigen Linienzuge, der alle Kanten und Härten meidet, und die lebendigste Leidenschaft in dem Ausdruck einer reifen, geklarten Gesinnung bringt".
Heyse besitzt dabei eine außerordentliche Erfindungsgabe und Produktionskraft, er ist der Prediger eines heiteren Lebensgenusses, er vertritt die Rechte der Individualität gegen die Gesamtheit. Besonders seine Frauengestalten sind mit unübertroffener Meisterschaft gezeichnet. Weniger Geltung als auf epischem Gebiete hat unser Siebzigjähriger als Dramatiker erlangt; obwohl e$


