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Keinerlei Furcht malte sich in ihrem Ange. Wer sollte ihr wohl etwas zu Leide thun.
Da erblickte sie Paul. Er hatte sich vor das Keller- senster mit den Knieen auf die Pflastersteine des Hofes niedergelassen und klopfte nun sacht gegen die Scheiben.
Johanne starrte ihn an wie ein Gespenst.
Sie wollte etwas sagen. Aber ihr Kindermund blieb weit offen stehen.
Paul hatte rasch das kleine Fenster zurückgestoßen. „Fräulein Johanne", sagte er, indem er sich vor Verlegenheit mit dem Kopfe so weit vorbeugte, daß es aussah, als wolle er denselben in die Waschwanne tauchen.
Johanne hielt den Mund nur weit offen.
„Guten Abend", fügte Paul mit einem Anlauf zu einem erleichternden Lächeln hinzu.
„Gu—ten — Abend", flüsterte Johann»
Noch immer stand sie vor ihm, wie zu Stein erstarrt. An. ihren Armen hing noch der Seifenschaum. Und kleine Tropfen Wasser liefen an ihren Fingerspitzen entlang, auf die bunte Küchenschürze hinab, die sie über ihren roten Unterrock gebunden hatte.
„Ich wollte einmal sehen, wie es ihnen geht", sagte Paul, dem es war, als müsse er au dieser schwierigen Konversation ersticken. „Es ist wohl schon ein bischen spät, allein ich habe mich unterwegs versäumt. Ich glaubte auch gar nicht, daß Ihr Haus noch offen wäre. Da ging ich so langsam rings herum — und da fand ich denn die Hosthür noch unverschlossen."
„O Gott", hauchte Johanne, die jetzt endlich die Sprache wieder fand, aber noch lange nicht das Fassungsvermögen. „Wollen Sie nicht näher treten, Herr Paul?! Wenn die Tante Sie da draußen sieht!"
„Wie komme ich dennn herein?" fragte Paul, indem er hoffnungsfroh die Blicke durch die Waschküche schweifen ließ.
„Ja wie?" sagte Johanne ratlos, „der Eingang ist nur vom Hause aus."
„Wenn ich durchs Fenster stiege?" fragte Paul. Ihm war, als spräche er einen nie mehr gut zu machenden Frevel aus.
„Ich bitte", entgegnete Johanne mit demütiger Höflichkeit. Sie hatte schon einen Schemel herbeigeholt und vors Fenster gestellt.
„Wenn Sie da hinauftreten wollen, Herr Paul?" Paul war mit einem etwas holprigen Sprunge in der Küche.
Die beiden standen sich nun gegenüber.
„Nun also guten Abend, Fräulein Johanne!" sagte Paul ein zweites Mal. Er reichte ihr beide Hände hin. Die Befangenheit war von ihm gewichen. Da stand sie ja, hocherglühend, mit tief zu Boden geschlagenem Blick, wie damals. — „Fräulein Johanne", sagte er, indem er die beiden feuchten Händchen ergriff und in die seinen drückte. „Ich freue mich ja so unendlich, daß ich Sie Wiedersehen darf; — Sie glauben garnicht, wie ich mich darüber freue, — — ich habe so oft an Sie gedacht — und bin dann noch einmal bei Ihnen gewesen, — da hat ihre Tante mich weggeschickt — — und da dachte ich schließlich — wenn Fräulein Johanne uns auch nur ein bischen gern hat, dachte ich, da würde sie doch in einer Stunde, wo die Tante nicht in ihrer Nähe ist, einmal zu uns herangekommen sein." —
Er hatte schnell, in fliegender Erregung gesprochen, Johanne hatte längst ihre großen Augen erhoben, und die hingen an seinem Gesicht.
„Ich habe keine Stunde, wo die Tante nicht in meiner Nähe ist", entgegnete sie endlich. „Immer, immer ist sie um mich. Und dies ist die einzige Zeit, Herr Paul, wo wir uns einmal sprechen dürfen."
So viel Ergebung lag in ihren Worten.
Paul beugte sich zu ihr hinab. Seine Zunge war nicht mehr gefesselt. Ein Strom von Worten drängte sich auf seine Lippen. Aber nur ein Stammeln davon fand einen Ausweg, in zärtlichen, zitternden Lauten:
„Kommen Sie mit mir, Johanne!"
Sie stand in atemloser Verwirrung; ein Leben ging über ihre Gestalt.
„Mit — Ihnen?" flüsterte sie fassungslos.
„Ja", sagte er. „Mit mir nach Haus, Johanne, wo die Mutter Sie mit offenen Armen aufnehmen wird. Es
ist so still bei uns, seit Nettchen fort, und wir sind alle — so einsam."
Johanne hatte sich von seinen Händen losgemacht. Als suche sie nach einem Halt, trat sie ans Waschfaß und stützte sich mit beiden Händen auf den Rand.
„Wollen Sie mir nicht antworten, Johanne?" fragte Paul. — Da begann sie zu waschen. —
Mit all ihrer Hilflosigkeit flüchtete sie sich in dieses große, breite Wasserfaß, das schon so viele von ihren Sorgen und Kümmernissen mit seinen kleinen Wellen hinfortgespült hatte.
Paul staud regungslos. Seine Augen folgten ihren Bewegungen, und als habe er die Prozedur des Waschens noch nie in seinem Leben beobachtet, so hing gespannt sein Blick an dem Bottich und seinem Inhalt.
Er grübelte nach einem Wort, das reicher, besser als die vorherigen, und ohne Johanne im gleichen Maße zu erschrecken, hätte aussprechen können, was er empfand.
„Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Paul", flüsterte Johanne zwischen dem Waschen fort.
Er nahm auf einem Holzblock Platz.
„Ich werde wohl gleich gehen müssen", sagte er endlich. „Es ist ein Viertel über zehn. Man wird das Hof- thor schließen." Johanne protestierte nicht; aber wie verzweifelt wusch sie weiter. —
Nun hörte man eine ganze Weile nichts als das Plätschern des Wassers, in das die kleine Wäscherin ihre große Wäsche drückte und tauchte.
Auf dem Hose war es still. Von der Straße her tönte ab und zu das gedämpfte Rasseln eines Wagens oder der wuchtige Schritt des patrouillierenden Nachtwächters.
„Um elf Uhr kommt Herr Neumann zu Haus, unser Vizewirt, der beim Telegraphendienste ist", sagte Johanne abermals aus der Wäsche heraus. „Dann schließt er das Hausthor."
„Also werde ich gehen", entgegnete Paul.
Langsam erhob er sich. Ihm war, als hielten ihn tausend und abermals tausend feine, eiserne Klammern an diesem rohen Stück Holz, auf dem er gesessen und Johanne zugeschaut hatte, fest.
Er würde gehen, und damit war alles zwischen ihm und ihr für ewige Zeit vorüber.
Sie hatte ihn nicht anhören wollen.
Nicht mit einer Silbe kam sie ihm entgegen.
Ein Groll, so verzehrend wie er ihn noch nie gekannt hatte, stieg in ihm auf.
Mit einem kurzen Abschiedswort wollte er an ihr vorbei.
Da fiel ihm ein, daß er ohne ihre Hilfe ja nicht aus dem Hause könne.
Wie ein Don Juan, der ein Stelldichein sucht, hatte er sich auf versteckten Wegen zu ihr geschlichen.
Er wandte sich nach ihr um. Aber vor dem rührenden Bilde, das er erblickte, wurde sein grollender Ausdruck weich und mitleidig.
Da stand sie auf den Zehen, die Brust fest an den Rand des Bottichs gedrückt. In ihren Kinderarmen hielt sie ein Wäschestück, ein Laken, das sie auszuwringen suchte, und das wie eine aufgequollene Riesenschlange" über den Rand der Wanne hinunterhing, wo es Ströme von Flüssigkeit^ vergoß.
Im Augenblick war Paul an der Wanne. „Lassen Sie mich helfen, das können Sie nicht allein!" rief er aus. Und indem er mit festen Händen die aufgequollene Rolle zusammendrehte, fügte er mitleidig hinzu:
„Mit diesen Kinderfingerchen!" >
Johanne hatte im ersten Staunen das Wäschestück losgelassen. Jetzt griff sie mit angstvoller Hast darnach. „Nein, nein!" stieß sie hervor. „Sie dürfen nicht, Herr Paul. Geben Sie her, was thun Sie denn?"
Ganz verzweifelt riß sie an dem schweren Stück, das Paul mit so raschen Bewegungen auszuwringen begann.
Plötzlich — wie war es gekommen? Hatte sie ihr Händchen nach ihm ausgestreckt, — hatte er sich's genommen?
Hefter der feuchten, dicken, weißen Schlange fanden sich ihre Finger.
„Johanne!" flüsterte Paul.


