zurückkehren, denn sie wußte schon, wie schnell oft das Morphium einen Umschlag in der Stimmung hervorbrinch, aber als der Sinn seiner Worte ihr klarer wurde, geriet sie in eine heftige Angst.
O, Mildred, warum hast Du mich nicht sterben lassen, murmelte die Mutter klagend, als sie wieder erwachte.
Maina, wie kannst Du nur daran denken, mich zu verlassen?
Mildred, ich fürchte, es muß sein, mein Herz verblutet innerlich. Plötzlich ergriff sie Mildred heftig an der Schulter. Geh' hinein in sein Zimmer — und sieh — nach seiner Pistole!
O, Mama! Mama! rief Mildred.
Schnell! Schnell! rief die Mutter. Ich kann die Un- gewißheit nicht ertragen!
In der Meinung, daß ihre Mutter etwas hysterisch aufgeregt sei, uud daß die Erfüllung ihres Wunsches sie beruhigen werde, ging Mildred in das andere Zimmer, wo der Vater immer seinen Kavallerierevolver aufbewahrte, das einzige Angedenken an sein Kriegsleben.
Der Revolver war verschwunden.
Sie sank beinahe nieder vor Schrecken und wagte nicht, zu ihrer Mutter zurück zu kehren.
Mildred! Mildred! Schnell! mahnte die Mutter.
Das arme Mädcheu eilte hinaus und verbarg sein Gesicht an der Brust der Mutter.
Mama, Mama, Du mußt leben für uns!
Ich wußte es! — Ich wußte es! stöhnte die Mutter. Ich habe es in seiner verzweifelten Miene gelesen! Ach, Martin, Martin! wir wollen miteinander sterben!
Sie umfaßte Mildred, drückte sie an sich und zitterte krampfhaft, dann aber fielen ihre Arme herab, und sie wurde so still, wie die arme Bella gewesen war.
Mama! schrie Mildred in wahnsinniger Angst, aber schon war die Mutter weit entfernt, und das leidende Herz war zur Ruhe gegangen. —
Noch an demselben Abend brachte ein kleiner Knabe einen Brief. Mildred ergriff ihn und fragte: Wer hat Dir das gegeben?
Ich weiß nicht — ein unbekannter Mann. Er deutete nach dieser Thüre und dann ging er sehr rasch fort.
Sie öffnete den Brief und las mit Entsetzen.
Mein geliebtes Weib, das mir teurer ist als alles in der Welt in diesen letzten, verzweifelten Augenblicken. Meine Liebe zu Euch ist das einzige Gute, was in meinem Herzen geblieben ist. Ich sterbe für Euch, denn mein längeres Dasein wäre ein Fluch für Euch! Ich bin von einem Teufel besessen, den ich nicht bezwingen kann! Ich kann Dich nicht um Verzeihung bitten und kann mir selbst nicht verzeihen ! Lebet wohl! Wenn ich dahin bin, werden schönere Tage für Euch alle kommen. Bemitleide mich, wenn Du kannst, und erinnere Dich meiner, wie ich früher gewesen.
Und damit endigte die schreckliche Botschaft.
Eine Stunde lang lag das Mädchen stöhnend in tiefem Schmerz, und dann gab der Arzt, der gerufen wurde, ihr ein Beruhigungsmittel, worauf sie in einen langen Schlaf verfiel. Spät am Morgen erwachte sie zu der schrecklichen Wirklichkeit, aber Frau Willow und Klara Wilson saßen an ihrem Bett. Die letztere war zur Stadt gekommen, um Mildred und ihre Mutter auf das Land zu bringen.
Ich muß Papa finden, erwiderte Mildred auf Klaras Aufforderung, sie zu begleiten.
Soll ich es ihr sagen? fragte Frau Wilson leise und Frau Willow nickte.
Wir haben dies in der Zeitung gefunden, sagte Klara. Ein Unbekannter hat sich auf den Stufen des Hauses Hudsonstraße 73 erschossen. Der Leichnam ist nach der Morgue gebracht worden.
Einen Augenblick zitterte Mildred so heftig und sah so niedergeschmettert aus, daß die Frauen das Schlimmste befürchteten.
Armer Papa! stöhnte sie. Die Gewissensbisse und das Morphium haben ihn wahnsinnig gemacht. Hudsonstraße 73, das war ja das Haus, in dem wir einst wohnten, dort hat Papa die ersten glücklichen Jahre in dieser Stadt verlebt. O, wie entsetzlich! Was sollen wir thun?
Ueberlassen Sie das alles mir, sagte Frau Willow und jnachte sich sogleich auf den Weg.
Ach, wie wünschte ich, daß Robert hier wäre! seufzte Mildred.
Mildred, erwiderte Klara, seinetwegen müssen Sie sich zusammennehmen. Ich glaube, sein Leben hängt von Ihnen ab, er hat das Fieber, und im Delirium ruft er beständig nach Ihnen.
Diese Nachricht schien auf Mildred noch verhängnisvoller einzuwirken, als alles frühere. Ich habe ihm nichts als Unglück gebracht, klagte sie.
Mildred, noch ist er nicht tot, und wenn Sie wollen, können Sie ihm das Leben zurückgeben.
Mildred wurde bald wieder ruhig und entschlossen.
Das hängt alles von Ihrem Mut ab, wiederholte Klara. Ich habe mit Frau Willow bereits alles verabredet, wir wollen mit dem Boot heute abend nach Forestville fahren und die Ueberreste Ihrer Eltern mitnehmen.
Sie wurden still und einfach neben der armen Bella begraben. Mildred sah mit zärtlichen Blicken, wie sehr ihre kleinen Geschwister in der reinen Landluft gewonnen hatten. O, Klara, sagte sie, wie, freundlich haben Sie sich gegen usts bewiesen! Gott allein kann Sie belohnen!
Am Abend nach der Beerdigung besuchte Mildred Frau Atword, welche sie herzlich begrüßte, selbst der alte Farmer fuhr mit dem Aermel über die Augen. Wenn Sie uns Helsen wollen, unfern Jungen zu retten, so werden Sie finden, daß ich kein so knorriger Mensch bin, wie es aussieht. Mit Verwunderung und erstarrendem Herzen erblickte Mildred die Veränderung im Aeußeren Roberts. Sie wurde seine unermüdliche Wärterin, alle bewunderten ihre Ausdauer. Endlich kam die Krisis, aber sie führte nicht zum Tode, sondern in einen ruhigen Schlaf. Mildred hielt seine Hand, und als er die Augen öffnete mit, dem hellen Blick des Verständnisses, erblickte er zuerst ihr liebes Gesicht.
Mildred! flüsterte er.
XXXVI.
। Mutter und Sohn.
Unsere Geschichte geht rasch über die folgenden Monate hinweg. In der frischen Bergluft erholte sich Robert rasch. Sobald er stark genug war, ging er auf den Kirchhof, um Bellas Grab zu besuchen. Schluchzend führte ihn Mildred nach Hause zurück. Sie widerstand allen Bitten, auf dem Lande zu bleiben; sie sagte, sie sei an das Stadtleben gewöhnt und müsse in der Stadt ihren Unterhalt verdienen. Als Frau Willow von Mildreds Absicht, nach der Stadt zurückzukehren, erfuhr, nahm sie eine bequemere Wohnung in dem alten Hause, um dem jungen Mädchen ein Zimmer davon abgeben zu können.
Als Robert wieder seine frühere Kraft erlangt hatte, sagte Frau Atword zu ihrem Mann, er müsse mit ihr seinen Bruder in der Stadt besuchen, denn die würdige Mutter hatte einen Plan, den sie mit zärtlichster Entschiedenheit und Einfachheit zur Ausführung brachte.
Sie trafen Bruder und Schwägerin beim Frühstück an, das sie auf eine etwas frostige Einladung mit einnahmen. Dann begann Roberts Mutter ohne Umschweife:
Schwager, ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen, und wenn Sie ein echter Atword sind, so werden Sie mich anhören. Ihre Frau und mein Mann müssen gegenwärtig sein. Jonathan, ich glaube, Sie sind von Herzen ein guter Man,n, aber Sie legen zu viel Wert auf vergängliche Dinge. Mein Sohn hat mich belehrt, daß es noch Besseres in der Welt giebt, und wir werden bald alle dort sein, wo wir das Geld als einen Fluch erkennen werden. Sie haben seit dem letzten Frühjahr mit meinem Sohn nicht mehr gesprochen und sind kalt gegen uns geworden. Sie sollen die Wahrheit wissen und ein-, sehen, was Sie thun; denn wenn Sie in diesem Wesen beharren, so müssen Sie es mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen.
Und mit dem ihr eigenen Pathos sprach sie alles aus, was sie aus dem Herzen hatte. ।
Der Onkel versuchte zuerst grimmig und hartnäckig zu sein, aber bald wurde sein Widerstand vollkommen gebrochen.
Es freut mich, daß Ihr gekommen seid, sagte er. Mein Gewissen hat mir seit Monaten keine Ruhe mehr gelassen, und ich hätte gerne nachgegeben. Aber für einen Atword ist nachgeben so angenehm, wie Zähne ausziehen. Ich


