Ausgabe 
14.10.1900
 
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- S8Z

®er Bankier zuckte ungeduldig mit den Schultern. Lassen Sie uns endlich aushören, die Vergangenheit zu erörtern. Dies alles hat doch ohne Zweifel einen ganz bestimmten Zweck. Sie sind gekommen, um eine Forder­ung an mich? zu erheben, nicht wahr?"

Ich erwarte Pons Ihrer alten Freundschaft einige kleine Gefälligkeiten, das kann ich nicht in Abrede stellen".

So nennen Sie mir ohne Umschweife den Betrag, auf den Sie sich Rechnung gemacht haben".

Aber wer sagt Ihnen denn, Verehrtester, daß es mir um Ihr Geld zu thun ist? Sehe ich aus wie einer, der auf 'Erpressungen ausgeht? Sollte ich jemals in eine finanzielle Bedrängnis geraten, so würde ich ja sicherlich Ihnen zuerst mein Vertrauen schenken, vorläufig aber begehre ich; wirklich nur Ihre Freundschaft und nichts als diese".

(Fortsetzung folgt.)

Bei der Pflaumendarre.

Ein Gefchichtchen von LuiseGlaß.

Nachdruck verboten.

Wohlrechts Male gehörte nicht mehr zu den Jungen. Sie warne Schwere". Allemal zum Erntefest kauften sie ein neues Seidnes, uud allemal tanzte sie in der Schenke vom ersten bis zum letzten, aber: es machte sich nicht.

Entweder warEr" schwerer wie sie und sprang wieder ab, oder Er war nicht schwer genug, und die Eltern meinten, man dürfe sich nicht wegwerfen, oderes paßte zwar alles", aber der Mann paßte der Male nicht. So kam sie in die Jahre.

Nu, stattlich is sie schon noch, aber sie könnte itzt dazu thun; wenn sie aus'm Hause is; dann hol ich mir 'ne Frau", sagte der Bruder, der eine Leichte gern hatte und es durchsetzen wollte, wenn nur erst Raum für sie war.

Das hatte bei den Wahlrechts überhaupt 'ne komische Art: die Leute im Dorf tuschelten noch heute von damals, wo Male auch einem Leichten gut gewesen war. Schmuck war ja der Christoph, stramm und kräftig; die Frauen wußten noch alle, wie hübsch er ausgesehen hatte, und die Männer, wie stark er gewesen war, aber gehabt hatte er nur einenPappenstiel", damit freit man keine Wohlrechts Male. Weil er sich die dazumal in den Kopf gesetzt hatte, und abfiel mit seiner Freite, verlauste ersein bißchen Armut" und ging außer Lauds: nach Ungarn sagten die einen, nach Livland die andern.

Seit zehn Jahren war er fort, und die Male hatte nie wieder von ihm geredet, ob sie noch an ihn dachte, wußte nicht mal die Mütter; nur wenn MaleNein" sagte auf eine vollwichtige Werbung, kam der Alten ein leid'ger Ver­dacht, aber sie sagte nichts davon: Nur nichj reden! Reden macht allemal alles schlimmer.

Na und Heuer würd' es ja nu wohl ins gleiche kommen. Da hatte der Besenpeter, was'der Gelegenheitsmacher über den Wald war, ja wieder was ausgekundschaftet. Hinterm Berg saß der Waldhans ein Großer und Schwerer, dem war die Frau an Zwillingen gestorben, der wollte eine Gesetzte; und der würde morgen zum Entefest kommen.

Die Mutter sah der Male nach, wie sie stattlich mit hochgehobenem Kopf über den Hof schritt: fest und drall, groß uud freundlich, den dicksten Zopf im Dorf uud bte flinksten Füße, den hellsten Kopf und die geschicktesten Hände, eigentlich war sie noch viel zu schade für 'nen - Witwer, aber wenn nur bloß endlich mal in Gottes Namen was draus würde. Diesmal gab's eine Hoffnung: die Waisen hatten dem Mädchen so blutleid gethan.

Male schob den Eimer unterm Brunnen und bewegte den Schwengel. Wie das Wasser eiuströmte, fiel ihr die Quelle ein, die oben auf der Bergwiese aus dem Stein stürzte. Da oben hatte sie einmal nach dem Mähen mit dem Christoph ausgeruht.

Er ist doch ein Lump, dachte sie, wer werß, wo er nch rumtreibt. r

Sie trug den Eimer in den Kuhstall zum Tranken, v war der letzte. Dann trat sie in die Stube und sagte:Ich will noch mal in die Darre gehn." ,

Die Mutter nickte dazu soweit war alles fertig: die

Kuchen füllten die Speisekammer, die Erntekränze dufteten im Keller, das neue Grünseidene hing im Schrank, alles war gescheuert, geharkt, geputzt, dazu geschlachtet; morgen konnte man die Hände in den Schoß legen und feiern.

Nu, so geh' in die Darre, un schaff' Dir dort verliebte Gedanken an; der Bergsche Freier kommt, ich dächst, es wär an der Zeit.

Ich denk die Mutter sagt alleweile, 's wär schön ohne Großmagd wirtschaften", siel die Male ein und henkelte einen Korb an; denn bei der Darre stand ein Apfelbaum.

Dein Bruder hat nu's Alter, der kann mir 'ne Schwieger einheiraten."

Male antwortete nicht weiter; sie drückte die Thür auf und ging hinaus. Also jetzt war sie im Weg, der Bruder wollte heiraten, und die Mutter hatte die Nachbarstochter irrt Auge; aber wenn sie nur erst weg war und der Magd­ärger 'losging, dann ließen die Alten schon die Leichte herein, als besser, denn keine; überhaupt würde der Bruder seinen Willen durchsetzen:Mannsleute kriegen allemal recht unser eine muß ducken."

Sie warf den Korb ins Gras, riß die Darrenthür auf und fing's Pflaumenwenden an. Alles ungestüm mit vei> haltener Kraft und verhaltenem Zorn.

Das heißt, wenn's rechte Mannsleute sein", setzte sie plötzlich hinzu und hielt mit dem Wenden inne.

Dabei's ah sie unverwandt in die eine Ecke des luftigen Bretterhäuschens hinein in der Ecke standen zwei und umhalsten sich, das Mädchen weinte, der Bursch hatte sich ihren dicken Zopf um die HÄnde gewickelt und sagte immer wieder: halt Nur aus, halt aus! ich hol Dich und wenn dem Teufel seine Großmutter unfern Ehering am Finger trüg, ich zieh ihr ihn ab und steck ihn Dir an."

Und da hatte die Male denn gewartet; auch noch. als sie schon nicht mehr daran glaubte, daß der Christoph mit dem Teufel seiner Großmutter fertig werden würde; eben weil ihr kein anderer gefiel, nach dem einen. Aber nun mußte sie vernünftig sein, nun mußte fie dem Bruder Platz machen, und dazu war der Waldhans ebenso gut wie ein anderer.

Sie wendete die Pflaumen weiter, jetzt stet und ge­lassen, und dann trat sie hinaus unter den Apfelbaum, um das Körbchen für die Städter zu füllen, die morgen etwa ihrem Butter- und Milchgut die Ehre gäben. ~

Der Apfelbaum machte seine ganz besondereMusik. So flüsterte kein anderer in der Welt. Male, sagten die Blätter, Mädel, rauschten die Zweige, Schatz, sang die Goldammer, die dort drinnen ihr Nest hatte. Heute grad wie vor elf Jahren: aber vor zehn Jahren hatte ein lustiger Bursch aus dem Aste gehockt und ihr den schönsten Apfel auf die Schulter geworfen.

Male wandte sich jäh um: hatte sie nicht eben ganz deutlich sein Lachen gehört?

Natürlich nicht- Ganz verdreht war sie heute. Sie schloß die Darre, füllte den Korb und ging gelassen nach Hause. Ein paar Mädchen, die sie tras, riefen ihr kichernd zu:der Bergsche Freier ist da!" der Bruder zog sie den Abend lang auf mit derben Neckereiu, der Vater redete schmunzelnd von Hochzeit, sie sagte nicht ja und nicht nein dazu.

Am andern Tag in der Schenke ging's hoch her; der Bergsche ließ was drauf gehen, verlangte und bezahlte die neuesten Tänze, hielt die Burschen frei und schwenkte da» Grünseidne, so oft sich's schwenken ließ.

Der will den Witwer vergessen machen", sagten die jungen Mädchen,na, diesmal wird's was."

Auf eintnal ging ein Tuscheln durch deu Saal; aus der Ecke, wo der verstaubte Fremde saß, fing's an, und von dort aus verbreitete sich's durch das Gasthaus bis in den Garten hinaus:Seht mal zu, dort sitzt einer braun und haarbuschig und mitgenommen wie von weitem Wege aber dem Christoph gleicht er doch wie per Aeltere deut Jüngeren gleicht. Seht ihn Euch blos mal an!"

Endlich kam das Tuscheln bis zur Male, sie wandte den Kopf nach der Ecke und erschrak. Kein Zweifel, er war's! er trank ein Glas Bier und schaute sie an, wie ihr Blick ihn traf, stand er auf und ging auf sie zu.

Grüß Gott", sagte er,nun wollen wir eins tanzen."

Sie wollte nicht, das Grünseidene mit den: wege­staubigen Mann? Es beleidigte sie geradezu, daß er am Erntefest fo vor ihr stand, aber das Nein ging nicht über.