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auf Lasdehnen bereiten, arme Lotte!" sagte Elisabeth mit ement wehmütigen Lächeln. „Denn auf lange Zeit hinaus werden wir hier weder Besuche empfangen noch fröhliche Feste begehen. Haben wir selber doch noch kaum ein sicheres Dach über unseren Köpfen".
(Fortsetzung folgt.)
Reisebilder aus China.
Von Wilh. F. Brand.
m Nachdruck verboten.
Von Hongkong nachShanghai.
„In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad", ertönt es über die 'wogenden Fluten dahin, und durch der Schiffe schornsteinreichen Wald im Hafen von Hongkong flattert uns die deutsche Flagge entgegen. In einigen Augenblicken befinde ich mich ivieder auf deutschem „Grund und Boden", an Bord der „Preußen", die sich eben zur Werterfahrt nach Shanghai anschickt, und unter den Klängen von „Deutschland, Deutschland über alles" stechen wir alsbald in See.
An Bord b efand sich auch ein Ablösungskommando der Marine, das in „geschlossenem Kommando" und daher auch rn Uniform und init Aufrechterhaltung des Dienstes reiste. So war die „Preußen" bis zu einem gewissen Grade in ern Marine-Transportschiff umgewandelt. Doch trug dies neue dem Reichspöstdampfer beigemischte Element mancher- ler zur Unterhaltung per Passagiere bei, wie denn zumal auch, dre Offiziere, in ihrer Eigenschaft als Reisegenossen,' betrachtet, natürlich als eine gar angenehme Zugabe sich erwiesen. Unter ihnen befand sich, auch der liebenswürdige Graf Soden, der Befehlshaber der letzthin zum Schutze der deutschen Gesandtschaft nach Peking geschickten deutschen Truppe.
Niemand aber genoß die „Einquatierung" wohl mehr, als die verschiedenen farbigen Kindermädchen, die sich mit den Mannschaften im Zwischendeck angefreundet hatten — Siamesinnen, Malahinnen und Chinesinnen —, es mögen aber auch andere Mädchen gewesen sein, ich sah sie nur mehrfach so im dunkeln vorüberhuschen, nachdem sie mit einem der zahlreichen „Vettern" unten ein Stelldichein gehabt.
Aber auch bei uns ging es gar lustig zu. Schon am ersten Abend war 'großer Ball. Und besonders erfreulich ist es, zu beobachten, wie die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten — Engländer, Holländer, Amerikaner, Belgier, Franzosen, Japaner und Deutsche — so trefflich mit einander auskommen. Freilich, es sind ja alles vielgereiste Menschen, die nicht nur Rücksicht auf einander nehmen, sondern auch,Verständnis für einander haben und nicht in aufgeblasener, kurzsichtiger, nationaler Dünkel-, Hastigkeit immer nur ein Auge für die Schwächen der anderen besitzen, wie es bei den Nationen im allgemeine^ der Fall ist..
So gleiten wir auf unserem schwimmenden Palast weiter dahin durch das chinesische Meer. Nichts als Himmel und Wasser und dazwischen unser winziges Fahrzeug! Verzeihung, Herr Kapitän, es ist ja ein Koloß an sich, gewiß; aber im Vergleich, zu dem unbegrenzten Himmelszelt, das darüber ausgespannt, zu den endlosen Wassermassen, auf denen es dahinwogt, ist es doch gewiß nur einer Nußschale gleich.
Und der Mond scheint so geheimnisvoll drein! Und die Sterne blicken in seltsamer Pracht. Wir rasen dahin, von 3500 schäumenden Seerossen gezogen, in vollstem Galopp, unaufhaltsam. Und die Menschen ringsum, sie schäkern und tanzen und jauchzen. Ein Wolkenschleier umlagert die Himmelsleuchte! Wir erkennen kaum noch, die Umrisse der sich umschlungen haltenden Paare! Doch ein inneres Licht läßt uns um so tiefer blicken — tiefer und tiefer!--bis auf den Boden des Schiffes! — Und tiefer
und tiefer noch ■—>ijn die wogenden Wasser mit den Scharen von Haien und anderen Meeresungetümen — und tiefer noch, —, immer tiefer bis auf den Grund des Meeres. Und von kriechendem Getier und düsterem Pflanzenwuchs umgeben — auf hartem Fels gebettet — liegt das Wrack
eines einstmals stolzen Dampfers, und in seinen Kabinen —
Ein besonders enthusiastisches Pärchen hätte mich, in diesem Augenblick beinahe über den Haufen getanzt. Zerronnen find plötzlich alle die krausen Bilder. Sie kommen hier ja so leicht. Und doch ist hier thatsächlich nicht mehr Anlaß dazu vorhanden als anderswo. Das beweist eben das lustige Treiben, das sich auf unserem Schiffe entwickelt hat. Was ist es anderes als ein Bild aus dem Menschenleben im allgemeinen, in dem wir dahin jagen und tanzen über Abgründe, die uns überall entgegen gähnen! Aber wer könnte je wieder tanzen und fröhlich sein, wenn er stets „auf den Grund" blicken wollte. Der Himmel wacht auch über uns —■ der Himmel und Kapitän Wettin mit allen feinen braven Mannen.
Wohlbehalten trafen wir in Shanghai ein. Indessen wie bedeutend dieser Ort als Handelsplatz auch sein mag, für den Vergnügungsreisenden,, zumal in szenischer Hinsichjt, steht Shanghai weit hinter Hongkong zurück. Doch scheint das gesellige Leben in der europäischen Kolonie wieder recht entwickelt; und so giebt es hier auch wieder mehrere großartig eingerichtete Klubs, wie sie nur wenige Städte Deutschlands aufweisen können. Hier findet der Reisende dann leicht Einführung und ein trautes Heim in fremden Landen.
Wie aber überall, wo die Engländer stark vertreten sind, so hat auch Shanghai unmittelbar bei der Stadt seine große Rennbahn, Cricket- und Foot-Ball-Felder. Ja, es giebt sogar eine Art Korso in Shanghai — in Nanking- Road — an dem auch die Chinesen sich rege beteiligen. Einzelne halten sogar Equipagen, in denen sich auch wohl die Schönen des Landes zeigen, prächtig herausgeputzt, mit Blumen im Haar, bunt, Prunkhast, blendend, befremdend, traumhaft, wie Wesen aus einer anderen Welt und wieder wie ausgeputzte Puppen, und trotz alledem nicht ohne einen gewissen Geschmack gekleidet.
Hübsch sind sie jedenfalls nicht. Aber es scheint fast, sie gewinnen etwas bei näherer Bekanntschaft. Jedenfalls kommen sie mir schon nicht mehr so erschreckend häßlich vor, wie zu Anfang. Ja, eine der jungen Chinesinnen auf dem heutigen Korso nahm sich fast wie eine Prinzessin unter ihren Landsmänninnen aus — freilich wie eine chinesische Prinzessin natürlich. Indessen ich gestand eben noch, daß mir diese Damen vielfach wie Wesen aus einer anderen Welt vorkommen, ich konnte mir daher auch nicht gleich über ihre soziale Stellung selbst Aufschluß geben. Meine Begleiterin, eine hier ansässige deutsche Dame, an die ich eine hierauf bezügliche Frage richtete, rümpfte aber das Näschen und Jagte nur: „Nichts Rechtes!" Ich mochte nicht weiter forschen, jedoch wenn wir erwägen, daß die vornehmeren Damen, die tugendsamen und wohlerzogenen, sich hierzulande nicht leicht öffentlich auf der Straße in offenem Wagen zeigen, vollends nicht vor uns „Barbaren", so dürfte meine Freundin doch wohl recht haben. Armes Prinzeßchen!
Uebrigens sind die Equipagen und selbst die Mietwagen auch hier noch ziemlich spärlich vertreten. Das eigentliche Nationalgefährt ist hier der — Schubkarren! Dieser ist ähnlich wie der bei uns wohl bei der Feldarbeit verwandte Karren, nur schwerfälliger und größer. Das gewaltige Rad durchschneidet den „Bock" in zwei Teile, und auf diesem hocken die Herrschaften, indem sie die Beine herabbaumeln lassen. Ich habe so öfters auf einem einzelnen Karren nicht weniger als sechs Frauen und Kinder und auch Männer untergebracht gesehen, und ein einziger Kuli schob natürlich das ganze halbe Dutzend. Glücklicherweise giebt es hier auch wieder Jnrickschas, und so habe ich bislang das Nationalgefährt noch gar nicht benutzt. Indessen auch das Zweirad hat hier längst seinen Einzug gehalten, und zwar nicht nur unter den Chinesen, die damit kund- thun, daß sie „wirklich vernünftigen" Neuerungen gar nicht so ganz abhold sind.
Ja, es beginnt sich nach mancherlei Richtungen hin zu regen in diesem „Lande des Zopfes". Daß dieser Zopf selbst aber zu irgend etwas nütze sein könne, davon erhielt ich einmal einen augenscheinlichen Beweis. Ein Sicherheitsbeamter führte drei Gefangene durich die Stadt. Sie hatten weder Handschellen an, noch Ketten an den Füßen, — sie waren einfach mit ihren Zöpfen zusammengebunden.


