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erstaunten und unwilligen Blick bemerkte. „Während des Krieges ist eine arge Verwilderung unter den Leuten eingerissen, und wenn man sie nicht beständig die eiserne Faust des Gebieters fühlen läßt, werden sie nur zu leicht aufsässig und widerspenstig. Es hat mich Mühe genug gekostet, Ordnung und Disziplin unter ihnen herzustellen".
Wenn er dafür auf Elisabeths Anerkennung gerechnet hatte, so mußte er sich vorläufig noch gedulden; denn sie trat, ohne auf weitere Erörterungen einzugehen, rasch in das Haus und durchschritt mit prüfenden Blicken die wenigen, notdürftig bewohnbar gemachten Gelasse. Soweit es sich dabei um die im Erdgeschoß belegenen Zimmer, die Küche, die Wirtschaftsräume und die Domestikenkammern handelte, war das Ergebnis der Musterung nicht sonderlich darnach angethan, sie zufrieden zu stellen. Als die Damen dann aber auf des Verwalters höfliche Einladung über die roh gezimmerte Treppe in das erste Stockwerk hinaufstiegen, gab es von feiten der Frau von Men- zelius und ihres Töchterchens allerlei lebhafte Ausrufe ungeheuchelter Ueberraschung und aufrichtiger Freude.
Auch Elisabeths ernste Miene hellte sich! auf; denn es war nicht anders, als sei sie durch ein Wunder aus der denkbar armseligsten und notdürftigsten Umgebung plötzlich wieder in die gewohnten, anheimelnden und behaglichen Verhältnisse versetzt worden. Den größeren Teil der Einrichtung hatte sie allerdings selbst vor einigen Wochen hierhergesandt, aber die Art der Anordnung und Aufstellung und die mancherlei kleinen Luxuszuthaten, die er sich von diesem entlegenen Winkel aus sicherlich nur mit großer Mühe hatte verschaffen Jönnen, waren ohne jeden Zweifel das eigene Werk des Verwaltrs. Er hatte dabei soviel Geschmack und soviel feinsinnige Rücksichtnahme aus die kleinen Bedürfnisse und Wünsche verwöhnter Damen an den Tag gelegt, daß Frau von Menzelius aus der Verwunderung gar nicht herauskam und ihm ihr Lob in der freigiebigsten Weise spendete.
„Das habt Ihr vortrefflich gemacht; das ist ja beinahe so gemütlich, wie bei uns in Küstrin!" rief fie einmal über das andere. „Sieh nur, Elisabeth, an was alles dieser gute Wülfing gedacht hat. Er ist, wie mir scheint, zum Haushofmeister geboren".
Fräulein von Marschall sagte nichts; aber als sich ihre Tante und ihre Base zurückzogen, um ein wenig Toilette zu machen, bedeutete sie Franz durch eine Handbewegung, noch zu bleiben.
„Du bist, wie ich sehe, sehr eifrig um unser Behagen bemüht gewesen, Franz", wandte sie sich an ihn, sobald sie allein waren. „Es hätte dessen nicht bedurft, aber ich danke Dir nichtsdestoweniger für die freundliche Absicht. Und nun zu etwas Wichtigerem. Wie soll sich Deiner Meinung nach unser Verhältnis künftig gestalten? Ich habe unter der Hand Erkundigungen eingezogen und man hat mir gesagt, daß Du auch heute noch wegen Deines einst begangenen Verbrechens vor den Richter gestellt werden würdest, wenn man Dich ergriffe. Auf die Verschwiegenheit der Frau von Menzelius wäre vielleicht nicht'unbedingt zu rechnen, und ich, möchte überdies ihr Gewissen nicht ohne Not belasten. Darum scheint es mir das beste, wenn Du hier für jedermann ohne Ausnahme auch künftig der Gutsverwalter Peter Wülfing bleibst"
„Wie Du es befiehlst, Elisabeth! Ich will in den Augen der anderen gern für einen Menschen von geringer Herkunft, für einen niedrigen Diener gelten, wenn ich nur hoffen darf, in den Deinen endlich wieder —"
„Nicht so schnell!" unterbrach sie ihn mit Entschiedenheit. „Ich war noch nicht zu Ende. Erinnere Dich des Gespräches, das wir vor einigen Monaten in Küstrin miteinander geführt; dann wirst Du begreifen, daß ich nicht innerhalb dieser kurzen Zeit völlig anderen Sinnes geworden sein kann. Du schreibst mir, daß Du hier übermenschlich gearbeitet hast, um Dich meines Vertrauens würdig zu erweisen. Wohl, ich will es glauben. Doch einige Wochen rechtschaffener Arbeit können mich unmöglich vergessen machen, was ich schon um meines eigenen Verschuldens willen wahrscheinlich niemals vergessen werde. Ich will versuchen, nicht den Zerstörer meines Glückes, sondern nur einen Fremden in Dir zu sehen und Dich wie einen Fremden zu behandeln. Bist Du damit einverstanden, so steht Deinem ferneren Verbleiben auf
Lasdehnen nichts im Wege. Hast Du aber etwas anderes erwartet, so ist es besser. Du gehst. Ich bin bereit. Dir einen geeigneten Poften aus meiner Besitzung in Schlesien anzuweisen".
Während sie sprach, hatte erst eine brennende Röte und dann eine um so tiefere Blässe das Gesicht des Verwalters überzogen. Seine Fingerspitzen gruben sich in die Handflächen ein, und in verbissenem Grimm preßten sich seine schMalen Lippen zusammen.
„Ist Dir mein Anblick so verhaßt, Elisabeth, daß Du mich nicht in Deiner Nähe dulden kannst, wahrhaftig, dann hättest Du mich damals nicht hindern sollen, auf dem Grunde der Oder mein elendes Dasein zu enden".
„Ich habe nicht davon gesprochen, daß mir Dein Anblick unerträglich ist. Ich will nur, daß von vornherein kein Mißverständnis zwischen uns sei, damit solche Erörterungen sich niemals wiederholen. Du sollst, nicht darauf rechnen, unter vier Augen mit mir. zu verkehren wie dereinst in unserer Kinderzeit. Das ist vorbei — für immer vorbei! Und weil Du den Unterschied vielleicht als eine Demütigung empfinden könntest, stelle ich Dir frei, zu bleiben oder zu gehen".
.„Und was wolltest Du beginnen, wenn ich Dich wirklich jetzt verließe? Schön nach Verlauf der ersten vierundzwanzig Stunden würdest Du mit Schrecken inne werden, daß Du ohne den Beistand eines entschlossenen Mannes in dieser Wildnis so gut wie verloren bist".
Elisabeth selbst hatte seit ihrer Ankunft unter dem Druck einer ähnlichen Empfindung gestanden; nimmermehr aber würde sie diese Schwäche gerade dem Manne offenbart haben, dessen Feigheit und Charakterlosigkeit ihr bei jener unvergeßlichen Szene in ihrem Zimmer so tiefe Verachtung eingeslößt hatten.
„Die Verantwortung für mein Schicksal darfst Du getrost mir allein überlassen", sagte sie kalt. „Auch wenn Du bleibst, werde ich selbstverständlich von morgen an die Verwaltung meines Besitzes in die eigenen Hände nehmen".
Diesmal entging ihr der tückische Blick nicht, mit dem er sie streifte.
„Du hast sehr viel Vertrauen in Deine Kraft, Elisabeth! Ich will Dir wünschen, daß Du Dich- nicht täuschest; aber ich, fürchte, Du wirst nach einer Woche minder zuversichtlich sein als heute. Und ich bitte Dich^ mich wenigstens noch so lange bei Dir zu behalten. Es wäre nach, meiner Ueber- zeugung geradezu ehrlos gehandelt, wenn ich Dich, jetzt im Stiche ließe".
Die junge Gutsherrin hatte nicht viel Zeit, ihre Antwort zu überlegen, denn Charlotte, die schon mit dem Wechseln ihres Anzuges fertig war, klopfte an die Thür.
„Mag es so sein!" sagte sie deshalb schnell. „Jedenfalls kennst Du meine Bedingungen und weißt, was ich von Dir erwarte".
Mit ehrerbietiger Verbeugung zog sich der Verwalter zurück, als das Fräulein von Menzelius eintrat. Charlotte, die ihn jetzt aufmerksamer betrachtet hatte, als vorhin in der Unruhe und Aufregung der Ankunft, schüttelte nach seiner Entfernung wie in mißbilligender Kritik das dunkellockige Köpfchen.
„Eigentlich gefällt mir Dein geschätzter Peter Wülfing heute noch ebensowenig wie damals mit dem Vaga- öundenbarte und der schwarzen Augenbinde. So unterwürfig er ist und so viel ihm an unserer Bequemlichkeit gelegen scheint, ich kann mir nicht helfen, es bleibt für mich> do,ch immer etwas unheimliches an dem Menschen".
„Niemand wird Dich! zwingen, Freundschaft mit ihm zu schließen. Aber nun sage mir ganz aufrichtig, kleine Lotte: bist Du nicht voll Entsetzen über diesen neuen Aufenthaltsort, an den ich. Euch, wie ich nun wohl einsehe, nimmermehr hätte mitnehmen sollen?"
Charlotte zögerte ein wenig; dann aber erwiderte sie aufrichtig: „Ein bischen weniger trübselig und verfallen habe ich! mir das Schloß allerdings vorgestellt. Doch ich werde mich! schon noch daran gewöhnen. Und dann giebt es in der Nähe gewiß auch ein paar angenehme Familien, mit denen sich's gut verkehren läßt. Man feiert ja so reizende kleine Feste aus dem Lande. Mama weiß aus ihrer Jugendzeit die lustigsten Geschichten davon zu erzählen".
„Welche Enttäuschung wird Dir alsdann das Leben


