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Das europäische Settlement, wie es nun einmal heißt, macht, am Hafenkai entlang gelegen, durchaus den Eindruck einer europäischen, wohlhabenden Seestadt. Stattliche Häuser von elegantem Bau, mächtige Warenlager hinter schattigen Baumgängen, die das Ufer freundlich einfassen, und längs der Kaimauer Schiff an Schiff vertäut; der chinesische Passagierdampfer, damals noch friedlich neben dem englischen Kanonenboot und dem deutschen Fracht- schisf, das seine Ladung löscht bis zum letzten Abendstrahl. Das eilige Geklingel, Ufer hinauf und hinab, rührt von den flinken Reiteseln her, deren die Chinesen sich mit Vorliebe bedienen, und ebenso schnell huschen die Lichtlein der „Jourikscha" vorbei, der von einem Mann gezogenen leichten Wäglein, die die Stelle der Droschken vertreten; und auf dem Strom flimmern die Lichte der Dschunken durch Den milden, prächtigen Abend.
Ueber den Fluß in seiner hier recht stattlichen Breite führte eine elende holperige Pontonbrücke, über die eine sehr gedrängte, bunte, entschieden aber unreinliche Masse von Fußgängern sich wälzte, untermischt mit Karren, Maultieren und Reitern, die über die schwankenden Bretter der schwimmenden Brücke sich! klemmten.
Unser Weg ging von Tientsin nach der Hauptstadt. Drei Beförderungen dahin gießt es: einmal im House- boat, sicher, bequem und maßlos langweilig in vier Tagen; in zwei Tagen zu Lande entweder zu Pferd oder in der Karre.
Leider ließ ich! mich zu letzterer bereden. Die Fahrt gehört zu den scheußlichsten Erinnerungen meines Reiselebens. Man denke sich eine große, oben abgerundete Hundehütte, eben für einen großen Leonberger passend, und diese auf zwei große, starke Räder ohne irgend welche Federung gestellt. Vor diese Hütte sind zwei Maultiere gespannt, ein stärkeres, das in der Gabel geht, und ein schwächeres, das mit langen Strängen an die Achse; gespannt ist. Vorn auf dem Wagen sitzt mit herabhängenden Beinen der Kutscher, möglichst lumpig in blauen Drillich gekleidet, ein Tuch um den Kopf, und für den Fall eintretender Kälte oder nässenden Regens!init einem wattierten blauen Schlafrock versehen, dem die Eingeweide überall heraushängen. Aber hinein in die Karre. Rund 120 Kilometer liegen vor uns! Und nun gehts los.
Ohne Wechsel krachte das eine oder andere Rad in einen Abgrund des Geleises; jetzt an einem' stinkenden, grau überlaufenen Kanal entlang mit abbröckelndem Ufer, nun über jene greuliche Pontonbrücke — und nun war das freie Land erreicht, die „Straße nach Peking!" Aber es giebt solche Straßen gar nicht. Nur ein verworrenes Netz von Steinwegen und Heidespuren, aus denen die Fahrt zu einem wüsten Kampf ums Dasein wird, das nur dadurch! halb erträglich wurde, daß man in liegend sitzender Stellung ohne Stütze für die Füße mit dem Ellenbogen sich gegen die Seitenwände der Hundehütte abstemmte, während man mit den Handgelenken nach unten federte. So wurden die Stöße einigermaßen pariert, ohne daß es zu vermeiden war, daß man gelegentliche mit dem Kopf rechts und links anschlug, sodaß einem Hören und Sehen ver- war im Oktober, und der Fluß war erst vor kurzem ausgetreten gewesen; stellenweis war der Weg darum noch derartig überschwemmt, daß die Räder oft bis an die Achse int Wasser fuhren, und einmal blieb meine Karre in solchem Sumpf so stecken, daß das arme Stangenmaultier siche verzweifelnd im tiefen Morast niederlegte, und es gehörte schon die bestialische Grausamkeit eines Chinesen dazu, um es wieder auf die Beine zu bringen. Gelegentlich ging's einen Abhang hinauf, wo der Weg unmögliche wurde, und oben auf dem Acker weiter gewühlt, um nach einer Weile mit Wucht in das Moor der Straße zurück zu poltern.
So kamen wir in das, auf halbem Wege gelegene Nachtquartier von Hotschiure, und gern hätten wir's Den Maultieren nachgemacht, die nach altem Brauch, kaum der Deichsel und Stränge entledigt, sich nach Herzenslust! auf dem Hofraum wälzten, alle Viere nach! oben.
Zwei Stunden nach Mitternacht ging's wieder hinein in den Marterkasten. Die Gegend flach, langweilig, abgeerntet, reizlos. Mer es kam noch besser, wie am ersten Tage. In Scha-wei-schau hatten wir nach neunstündiger
GeMHinnütziges.
Künstliche Roheisbereitung im Hause Es wird jeder Hausfrau angenehm sein, zu erfahren, aus welches Weise sie schnell etwas künstliches Eis erhalt. Hier
Fahrt kurze Rast gemacht. Als wir dort durch des Thores Bogen hinauszogen, sauste die Karre ohne jede Porberei- tung zunächst in einen mit Entengrütze bewachsenen, grünen Teich, der offiziell trotz seines gräßlichen Geruches zum Wege nach Peking gehören mußte, denn es ging nur durch ihn, nicht um ihn herum, von der Höhe eines Abhangs mit aller Wucht hinunter. Das faulige Jauchenwasser ging bis unter den Boden des Wagens und spritzte über dem Dach! zusammen, und die Frösche sprangen ans Ufer und sahen uns vorwurfsvoll nach;, den „roten Teufeln", die ihre Ruhe gestört hatten.
Aber bis Sonnenuntergang mußten die drei Karren innerhalb der Thore von Peking sein, die erbarmungslos mit dem sinkenden Tageslicht geschlossen werden. Darum: vorwärts! Aber wie wir auch weiter kamen: nichts deutete die Nähe der Hauptstadt an. Es begegneten uns nicht mehr Karren als bisher, keinen Wanderer sah man die Straße ziehen; am Horizont keine Ahnung von hohen Tempeln oder ragenden Zinnen; die Straße war breiter geworden und deutlicher, aber nicht besser, bald rechter, bald linker Hand bog die hohle Gasse ein; plötzlich jetzt eine Wendung gegen Westen, und da lag wie durch einen Zauberschlag aus der Erde gestampft die Riesenmauer der Hauptstadt vor uns, und wir fuhren an ihr entlang, durch einen breiten, zähen Sumpf, vom dunklen, fünfzig Fuß hohen Steinwall der Mauer nickte gewaltiges Unkraut, das sich zwischen den Zinnen hindurchdrängte. Da mit einem Mal tauchte das Südthor von Peking auf, überbaut mit einem mächs- tigen viereckigen, dreistöckigen, geweißten Wachtturm mit ausgefchwungenem Dach, und aus des Thores tiefem, dunklen Schlunde kam im letzten goldenen Abendlicht eine lange Reihe gewaltiger, gelber Dromedare hervor, dreizehn an der Zahl, die ernsthaft hinter einander herschritten.
Jetzt fuhren wir mit einer letzten Anstrengung der müden Tiere aus den einst gewiß großartigen, jetzt tief klaffenden Quaderdamm hinauf, der ins Thor hmein- sührte, dessen schwere, eiserne, mit dicken Buckeln versehene Thorflügel doch noch offen standen.
Aber jetzt war's nicht mehr zum Aushalten, dies Stürzen von den Granitquadern in den tiefen, schwarzen Morast zwischen denselben; und dann wieder hinauf; Da sprang ich- hinaus und bin auch! nicht wieder hineingekrochen. c
Da waren wir nun in der „Hauptstadt des himmlischen Reiches". Und überraschend war es, was uns umgab. So viel Schmutz und Verfall konnte keiner erwarten! Durch die Chinesenstadt ging es nach Passierung noch eines dunklen Thores und einer Mauer in die Mandschustadt. Ueberall dasselbe volkreiche Leben im bunten Gedränge; derselbe massenhafte Unrat in den breiten Straßen; hier und dort zwischen armseligen Gebäuden ein reich vergoldetes und mit buntem Schnitzwerk geschmücktes; aber wohin in dem kolossalen Wirrwarr? Der „Mafu" versteht ietne Silbe englisch; und die beiden anderen Karren sind weit voraus — ein Oberstabsarzt und ein Auditeur hocken in ihnen; die berühmte Fahri der drei Fakultäten in Ostasien —"?
Da kommt zum guten Glück ein europäisches, elegantes Einspännerfuhrwerk mir entgegen. Der Lenker desselben, der französischen Gesandtschaft angehörig, bietet mir liebenswürdig.einen Sitz an und' fährt mich vor die „deutsche Gesandtschaft". Die Thore des stattlichen Hauses offnen sich!, in deutschen Lauten trifft es unser Ohr, deutscher Handschlag bietet den Willkomm, und über uns rauscht grüßend die Flagge des deutschen Reiches!
Nun ist das alles wohl in Trümmer und Asche gesunken und das Dach in Flammen zusammengestürzt, unter dem wir so gute, heimatliche Stunden verlebten und unter dem Herr v. Brandt so ritterlich die Gäste bewirtete.
Alles, alles dahin! m , ...
Aber ich gönne es den Chinesen, daß die Rache über sie kommt wie ein gewappneter Mann und furchtbar die Faust auf sie nieder fällt.


