Ausgabe 
14.7.1900
 
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Erst gestern Nacht hat ihn der Fährmann noch unter den Linden des Gartens promenieren sehen", antwortete die Baronin, welcher die Freude über die erhaltene Zusage eine fliegende Röte über das Gesicht trieb.

Der Fährmann; sagten Sie nicht, er sei dem Trünke ergeben?" siel dem Detektiv ein.

Allerdings, doch darf man seiner Aussage trotzdem Glauben schenken", entgegnete die Baronin, die nicht im geringsten ahnte, welcher geheime Gedanke dem Detektiv diese Frage eingegeben hatte.

Wo ist der Ort, an welchem Ihr Gatte sich ver­borgen hält?"

Ganz in der Nähe des Städtchens Wörb, einer kleinen Eisenbahnstation, die von hier aus in wenigen Stunden zu erreichen ist".

Ich kenne das Städtchen", nickte Allram.

Das Gut heißt der Lindenhof und liegt, wie ich schon sagte, mit der Gartenseite ünmittelbar am Flusse".

Und dort soll ich vermutlich heute nacht ihren Gatten aufsuchen, während er im Garten promeniert, und ihm den Schmuck abfordern, wenn er ihn noch hat".

Ohne Zweifel besitzt er ihn noch, denn er will damit eine Pression auf mich ausüben, mir das wertvolle Fa­milienandenken durch neue Opfer zu erkaufen. Wie man mit einem solchen Wichte reden muß, das wissen Sie als gewiegter Kriminalist am besten. Und wenn er merkt, wen er vor sich hat, so wird er sich leicht einschüchteru lassen; denn er ist feig, und wird zufrieden sein, wenn ihm nicht auch die gestohlene Geldsumme abverlangt wird. Um sieben Uhr abends geht von hier der letzte Zug ab, der in Wörb hält. Sie kommen dort gegen elf Uhr (an und begeben sich nach dem nahen Flußufer. Auf einen Pfiff oder einen Ruf wird Sie der Fährmann abholen. Am Fährhause werden Sie mich und den Besitzer der nahen Sägemühle finden. Er ist ein alter Bekannter von mir und wird uns begleiten. Das Fährboot bringt uns un­mittelbar an den Gartenzaun, der eine große Lücke hat, sodaß man leicht hineingelangt. Der Mond geht ja bereitst vor zehn Uhr unter; wir werden also unbemerkt am Garten landen können".

Ist der trunksüchtige Fährmann ebenfalls ins Ver­trauen gezogen?"

Gott bewahre! Aber er steht in Diensten des Säge­müllers, da die Fähre zur Mühlengerechtigkeit gehört".

Ist das alles, was ich wissen muß?" 'frug Allram, da die Baronin schwieg.

Ich wüßte nichts hinzuzufügen. Alles andere bleibt Ihnen überlassen".

Gut. Zählen Sie auf mich, Frau Baronin".

Darf ich für Ihre Bemühungen eine Summe im Voraus erlegen?" sagte sie, ihm einen schon bereit ge­haltenen Tausendmarkschein hinreichend.

Allram schob die Banknote wieder zurück.Sie über­schätzen den Wert meiner Mitwirkung; das beste daran ist ohnehin Ihr eigenes Verdienst. Erst wollen wir den Erfolg abwarten. Heute Nacht elf Uhr finden Sie mich am Fähr­hause".

Die Baronin dankte dem Detektiv für seine Bereit­willigkeit und empfahl sich.

Ein Blitz des Triumphs leuchtete aus ihren Augen aus, als sie die Thüre hinter sich geschlossen hatte. ;

Einige Tage vor diesem Besuch hatte Allram einen Brief von Doktor Gerth erhalten.Alles ist aus und vor­bei", schrieb der Irrenarzt.Alle Ihre Bemühungen und Erfolge sind vergebens gewesen, und mit schwerem Herzen bitte ich Sie, Ihre Thätigkeit in dieser Angelegenheit als abgeschlossen zu betrachten. Eine unübersteigliche Schranke ist es, welche dieses Halt! gebietet. Nicht einmal An­deutungen kann ich Ihnen geben; es handelt sich um die Bewahrung eines Geheimnisses, an dem ich! nicht zum Ver­räter werden darf. SUrr so viel kann ich Ihnen sagen, daß nicht der geringste Flecken auf der Unglücklichen ruht, welche fich freiwillig eine fast beispiellose Märtyrerschaft auferlegt hat. Sie ergriff das einzige Mittel, das ihr noch ver­blieb, um den Knoten zu lösen, der sich so fest tunt dieses arme Opfer unseliger Schicksalsverkettungen geschlungen hat: sie machte einen Fluchtversuch. Nach drei Tagen brachte man sie im jammervollsten Zustande wieder zurück. Dadurch, hat sich ihr Los noch verschlimmert und sie der

wemgen Vergünstigungen beraubt, die ich ihr zu erwirken vermochte. Ich werde bleiben, bis das schwach flackernde Licht, welches mich hier festhält, erlischt, dann will ich zum Wanderstabe greifen und in die Welt hinausziehen denn in diesen Mauern müßte ich, vor Schwerz vergehen!"

Mit fast überströmenden Danksagungen für den Eifer womit Allram sich der Sache des unglücklichen Mädchens gewidmet hatte, schloß der Brief, ohne jeden Hinweis auf den beigefügten Check, dessen stumme Ziffern beredter als alle Worte anssprachen, wie hoch! der junge Arzt die Dienste des Detektivs zu schätzen wußte.....

Seit Allram Privatdetektiv geworden, hatte er schon manches Mal dicht vor einem glänzenden Erfolge gestanden, auf den er noch im letzten Augenblicke verzichten mußte, weil Rückfichten, die sich seinen Auftraggebern plötz­lich aufzwangen, dazwischen getreten waren. Er wurde bezahlt, ja, und sogar sehr gut bezahlt; am Mammon hing jedoch das Herz dieses vereinsamt dastehenden Mannes nicht. Er besaß vollauf, was er brauchte, und für seine alten Tage war gesorgt; aber es war ihm Bedürfnis, immer auf irgend einer Fährte zu sein; ohne diese Auf­regungen erschien ihm das Leben leer, und hierin ähnelte er dem schaffenden Künstler, der sich stets mit Ideen trägt und ohne diesen Nervenreiz nicht leben kann.

Die Gläubiger des verschwundenen Bankrotteurs Sexauer hatten den Detektiv wiederholt angegangen, die Verfolgung des Flüchtlings aufzunehmen, zumal sich das Gerücht, er sei in Kairo, hartnäckig aufrecht erhielt, und Allram dafür berühmt war, schon manchen Verbrecher aus einem sicheren Asyle herausgelockt zu haben. So beschloß er denn, jener an ihn ergangenen Aufforderung nachzu­kommen, nachdem seine Thätigkeit für die Irre von Sankt Rochus einen so unerwarteten Abschluß gefunden hatte, und traf seine Vorbereitungen zur Reise nach der Haupt­stadt Aegyptens, wie der vollgepackte große Reisekorb bewies. . . .

Als ihn die Baronin verlassen hatte, erschien Frau Schubert wieder mit Ausklopfer und Teppichen.

Nun will ich die Droschke bestellen", bemerkte sie, als die Teppiche ihre Plätze wieder erhalten hatten;auf morgen früh vier Uhr, sagten Sie, nicht wahr?"

Der Detektiv räusperte sich verlegen.Lassen Sie's vorläufig noä)> sein, Frau Schubert. Es ist möglich, daß ich! nicht reise".

Was sagte ich?!" frohlockte die Alte.Sagte ich nicht. Sie hätten's benießt? Nun lachen Sie mich nur nicht mehr aus, Herr Allram, weil ich an Vorzeichen glaube. Das Beniesen ist ein Prophet, der niemals trügt, mit oder ohne Seife in der Nase!"

(Fortsetzung folgt.)

Von Tientsin nach Peking.

Reiseerinnerung von Marinepfarrer a. D.

P. G. Heims.

Nachdruck verboten.

Das Blutbad von Tientsin!" Das ist die fürchterliche Erinnerung an das Jahr 1870, dem hoffentlich das Jahr 1900 nicht mit gleich, schrecklicher Erinnerung an die Seite tritt. Menn der Chinese losgelassen wird, dann wird er zur blutgierigen, lüsternen Bestie. Damals erwachte, lang im geheimen geschürt, der Fanatismus der Chinesen gegen die sieben barmherzigen Schwestern, die sich der Erziehung chinesischer Waisenkinder widmeten. Es waren über ihr Thun die unglaublichsten Lügen verbreitet worden. So auch, daß sieden gestorbenen, d. h. natürlich von ihnen gemordeten Kindern, die Augen ausgerissen hätten. In solchen Zeiten ist ja jede Lüge gut. Dazu kam die Erbitterung darüber, daß thörichter Weise die Kathedrale mit ihrem ragenden Turm auf dem Platze eines früheren kaiserlichen Palastes erbaut war. Da gerade keine Kriegsschiffe im Hafen lagen, stiirmte die blutgierige Bande Kirche und Kloster, und als erste Opfer ihrer viehischen Wut fielen die Schwestern in ihre Hände. Am selben Tage wurde der sianzösische Konsul ermordet und das Konsulat zerstört. Frankreich hatte da­mals die Hände gebunden. Von da an lag nach gemein­samem Abkommen der Mächte immer wenigstens ein Kriegsschiff im Hafen von Tientsin.