(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Allram blickte gleichmütig aus dem Buch auf und frug in nachlässigem Tone: „Seit wann sind Sie mit Ihrem jetzigen Gatten verheiratet?"
Die Gefragte schien sich erst zu besinnen. „Seit sechs Wochen", gab sie zur Antwort. '
„Können Sie mir den Trauungstag genau angeben?"
„Ist das wesentliche?"
„Nein, aber es könnte nützlich werden, wenn ich den Tag genau wüßte".
Sie schien zu rechnen. „Am 10. Juni", war die Antwort.
Der Detektiv warf wieder einen flüchtigen Blick in das Buch. Wie der Steckbrief besagte, war Sexauer seit dem 14. Juni flüchtig. Er hatte sich! also am 10. Juni, dem angeblichen Tage der Trauung, noch in UntersuchMgs- haft befunden.
„Ich besitze die Photographie eines verdächtigen Mannes", sagte Allram, „dem in Gang und fehlerhafter Aussprache genau die Gebrechen Ihres Gatten anhaften".
„Wie heißt dieser Mann", frug die Dame etwas unsicher.
„Seinen Namen kenne ich nicht", antwortete Allram. „Ist das Ihr Gatte?" Mit rascher Hand hatte er aus dem Buche eine dem Steckbriefe beigefügte Photographie in Visitenkartenformat losgelöst und hielt sie der Dame plötzlich, hin.
„Er ist es", sagte sie, das Bild flüchtig betrachtend, aber es lag etwas Unschlüssiges in ihrer Antwort, nichts nichts von der Hast einer Ueberraschung, die doch bei dieser Gelegenheit sehr natürlich gewesen wäre.
Allram fand, daß die Sache sehr interessant wurde. Die Dame wollte also mit dem Bankerotteur Sexauer an einem Tage, wo dieser sich' hinter Schloß und Riegel befunden hatte, getraut worden sein. Schon stand der Detektiv im Begriff, sie nach dem Namen ihres Gemahls zu fragen, aber leicht hätte sie merken können, daß er ihr Faustncke lege.
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aß flieh'n, was sich nicht halten laßt, Den leichten Schmetterling laß schweben, Und halte nur dich selber fest:
Du hältst das Schicksal und das Leben.
E. M. Arndt.
Daher lehnte er sich! gemächlich in seinem Stuhle zurück und sagte im Tone harmlosester Neugier: „Ich will Ihnen offen gestehen, daß ich, glaubte, ein Mann, dem eine reiche und noch dazu sehr hübsche Frau (er begleitete dieses Lob mit einem Blicke großen Wohlgefallens) Herz und Hand schenkt, ein solcher Mann, glaubte ich, müsse mindestens durch eine glänzende äußere Erscheinung für sich eingenommen haben. Diese Photographie stellt aber eine nichts weniger als anziehende Persönlichkeit dar, ganz abgesehen von jenen beiden Gebrechen, welche das Bild verschweigt. Schreiben! Sie es auf Rechnung meiner Teilnahme für eine schmählich betrogene Frau, wenn ich den mir unerklärlichen Grund wissen möchte, der Sie zu dieser Heirat bewegen konnte".
Die Dame schien um eine Antwort verlegen. Mit dem gespannten Lächeln, welches stets ein schlaus Spiel um ihren Mund hervorrief, blickte sie im Zimmer umher, als sammle sie auf den verschiedenen Gegenständen desselben ihre Gedanken.
„Ich will offen sein", unterbrach sie endlich das Schweigen. „Eitle Titelsucht war es, die mich zu diesem Schritte verlockte".
„Ihr Gatte trägt also einen Titel?" bemerkte Allram fast humoristisch.
„Als ich mich als reiche unabhängige Witwe sah, erwachte der Ehrgeiz in mir. Ich wollte durchaus einen vornehmen Namen tragen. Wie man durch Geld zu einem solchen leicht gelangen könne, hatte ich oft genug in den Zeitungen gelesen. Es fand sich ein total heruntergekommener Baron, der bereit war, sich' gegen eine entsprechens hohe Summe mit mir trauen zu lassen, ohne auf eine wirkliche Ehe mit mir Anspruch' zu machen. Es wurde vereinbart, daß er bald nach der Eheschließung die bedungene Summe von mir erhalten und sich dann aus dem Staube machen sollte, um mir Veranlassung zu geben, wegen böswilligen Verlassens die Scheidung zu beantragen. Er ist denn auch seiner Verpflichtung nachgekommen, hat sich jedoch mit der empfangenen Geldsumme nicht begnügt, sondern hat mir eine weitere Summe entwendet und den Smaragdschmuck dazu".
„Irre ich nicht, Frau Baronin, so haben Sie von einem Rubinschmuck gesprochen", warf der Detektiv ein.
Die Frau Baronin biß sich' bei dieser Berichtigung auf die Lippen. „Ganz recht, ein Rubinschmuck war es", nickte sie. „Da haben Sie die Geschichte meiner Heirat und zugleich den Grund, weshalb ich mit der Verfolgung des diebischen Ehegatten nicht eine öffentliche Behörde betrauen möchte, sondern mich an Sie wende".
„Nun, ich stehe Ihnen zu Diensten und das gleich heute", sagte Allram entschlossen. „Es fragt sich nur, ob sich der Herr Baron noch in seinem bisherigen Versteck aufhält".


