Ausgabe 
14.6.1900
 
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Trotzdem entwickelt sich der Bergbau in allen mit Erz- und Kohlenlagern ausgestatteten Ländern zu immer höherer Bedeutung, und die Männer in schlichter Knappen­tracht mit Lederschurz stehen überall in ganz besonderer Achtung, denn der Bergbau ist eine der wichtigsten Quellen des nationalen Wohlstandes; und wenn es in deutschen Landen auch keinen Randdistrikt, kein Klondyke und kein Kimberley giebt, so ruhen doch in der Rheinprovinz und Westfalen, am Harz, in beiden Sachsen und in Thüringen, in Schlesien, wie in Böhmen, Steiermark und in den übrigen deutschen Alpenländern Mineralschätze im Boden, welche den Wert ungezählter Milliarden repräsentieren und ohne deren Existenz und Abbau Deutschland und Oesterreich arme Länder sein würden, wie beispielsweise das an Montanprodukten so überaus arme Italien.

Es ist unter solchen Umständen wohl begreiflich, daß sich das warme Interesse der Allgemeinheit der Festes­feier zuwendet, welche in diesen Tagen an einer der ältesten uNd ehrwürdigsten Stätten des deutschen Bergbaus, in Eis- leben begangen wird zur Erinnerung daran, daß sich! zum 700. Male die Tage jähren, da sächsische Knappen hier den Bergbau auf Kupfer und Edelmetall begannen.

An sich! ist der Bergbau in Deutschland natürlich viel älter; die Blei- und Silberbergwerke im Schwarzwalde, im Odenwalde bei Heidelberg, die Kupferminen um Mar­burg in Hessen und im Spessart, die Bleigruben an der Ems und Sieg reichen in ihrem Ursprung bis auf die Römerzeiten Zurück, und der wunderbare Erzberg ober­halb von Eisenerz in Steiermark, das Reiseziel tausender Touristen, war mindestens schon im Jahre 300 v. Ch. im Betrieb und lieferte das Material zu den schon von Horaz gerühmten norischen Schwertern.

Bon dieser Montanindustrie ließen die stürmischen Zeiten der Völkerwanderung in Deutschland ebensowenig übrig wie in Gallien, Spanien, England und den übrigen metallreichen Ländern Europas, und nur in den RUin- gegenden und im Böhmerwalde, wo beträchtliche Heile der Bevölkerung seßhaft geblieben waren, erhielt sich^der Bergbau, um nach! dem Eintritt ruhigerer Zeiten fich! wiederum nach allen Seiten auszubreiten. Es ist vom kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt aus bisher viel zu wenig gewürdigt worden, wie der süddeutsche Bergbau überall im mittleren, nördlichen und östlichen Deutschland koloni­satorisch und städtegründend gewirkt hat; aber es ist That- sache, daß Fürsten und Städte es sich allenthalben ange­legen sein ließen, den Bergbau, dessen Wichtigkeit für den nationalen Wohlstand sie schnell erkannten, nach Möglich­keit zu fördern. Diesen Bemühungen ist das schnelle Auf­blühen der Länder zwischen den deutschen Mittelgebirgen und her See größtenteils zu verdanken.

Im Unterharz am Rammelsberg bei Goslar gruben schon unter Otto dem Großen fränkische Knappen nach Erz, und um Clausthal und Zellerfeld am Oberharz entwickelte sich, hundert Jahre später eine lebhafte Montanindustrie. Wenn nun einige obskure Chronisten berichten, daß zur selben Zeit, also etwa ums Jahr 1000 auch der Mansfelder Kupfer- und Silber-Bergbau bereits geblüht habe, so sind sie im Irrtum; vereinzelte Bergleute, welche aus dem Nähen Harz herübergewandert waren, mögen ja schon da­mals hier und da auch im Mansfeldischen bereits nach Kupfer-Erz geschürft haben; zu einem regelrechten Betriebe ist es aber damals ganz gewiß nicht gekommen, denn dieser entwickelte sich erst vom Jahre 1200 ab, nachdem ein Zufall, wie er gerade beim Bergbau so oft eine ent­scheidende Rolle spielt, zur Entdeckung der im Boden lagernden Schätze geführt hatte.

Laut der Mansfelder Chronik von Spangenberg gruben in der Gegend, wo später Hettstädt erbaut wurde, im Jahre 1199 zwei Bergleute, Namens Rencke und Rapian, einen Keller in das Schiefergestein eines dortigen Berges. Die Beschaffenheit des Schiefers, welcher den fachkundigen Leuten große Aehnlichkeit mit anderwärts vorkommendem kupferhaltigem Schiefer zu haben schien, veranlaßte ste zu einer Schmelzprobe, die in der That das Vorhandensein des vermuteten Metalles ergab. Nun machten sie sich mit ihren bescheidenen Mitteln an die Ausbeutung ihrer Ent­deckung. Heutzutage würde man in einem ähnlichen Falw unter der Hand so viel Grund und Boden, als möglich

zusammenkaufen und mit fremdem Kapitale zum Nutzest der Entdecker und Kapitalisten die Felder unter Ausschluß von dritten fruktifizieren; damals aber fehlte es an den Voraussetzungen einer Gesellschaftsbildung, und da die Entdecker ihr Geheimnis begreiflicherweise nur kurze Zeit wahren konnten, strömten bald von allen Seiten Berg­leute zusammen, sodaß die alte Jslebia, das heutige Eis­leben, weiches mit Mansfeld der Brennpunkt der schon seit dem Jahre 1000 bestehenden, nicht besonders umfang­reichen Eisenindustrie war, schnell zu erfreulicher Blüte gelangte.

Was uns die Chronisten über die nächstfolgenden Jahr­hunderte berichten, ist ebenso spärlich wie widerspruchs­voll. Sicher ist nur, daß die Grafen von Mansfeld, deren Ahnherr, Hoyer von Mansfeld, um das Jahr 1060 gelebt haben soll, im Jahre 1364 durch Kaiser Karl IV. dort das Bergregal als Lehen erhielten, nachdem 8 Jahre zuvor durch die goldene Bulle (1356) der Uebergang der Regalien an die Reichsunmittelbaren ausgesprochen worden war. Aber das Mansfeldische Geschlecht sollte des wertvollen. Besitzes aus doppelten Gründen nicht froh werden; nicht genug damit, daß die aus allen Teilen Deutschlands stam­menden Bergleute ein recht unruhiges Völkchen waren, welches sich nur schwer im Zaume halten ließ, lauerte ein mächtiger Nachbar, der keines der im Mittelalter mehr als heute üblichen gewissenlosen Mittel unversucht ließ, um fich in den Besitz der Landesoberhoheit zu setzen. Genau so, wie es sich in unseren Tagen an einem Beispiel in Südafrika zeigt, fiegte gegen Recht und Gesetz schließlich! der Stärkere; denn obwohl die Mansfeldischen Grasest zweifellos alle Rechtstitel für sich hatten und in ihren Lehen und Privilegien vom Kaiser wiederholt bestätigt wurden, gelang es der gewissenlosen Diplomatie der säch­sischen Herzoge schließlich doch, die Oberhoheit über das wertvolle Land an sich zu reißen. Erleichtert wurde ihnen die Erreichung dieses Zieles allerdings durch das Treiben der Mansfelder Grafen selbst, die zumeist in Wien weit über ihre Verhältnisse lebten und eine für die damalige Zeit ganz ungeheure Schuldenlast aufhäuften. Das Ende dieser Wirtschaft, bei der oft die Grubenarbeiter monate­lang ohne Lohn blieben und die Schächte zu zerstören drohten, war die Zwangsverwaltung,, welche auch bestehen blieb> nachdem der Bergbau im allgemeinen freigegeben worden war. Der Sequestration folgte die fremde Ober> Hoheit näch, in welche sich Kursachsen und das Erzbistum Halberstadt teilten. Durch den westfälischen Frieden ging der Halberstädter Anteil in preußische Oberhoheit über, und nachdem diese durch das Aussterben des Mansfeldischen. Hauses im Mannesstamme in direktes Hoheitsrecht ver­wandelt, wurde der sächsische Anteil durch die Bestimm­ungen des Wiener Kongresses ebenfalls zu Preußen ge­schlagen, das seitdem die ganze Grafschaft besitzt.

Der Bergbau, der zur Zeit der Reformation jahraus jahrein mindestens 20 000 Zentner des vielbegehrten Kupfers geliefert hatte, verfiel dank der Mißwirtschaft der Mansfelder Grafen und ging im dreißigjährigen Kriege vollends zu Grunde. Für die sächsischen und brandenburg­ischen Kurfürsten war es daher keine kleine Arbeit, die Betriebe wieder einigermaßen in Gang zu bringen. So recht in Flor kam aber der Bergbau erst, nachdem die vielen, zum Teil recht wenig leistungsfähigen Betriebe sich zur Mansfeldischen Kupferschiefer bauenden Gesellschaft" zu­sammen thaten, die ihren Sitz in Eisleben hat, und deren Besitz sich in 69120 Kuxe teilt. Die Anstalten, welche fich seitdem noch bedeutend vergrößert haben, umfaßten im Jahre 1894 38 Schächte und 367 Dampfmaschinen mit rund 19 000 Pferdekräften. Ferner dienten dem Bergbau 60 Kilometer Bergwerksbahnen, 2 Drahtsseilbahnen, 23 Hoch- ö'sen, 22 Röstöfen und 10 Raffinieröfen. In diesen Werken wurden in dem genannten Jahre 300 000 Zentner Kupfer, 76 000 Kilo Feinsilber und 360 000 Zentner Schwefelsäure produziert, welche einen Gesamtwert von 21 Millionen Mark repräsentieren. Beschäftigt wurden dabei, ganz ab­gesehen von den hier nicht mit eingerechneten Beamten, nicht weiriger als 16 385 Arbeiter mit 41511 Familien­angehörigen also ein Staat im Staate, wie er in Deutsch­land nur noch! in den Kruppsch!en Werken in Westfalen etwas ebenbürtiges findet. ........._