(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Der ermordete Professor Georgi, obwohl erst fünfundvierzig Jahre alt, hatte sich infolge eines zunehmendes Brustübels schon seit längerer Zeit von seiner Thätigkeit als Universitätslehrer zurückgezogen. Sein bedeutendes Vermögen, wozu auch das von ihni bewohnte Haus gehörte, gestattete ihm, ganz seiner Gesundheit zu leben. Er war Archäolog; durch anhaltende Studien hatten feine Augen gelitten und bedurften der Schonung; da er aber nach wie vor an seiner Wissenschaft hing, und die neuen Ereignisse derselben eifrig in der Fachlitteratur verfolgte, so hatte er sich vorlesen lassen. Früher bediente er sich hierzu ärmerer Studenten, die zu bestimmten Stunden zu ihm kommen mußten und dafür honoriert wurden. Seit einem Jahre hielt er sich in der Person Konstanze Herbronns eine eigene Vorleserin. Und dieses junge Mädchen stand nun unter der schweren Anschuldigung, den Gelehrten, ihren Brotherrn, ermordet zu haben, und mußte vor dem Schwurgericht auf der Anklagebank erscheinen.
Der Kriminalkommissar hatte bei einer zufälligen Bewegung ihrer rechten Hand an zwei oder drei Fingern Blutspuren bemerkt, die sich bei näherer Untersuchung noch reichlicher auf der inneren Handfläche zeigten. Seme Frage, wie das Blut an ihre Hand gekommen sei, versetzte sie in große Verwirrung. Sie wollte sich durchaus nicht erinnern können, mit den blutigen Wunden des Ermordeten in Berührung gekommen zu sein, und doch konnte em so scharfer Beobachter, wie der Kommissar, ihr leicht an- merken, daß sie nicht die volle Wahrheit sprach, daß sie etwas verschwieg, was ihr nicht über die Lippen wollte. Infolgedessen wurde mit Zustimmung des hinzugekomme- nen Staatsanwalts eine genaue Untersuchung ihresEigentums vorgenommen, und in einem Fache ihres Schranks fand man, zwischen Weißzeug verborgen, einen Hammer. Es war ein Hammer, wie man ihn tn jeder Hauswirts chafv zum Einschlagen von Nägeln benutzt; er war noch neu, wie frisch aus dem Laden gekommen und paßte genau m drej Kopfwunden des Ermordeten. Blutspuren fanden sich nicht an dem Werkzeuge, diese waren offenbar unmittel
1900.
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I. Paul.
des menschenfreundlichen Herzens.
M. anche Menschen verstecken, wie viele indischen Bäume, unter äußern Stacheln und dornigem Laub die weiche, kostbare Frucht
bar nach vollbrachter That sorgfältig abgewaschen und der Hammer noch naß oder feucht zwischen das fein gebügelte Weißzeug versteckt worden, welches an den Stellen, wo der Hammer lag, durch die Nässe den Glanz eingebüßt hatte.
Kaum zwanzig Jahre alt, in allem eine hohe Geistes- bildung verratend, dazu von geradezu bestrickender Schönheit und mit einer Stimme, welche selbst noch im Beben höchsten Seelenleidens' wie Musik klang, war Konstanze für den Gerichtshof wie für das Kopf an Kopf gedrängte Publikum mehr ein Gegenstand der Teilnahme als des Abscheus.
Welches Motiv mochte das junge Mädchen bei ihrer Schreckensthat geleitet haben? Nach den Aussagen der Wirtschafterin konnte nur ein Akt der Rache Vorlieben; Frau Bruscher, welche, seit sie vor zehn Jahren Witwe geworden, der Haushaltung des Professors Vorstand, hatte einige Tage vor dessen traurigem Ende bemerkt, daß Konstanze sich in einem Zustande außerordentlicher Aufregung befand. Wie sie Fran Bruscher auf deren teilnehmendes! Befragen erzählte, war ihr Vater, welcher in einer thüringischen Stadt ein kleines Kolonialwarengeschäft betrieb, für einen seiner nächsten Freunde mit einer Summe, di« über seine Kräfte ging, als Bürge eingetreten. Der ehrlose Freund hatte sich bei Nacht und Nebel davon gemacht, Herbronn stand vor seinem Ruin und ging mit Selbstmordgedanken um. In seiner Verzweiflung schrieb er dies seiner Tochter und beschwor sie, ihm bei ihrem reichen Brotherrn ein Darlehn von einigen tausend Mark zu erwirken. Georgi schlug seiner Vorleserin die Bitte ab, und das junge Mädchen war hierüber in eine Erbitterung geraten, die alles Maß überstieg. Sie erging sich über bie, Hartherzigkeit des Gelehrten in Ausdrücken des Hasses, welche Frau Bruscher in ihrem sonst so sanften Naturell gar nicht gesucht hätte, stieß sogar dunkle Drohungen ans und fiel zuletzt in Krämpfe. Schon Monate vorher hatte Konstanze in Gegenwart Frau Bruschers zwei schwere Anfälle von Epilepsie gehabt. Auf Wunsch des Professors hatte die Wirtschafterin über das Leiden des jungen Mädchens geschwiegen. Von Konstanze selbst war ihr gesagt worden, daß es ein Erbteil ihres Vaters sei. Gleich am Tage nach dem letzten Anfälle hatte Fran Bruscher eine kleine Reise unternommen. Bei ihrer Rückkehr sand sie ihren Herrn nicht mehr am Leben.
Die Angeklagte leugnete jede Schuld. Sie wollte jenen Hammer, das verhängnisvolle Beweisstück ihres Verbrechens, nie vorher gesehen haben, und wußte sich nicht zu erklären, wie es unter ihr Weißzeug gekommen war. Daß ihr Vater durch den Vertrauensbruch eines Freundes ins Unglück geraten sei und sich mit Selbstmordgedanken, trug, war ihr völlig unbekannt. Nie hatte sie der Wirtschafterin etwas derartiges erzählt, nie hatte sie von ihrem


