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Ach, Frau Anne hatte eine ganze Menge an Maja auszusetzen, obgleich sie ihr Gast und ihre beste Freundin war. Warum ihr Bruder durchaus diese Maja zum Weibe begehrte? — das sagte sich die junge Frau gerade so lange vor, als die Freundin teilnahmlos am Fenster stand.
Dabei war's nicht einmal Wahrheit, sondern regelrechter Aerger und Trotz. Wenn Maja sich nichts aus ihrem herrlichen Eberhard machte, dann sollte er doch auch keine Neigung an die stolze Schöne verschwenden! Er aber hatte ihr den heikel» Auftrag zugeteilt, Majas Herz auszuforschen.
Maja ausforschen! Zehn — zwanzigmal seit gestern, hatte sie von ihm zu reden begonnen, und jedesmal war sie einer gelassenen Ablehnung begegnet. Ach — so gelassen war nur die Gleichgültigkeit — und/ ihrem Aerger zum Trotz, schlüpfte ihr ein „armer.Eberhard!" über die Lippen.
Scheu sah sie zu Maja hinüber. Hatte sie das gehört? Anzumerken war ihr nichts, obgleich Frau Anne das Profil deutlich beobachten konnte.
Der arme Eberhard mußte ihr doch wohl gleichgültig sein. — Bor zehn Jahren war es anders gewesen. Damals liebte ihn Maja mit dem ganzen Ueberschwang eines erwachenden Mädchenherzens. Aber damals begehrte Eberhard die andere, die dritte in dem Freundschaftsbund seiner Schwester, und Majas Liebe erlosch.
Sie erlosch! Frau Anne mochte sinnen und grübeln, wie sie wollte, kein einziges Lebenszeichen hatte Majas Liebe gegeben, seit er mit seiner Braut vor sie hingetreten war: der Stolz hatte die Liebe getötet. Und als der verwitwete Eberhard sie jüngst unter dem Weihnachtsbaum bat: Forsche Maja aus, ob sie mein Weib werden will, da wurde ihr erst so mit Schrecken bewußt, daß weder in der Brautzeit, noch als sie beide Paten seines Töchterchens geworden waren, noch als die junge Frau starb, Majas Liebe je ein leisestes Lebenszeichen gegeben hatte.
Sie blieb immer gleichmäßig, immer gütig; nicht sehr warm, aber immer korrekt — nein, das bringt heimliche Liebe nicht fertig — die thut bald zu viel und bald zu wenig, die wirft sich hin und quält dann wieder in Angst und Unruhe, Pein und Stolz. Eberhard war ein Thor. Heute hatte er ihr gar einen rechten Narrenbrief geschrieben: Du fassest mein Schicksal mit plumpen Händen an, und ich martere mich in Ungewißheit. Ich will selber sehen und reden, und mir mein Glück schmieden! — Jawohl — das war wiedermal diese unverwüstliche Männereitelkeit, die sich einbildete, ein Frauenherz müsse ewig an seiner allerersten Thorheit festhalten, — ob es inzwischen auch verschmäht und mißhandelt worden sei. — Und während Frau Annes Gedanken also aus die beiden schalten, that ihr das Herz um sie weh in Sorge und Hoffnung. „Sie paßten ja ganz wundervoll zusammen!"
Maja fühlte endlich den forschenden Blick, und trat ins Zimmer zurück. Um sie nicht entwischen zu lassen, sagte Frau Anne: „Willst Du mir helfen?"
Maja griff mit verlegenem Lächeln nach Schere und Papier. „Du weißt, dazu eigne ich mich gar nicht. Kinder und Kinderspiel. —"
„Ja, ich weiß!" Frau Anne ärgerte sich schon wieder — wenn man drei Prachtjungen hat, und die Freundin achtet nicht mehr auf sie, als auf die Hühner im Hof, muß sich eine gute Mutter ärgern. „Ich weiß, Du machst Dir nichts aus Kindern."
„Ich verstehe sie nicht glücklich zu machen."
„Das ist Ausrede, das sagt mein Bruder gerade auch von sich, und seine kleine Lori steht mitten drin in Unglück und Ungeschick! Das arme Ding! wenn wir sie nicht'hier gehabt hätten, was für ein Weihnachten wäre das gewesen'
Ganz verschüchtert und hilflos kam sie an, hier ist sie endlich mal wieder aufgewacht zu ihrer natürlichen Lieblichkeit. Verzeih, Kinder kümmern Dich nicht, aber mir frißt's am Herzen, so was liebes Wärmebedürftiges frieren zu sehen. Ich wollte sie behalten, Eberhard gießt sie nicht her, und dabei versteht er sie nicht! — Gerade wie Du! Aber pflichttreue Menschen zwingep sich und erzwingen mit Hufe des guten Willens auch Vermögen und Verständnis. Ueberhaupt", fügte sie mit seltsamer Logik hinzu, „mein armer Bruder! wann endlich wird er wieder einmal Frieden und Behagen am eigenen Herd finden?"
„Es giebt Menschen," antwortete Maja gelassen, „denen es bestimmt ist, allein mit dem Leben fertig zu werden."
Immer gelassen! Frau Anne schwieg, heiß und rot. Da aber warf Maja lachend Papier und Schere auf den Tisch. „O weh, Annchen! Dein schönes Papier! Verzeih, dazu bin ich eben wirklich nicht zu gebrauchen."
War das nun ein Zeichen? Frau Annes Herz klopfte heftig — das Papier war arg verschnitten, kreuz und quer; hatten daran die Gedanken an Lori und den alten Liebsten Schuld — bei jeder andern hätte sich die junge Frau dies Zeichen zu Gunsten des Bruders gedeutet, aber von Maja hatte sie nur schon allzuoft erfahren, daß sie nicht zu tändeln verstand, bei Maja würde es nur wieder die gewöhnliche Teilnahmlosigkeit sein.
O über die schwere Frage!
Da stürmten ihre drei Knaben herein in wilder Lust. Rasch warf sie ein Tuch über den bunten Tisch und winkte ab. Das blonde Kleeblatt benahm sich ja auch, sobald es der „stolzen Tante" ansichtig wurde, merklich gesitteter, und Frau Anne schickte sie nach ein paar Küssen wieder fort, damit Maja in gute Stimmung komme" — wartete sie doch auf das Rollen von Eberhards Wagen.
Als sie die Gewinnpäckchen wieder zur Hand nahm, begann sie zu plaudern. Leichte, liebe Dinge — Kindererinnerungen, deren jede mit Eberhard begann und mit Eberhard endete, Schwärmereien der sechszehn Jahre alten von dem herrlichsten, der damals sogar ihr noch der Bruder gewesen war.
Maja stimmte mit ein, lächelnd und gelassen, sie nahm sogar Frau Anne die alten Fäden aus der Hand und spann weiter daran.
Machte es ihr Freude, davon zu reden? War das ein Zeichen? Ach, wenn die Stimme nur ein einziges Mal gezittert hätte. Frau Anne hielt sich mit aller Gewalt fest im Zimmer, als draußen das erwartete Rädergerassel erscholl, als das Jubelgeschrei der Kinder ihr sagte: sie sind da. Sie hielt voll fieberhafter Spannung auf ihrem Platze aus. — Wie würde sie ihn empfangen?
Da trat er ein — Lori flog ihm voraus, flog in der ließen Tante offene Arme, ließ sich abküssen und drehte daßei doch das Köpfchen seitwärts: „Pate Maja, ich hab Dich lieb. Du bist meine schöne Pate".
Rührte sie nicht wenigstens das? Nein — Fischblütige Du! —
Maja strich der kleinen Else gelassen über die Stirn, sagte: „Ja, Du bist mein Patchen!" und wandte sich dann an Eberhard. „Grüß Gott, Herr Landrat!"
Seine Stirn brannte, seine Hand, die die ihre drückte war heiß. Befremdet sah Maja ihn an, änglich beobachtete Frau Anne die beiden; jetzt gab es ein Unglück!
Ehe es aber irgend etwas gab, kam Frau Annes Mann, mit fröhlichem Willkommenhallo verjagte er alle Bangiq- feit. Dann sah er den Tisch voller Lotterieüberraschungen und schickte „das neugierige Kraxelvolk" hinaus. „Holt Euch im Garten einen gesunden Hunger!" Schickte die Frau in die Küche „damit's festlich werde" und „lotfte" den Schwager ins Gastzimmer.
Nach fünf Minuten voll Lärm und Unruhe stand Maja allein neben dem bunten Tisch. — So brauste das Leben der anderen dahin, — und so still stand sie daneben.
Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und seufzte - verstohlen, als dürfe sie selbst nichts davon wissen. Daber sah sie immer Loris Gesichtchen in holder Neigung sich zugewandt und hörte das liebe Sümmchen sagen' „Hast Du mich lieb?" 9
Eine Unruhe überkam sie. Das arme Kind. Das einsame Kind. Die Mutter tot, und der Vater verstand nichts von lieb haben. Er hatte es nie verstanden.
... Maja ging in den Garten, wohin die blonden Wildfänge das stillere Mädchen geschleppt hatten, langsam zuerst, dann schneller und schneller, bis sie das kleine Volk hinter der Taxushecke beobachten konnte. Dort standen auf reingefegtein JSoben die Turngeräte; Franz ließ sich von der großen Schaukel bis in die Baumwipfel tragen, Fritz zeigte Lori am Reck eine wundevolle Welle und verlangte Nachahmung, Fred versprach ihr seinen schönsten Lotteriegewinn — wenn er ihn nur erst hätte.
Lori nahm Leistungen und Versprechen mit gleichen


