Ausgabe 
14.1.1900
 
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Ebenso wohl, wie gestern, glaube ich, erwiderte Robert."

Die nächsten Tage der Erwartung und Ungewißheit waren für Frau Howell und Mildred peinlicher als je. Mit jedem Pofttag erwarteten sie eine bestimmte Nachricht, aber immer vergebens. Endlich schrieb Mildred an ihren Vater, sie werde selbst kommen, wenn er nicht irgend etwas finden könne.

Am Morgen nach der Absendung dieses Briefes nahm Mildred ihre Arbeit hinaus vor das Haus und setzte fich in der Nähe der stillen Landstraße. Fred und Mtnnie waren bet ihr und spielten. Bon dem Plätzchen auS konnte fie Robert und andere Leute da und dort an der Arbeit sehen und beneidete sie um ihre bestimmte und gut belohnte Arbeit und um ihr einfaches, aber gesichertes Leben, während sie einer Welt voll Ungewißheit entgegenging. In letzter Zeil war Robert zurückhaltender gewesen, was sie mit Wohlge­fallen wahrnahm, und er glaubte zu bemerken, daß fie in letzter Zeit weniger unnahbar geworden sei. Ein oder zwei Mal hatte fie thn für eine kleine Gefälligkeit mit einem Lächeln belohnt.

Rach einer kleinen Pause vernahm Robert Hufschläge auf der Straße, er fuhr auf und erblickte den Fremden, welcher vorüber ritt. Er schien in Gedanken zu sein und bemerkte Robert nicht. Plötzlich hörte er einen Ausruf und erhob den Kopf. Einen Augenblick darauf sprang er vom Pferde, warf die Zügel über einen Baumast und ergriff Mildreds Hand mit einer Lebhaftigkeit, welche in der That bewies, daß fie die Macht hatte, ihn aufzuwecken. Robert war zu entfernt, um zu sehen, wie sie den unerwarteten Freund früherer Tage begrüßte. Er sah, wie er ihre Hand in seinen beiden Händen hielt und lebhaft sprach. Das Pferd wurde unruhig, riß seine Zügel los und gallopierte die Straße entlang auf Robert zu, welcher nach kurzem Zögern über die kleine Steinmauer sprang und sich auf die Straße stellte, um das Pferd zu erwarten. Das boshafte Tier schien Robert schon so nahe zu sein, daß Mildred leicht auf­schrie, aber einen Augenblick darauf sah sie, wie er rasch zur Seite sprang, einen der Zügel erfaßte und sich einige Schritte wett mitschleppen ließ, worauf das Pferd sich fügte. Eine Staubwolke verhüllte die Gruppe. Dann sprang der länd­liche Athlet leicht in den Sattel und trabte rasch auf fie zu. Sie war erbost auf sich selbst darüber, daß ihr Gesicht so tief errötete unter seinem kurzen Blick, aber ohne ein Wort zu sagen, sprang er leicht herab und befestigte daS Pferd an einen Baum.

Beim ZeuS I Das war gut gemacht! ries Arnold. Nehmen Sie diese Banknote für Ihre Mühe!"

Daß ich Ihr Pferd gefangen habe, beweist noch nicht, daß ich ein Hausknecht sei! erwiderte Robert hochmütig."

Arnold erkannte jetzt den jungen Mann, den er in Ge­sellschaft des alten Howell und später nochmals im Hotel gesehen hatte. Er hatte seinen Namen erfahren.

O, entschuldigen Sie, Mister Atword! Aber ehe er weiter sprechen konnte, kam ein bedeckter Wagen rasch den Hügel herab, bog auf die Straße ein und verschwand im Schatten des Gebüsches. Arnold war bleich geworden, und Robert erkannte in dem Wagen die Dame, die er im Hotel gesehen hatte, und die, wie er erfahren hatte, die Mutter des widerwilligen Tänzers war. Ein flüchtiger Blick bewi.'s ihm, daß Mildred sie auch kannte. Die Dame befahl mit scharfer Stimme dem Kutscher, anzuhalten und nach einem kühlen Blick in Mildreds errötendes Gesicht sagte sie:

Arnold, sei so gut und begleite mich aus meiner Fahrt!"

Ich werde gleich kommen!" sagte er unschlüssig.

Dann werde ich warten, bis Du Dein Gespräch beendigt hast, erwiderte sie kühl und lehnte sich im Wagen zurück. Ihr Ton und Benehmen erregten Mildreds Ent­rüstung. So milde und zurückhaltend sie gewöhnlich war,

konnte fie doch, wenn fie gereizt wurde, sehr eutschieden auf­treten."

Guten Morgen Frau $mton V* sagte fie mit Würde. Dann ergriff sie die Hand der kleinen Minnie, rief Fred zu sich und schritt dem Hause zu. Aber der einzige Weg zum Hause führte sie an dem Wagen vorüber, und die Art, wie die fremde Dame ihre Gegenwart ignorierte, war so uner­träglich, daß sie stehen blieb und ihre zornigen Augen auf das gerötete, stolze Gesicht richtete.

Frau Vtnton, fragte sie, was habe ich Ihnen zuleide gethan?"

Die Dame schwieg etwas verlegen.

Sie wiffen so gut wie ich, fuhr Mildred fort, daß Sie mir keine unwetbliche Handlung vorwerfen können, aber Ihr Blick und Ihr Wesen gegen mich sind unweibltch und un- christlich!"Sie beleidigen mich in meiner Armut ohne den geringsten Grund!"

Dann wollte fie vorübergehen.

Mutter, lasse fie nicht ohne ein Wort der Teilnahme vorübergehen! rief ihr Sohn mit heiserer Stimme."

Fräulein Howell, begann die Dame,"ich wollte Sie nicht beleidigen, aber"

Aber! rief Arnold zornig. Großer Gott! Er schlug mit der Hand an seine Stirn, schwankte und fiel zur Erde nieder. Im nächsten Augenblick kniete Mildred neben ihm, und Robert sah, daß sie thn von ganzer Seele liebte."

Bringen Sie Wasser und Branntwein, Mama wird Ihnen alles geben! sagte sie zu ihm mit fester Stimme und er machte sich auf den Weg, ihren Wunsch zu erfüllen. Frau Vinton stieg hastig aus und griff nach dem Puls ihres Sohnes."

Es ist nur eine Ohnmacht, sagte sie. Er hat zuweilen solche Anfälle."Sie sehen, Fräulein Howell, er ist keine Stütze, sondern muß selbst gestützt werden. Ich meine eS so gut mit Ihnen, wie mit ihm! Er wird sich bald wieder erholen, seit seiner Jugend war er oft in diesem Zustand." Sie werden mich jetzt bester verstehen, da Sie dies wissen) Thomas, rief sie dem Kutscher zu, heben Sie ihn in den Wagen! Glauben Sie mir, mein Fräulein, ich meine es gut mit beiden, aber ich weiß, was recht und was am besten ist!"

Der Kutscher hob den Kranken in den Wagen, und dann fuhren sie rasch davon. Mildred ging bleich und mit niedcrgeschiagener Miene nach dem Hause. Bald kam Robert ihr entgegen.

Man hat ihn fortgeführt, sagte sie kurz, ohne aufzu­sehen.Ich bitte, nehmen Sie sein Pferd in acht und empfangen Sie meinen Dank. Dann eilte fie auf ihr Zimmer und erschien an diesem Tage nicht wieder."

' (Fortsetzung folgt.)

Die schwere Frage.

Ein Geschichtchen von Luise Glaß.

(Nachdruck Verbotes.)

Nun war ja Weihnachten vorbei mit all seinem Durch­einander und all seiner Glückseligkeit. Aufatmen hätte man können und sich so recht der Wirtschaft, der Kindererziehung und dem Behagen hingeben. Ja, man hätte können und konnte doch wieder nicht. Statt aufzuatmen, seufzte Frau Anne; der Gast, den sie sich eingeladen hatte, gleich nach dem Fest, beunruhigte sie. Als Gast durchaus nicht, an Gäste war dies stattliche Gutshaus gewöhnt, aber die Frage, die mit diesem Gast in ihr Leben getreten war, die lag schwer auf Frau Annes Herzen.

Dies Herz war so weich und warm, irgend etwas mußte es immer für andere schäftern, deshalb sollte auch über­morgen wieder große Bubengesellschaft für 6 Meilen Nach­barschaft sein, und Frau Anne saß eifrig an einem vollbe­ladenen Tisch und bereitete Lose und Gewinne für die Lotterie vor. Daß Maja dabei teilnahmlos an der Veranda- thür stand und in den Schnee hinausschaute, das war wiedermalecht".