Ausgabe 
14.1.1900
 
Einzelbild herunterladen

Lormtag den 14 Januar.

H

ffl

i9oo.

Vi i:

5g|»

3®®er mt Siebe dich warnt,

Mil Achtung dich tadelt, X#8r Sei Freund dir! Lavater.

Nachdruck verboten.

Heimatlos.

Roman von P. R o e.

(Fortsetzung.)

X.

Eine Begegnung.

Robert saß auf der geräumigen Terrasse des großen Hotels und blickte durch die großen, offenen Fenster in den langen Speisesaal hinein, um die Welt zu beobachten, zu welcher, wie er fühlte, Mildred gehörte. Mit gespanntem Interesse betrachtete er die Gruppen an den Kartentischen, die nickenden Köpfe schwatzhafter, alter Damen, die jungen Fräulein und Herren, welche schwatzend und scherzend auf die Terrasse herauskamen und dann wieder in den Tanzsaal zurückkehrten, wo ein kleines Orchester den neuesten Walzer spielte. An mehr als einem der Tänzer bemerkte er eine gewisse linkische Ländlichkeit, welche ihm wohl bekannt war.

Den jungen Fremden, welchem Howell so abstoßend be­gegnet war, suchte er längere Zeit vergebens auf der Terrasse und in den Billard- und Lesezimmern. Endlich kehrte er enttäuscht zu seinem Sitz zurück, von dem aus er den Saal überblicken konnte. Kaum hatte er sich niedergelassen, als der junge Mann, den er suchte, die Treppe hcraufstieg, eine Zigarre wegwarf und langsam durch eine Glasthür in den Saal not. Er durchschritt denselben so unbefangen, als ob er leer sei, und setzte sich auf ein Sofa neben eine ziemlich starke und sehr elegant gekleidete Dame.

Ohne sich Rechenschaft über seine Gefühle zu geben, folgte Robert nur seinem Drang, zu erfahren, durch welche Macht dieser junge Mann die Gunst der einen gewonnen hatte, die für ihn so unnahbar war. Mit scharfem Blick musterte er sein Aeußeres und sein Wesen und suchte seinen Charakter zu erforschen.

Bald sah er, daß der junge Mann, von dem Howell in so harten Worten gesprochen hatte, ganz das Gegenteil seiner eigenen Natur war. Seine langsamen Schritte und eine gewisse, ungezwungene Würde ließen darauf schließen, daß ihm jeder Zweck fehlte, irgend wohin zu gehen oder irgend etwas zu thun. Die Dame an seiner Seite sprach

ziemlich entschieden mit ihm und er gab kurze Antworten, ohne sie anzusehen. Dann sprach sie noch energischer, worauf er sich langsam erhob, sich einer jungen Dame näherte, welche nach einigen Worten von ihm rasch aufsprang und mit ihm durch den Saal tanzte. Nach einigen Augenblicken kamen sie bet Robert vorüber, und er konnte die Miene des Tänzers genau beobachten. Aber er war erstaunt und entwaffnet, denn der Fremde zeigte keine Spur von Vergnügen oder Aufregung. Er tanzte sehr leicht und streng im Takt, aber sein Gesicht war farblos und sein Ausdruck nicht blasiert, aber müde und melancholisch. Dann verließ er mit einer leichten Verbeugung den Saal. Die beiden Damen sprachen einige Zett miteinander und schienen verdrießlich zu sein. Rodert fand eine solche Aehnlichkeit zwischen ihnen, daß er sie für Mutter und Tochter hielt.

Robert hatte genug gesehen. Es ist nicht viel an ihm zu hassen, dachte er. Er ist nur der Schatten eines Menschen. Ich hätte nie glauben können, daß sie an ihn denkt! Es ist unerklärlich, wenn er nicht etwa mit besonderen GeisteSgaben ausgestattet ist.

Robert fuhr in unbehaglicher Stimmung nach Hause. Er hat sie nicht vergessen, wenn er sie wirklich wegen ihrer Armut aufgegeben hat, dachte er. Er hat ebenso gut, wie ich, gesehen, daß keine einzige von allen, die zugegen waren, sich mit ihr vergleichen kann, aber da sitzt er und grämt sich, anstatt einen Versuch zu machen, um sie zu gewinnen. Wenn er tanzen kann, warum kann er nicht auch etwas anderes unternehmen? Ich danke dem Himmel, daß ich Kraft und Willen habe. Ich werde öfters hierherkommen, um Manieren zu studieren, ich glaube an die Kraft! Die Kraft bewegt die Welt und führt einen Menschen zum Erfolg! Aber ich sehe, es muß eine Kraft vereint mit guter Laune und guten Manieren sein. Sie hält mich für rauh und ungeschickt, aber die Zeit wird kommen, wo ich keinen Vergleich mehr zu fürchten habe!

Obgleich es schon spät war, als er nach Hause kam, erwarteten ihn doch Frau Howell und Mildred.

Ich habe mich einen Augenblick im Hotel aufgchalten, erwiderte er/'

Haben Sie eine Botschaft von meinem Mann?" fragte Frau Howell hastig.

Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, daß ich ihn gesund und wohl verlaffen habe."

Schien er auch wohl zu sein, als Sie ihn verließen?§ fragte sie.