fen nenn’ ich vornehut, der sich streng bescheiden Die eig'ne Ehre gibt und wenig fragt, Ob ihn die Nachbarn lästern oder meiden.
Paul Heyse.
(Nachdruck verboten.)
Unter dem Schwerte der Themis.
Noman von R,inhol8 Ortmann.
(Fortsetzung.)
Sie rührte sich noch immer nicht aus ihrer nachlässigen Stellung. „Du wirst beleidigend, mein Freund, und dieser Austritt im Nebenzimmer eines Ballsaales ist außerdem unsäglich albern. All' Deine sittliche Entrüstung über mein Kostüm kann jetzt nichts mehr an der Thatsache ändern, daß ich es anhabe und die Nacht hindurch tragen werde. Warum also sollen wir unsere Zeit mit so unfruchtbaren Ergüssen verlieren?"
„O, es ist nicht Dein Anzug allein, der mich entrüstet, Tu weißt sehr gut, daß rch triftige Ursache habe, Dir viel ernsthaftere Vorwürfe zu machen".
„Ah, Du überschätzest, mein Ahnungsvermögen, ich muß Dich schon bitten, etwas verständlicher als in solchen Andeutungen zu reden, wenn 'Du auf eine Antwort rechnest".
„Es soll Mir nicht daraus ankommen, Dora, wenn Dir es denn so haben willst. Nicht nur das Kleid ist es, daß diese Bacchantinnenrolle so anstößig macht, sondern vor allem Dein Benehmen. Sei versichert, daß ich sehr ernstlich mit der Versuchung gekämpft habe, den Gaal zu verlassen, als ich sah, wie weit Du Dich vergessen konntest."
Nun erhob Dora zum erstenmale den Kopf.
„Wäge Deine Ausdrücke", rief sie ihm zu; „denn G wäre vielleicht nicht gut für uns beide, wenn ich aufhörte, diese Komödienszene von der spaßhaften Seite zu nehmen. Mein Benehmen rst Deiner Kritik nicht unterstellt, ich bin weder ein Kind noch eine Sklavin! Es genügt, daß ich vor mir selber verantworten kann, was ich thue. Eine Drohung oder ein Befehl aber wäre wahrlich am allerwenigsten geeignet, mich zu einer Aender- ung meines Verhaltens zu bestimmen".
„Soll das heißen, daß Du dies leichtfertige Sprel noch weiter treiben willst —■ jetzt in dem vollen Bewußtsein, mir damit eine tätliche Beleidigung zuzufügen?"
„Ich verstehe Dich nicht. Was verlangst Du eigentlich von mir?" “
Dienstag den 10 Noverröer
1900.
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„Ich verlange, daß Tu diesen unpassenden Chäm- pagnerverkauf nicht wieder aufninrmst, und daß wir das Fest sofort gemeinsam verlassen".
Tora lachte spöttisch aus. „Nichss weiter als das?"
„O ja, ich verlange noch etwas weiteres —i nämlich, daß Tu von jetzt an kein Wort mehr mit jenem Sandory wechselst — kein Wort und keinen Blick! Wenn er trotzdem den Zudringlichen spielen sollte, so wird es meine Sache sein, ihn gebührend zurechtzuweisen".
„Du bist also eifersüchtig?"
„Nein, ich! habe eine zu gute Meinung von meiner Person, als daß ich Mich so weit vergessen könnte. Aber, ich verspüre keine Lust, Dich und mich; zum Gespött der Leute werden zu sehen".
Sie antwortete ihm nicht, sogleich, aber da man durch die geschlossene Thür lautes Beifallklatschen aus dem Saale vernahm, stand sie auf und ordnete den Faltenwurf ihres Gewandes.
„Nun?" fragte der Staatsanwalt nach Verlauf einer Minute gereizt. „Hältst Du es nicht einmal für notwendig, mir Deine Entschließung mitzuteilen?"
„Mein Gott, wozu da noch viele Worte machen!" warf sie mit einem geringschätzigen Achselzucken hin. „Daß ich auf so beleidigende Zumutungen eingehen würde, konntest Du selber doch keinen Augenblick annehmen".
Tas Verächtliche in Doras Worten trieb dem Staatsanwalt das Blut ins Gesicht. „Du weigerst Dich also, meine Wünsche zu ersüllen? Du willst eS bis zum Aeußersten treiben?"
„Ich will mir die Freiheit meines Willens bewahren", erwiderte sie kalt. „Du mußt mich bisher sehr wenig gekannt haben, wenn Dich das in Erstaunen setzt".
„In der That es scheint so! Aber die Täuschung dürfte, wie mich dünkt, eine gegenseitige gewesen sein; denn ich bin nicht der Mann, Dora, der sich auf Kosten seiner Würde zum willfährigen Spielzeug in den Händen eines gefallsüchtigen und launenhaften Mädchens machen ließe. Wenn ich jetzt von Dir gehen muß ohne einen anderen Bescheid als den, welchen Du mir soeben gegeben hast, dann —"
„Nun?" fragte sie, da er zaudernd innehielt, „Laß mich das Fürchterliche getrost vernehmen! Du hast diesen lächerlichen Auftritt ja herbeigeführt, damit wir uns aussprechen. Sprechen wir uns also gründlich aus! Zit einer Wiederholung der ganzen Szene würdest Du nnch schwerlich bereit finden".
„So wartest Du vielleicht schon mit Ungeduld auf das Wort, das Dir Deine Freiheit wiedergiebt? Wenn es so ist, solltest Du wenigstens auch den Mut haben, Dich rückhaltlos zur Wahrheit gu bekennen! Alles, was Du heute gethan hast, Dein Erscheinen in diesem Anzuge, Dein auffälliges Benehmen in dem Champagner-


