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Teufel von einem Reisenden in solchen Zeiten an zwanzig anderen Thüren vergeblich angeklopft haben würde. Der Mensch, den er selbst im Sattel festgebunden hat, um ihn nrcht auf freiem Felde seinem Schicksal überlassen zu AU müssen, ist übrigens nur sein Bedienter, und dah er trotzdem so viel für ihn thut, macht dem Russen meiner Mernung nach alle Ehre".
„Gewiß! Und er selbst? Ist er unverwundet?"
„Er hatte die linke Hand mit einem Tuche umwickelt", rapportierte der Wachtmeister, „aber er sagte aus meine Frage, daß es nicht der Rede wert sei nur eine kleine Schmarre. Uebrigens muß er sich auf solche Sachen verstehen, denn er hatte den Bedienten, der durch die Brust geschossen ist, schon ganz regelrecht verbunden".
„Und wo befindet sich der Reisende jetzt?"
„Bei dem andern unten in der Kammer, die der Verwalter für ihn angewiesen hat. Der Me mit dem Zerschossenen Arm liegt in einem Verschlage nebenan".
„Ihr sagt, daß Ihr mit ihm gesprochen hättet — er ist also der deutschen Sprache mächtig?"
„Er redete nicht anders, als Euer Gnaden und ich".
„So teilt ihm mit, daß ich mich freuen würde, ihn hier an meinem Tische zu sehen und ihm persönlich meinen Glückwunsch zu seiner Rettung auszusprechen".
Der Wachtmeister salutierte und ging, während Elisabeth mit dem Leutnant in das Speisezimmer zurück- kehrte. Fünf Minuten später öffnete der Diener die Thür, um zu melden, daß der Herr Baron Botukow dem gnädigen Fräulein feine Aufwartung zu machen wünsche. Ein Wink ber Schloßherrin bedeutete ihn, den Fremden hereinzuführen. In der nächsten Sekunde aber hatte Elisabeth von Marschall eine Empfindung, als ob die Decke des Gemaches über ihr zusammenbräche und alle Gegenstände um sie her ins Wanken gerieten. Denn der da auf der Schwelle stand — totenbleichen Antlitzes und mit verbundener Hand — es war kein anderer als der Major Sixtus von Plothow.
(Fortsetzung folgt.)
Obstkmen.
Von Dr. Julius Lang (Berlin).
Nachdruck verboten.
In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts lebte in der Pfalz ein Arzt, Dr. Stolbertus mit Namen, der in einer im Jahre 1778 erschienenen Schrift den Apothekern den Rat erteilte, sie möchten statt gewisser Pulver, Pillen und Mixturen in ihren Läden weißgeflochtene Körbchen mit Obst hinstellen und so den halben Teil ihrer Apotheken in. einen Obstmarkt verwandeln. So sehr war dieser Arzt von der Heilkraft des Obstes überzeugt. Thatsächlich giebt es eine ganze Anzahl von Krancheits- Zuständen, bei denen das Obst eine sehr gute Heilwirkung entfaltet. Aber obgleich diese Thatsache schon lange bekannt ist, ist man der Sache wissenschaftlich, doch erst in der jüngsten. Zeit näher getreten. Und auch seit dieser Zeit erst werden eigentliche „Obstkuren" methodisch angewandt. Die beste Zeit für derartige Kuren ist die „Obstzeit", nämlich der Spätsommer und Frühherbst, weil dann die in Betracht kommenden Früchte am frischesten, saftigsten und daher am wirkungsvollsten sind.
Bis vor kurzer Zeit wurden zu Heilzwecken derart allein die Traubenkuren angewandt. Jetzt aber benutzt man dazu auch anderes Obst, namentlich Birnen, Aepfel und Pflaumen. Den ersten Rang aus diesem Gebiet nehmen allerdings nach wie vor die Traubenkuren ein. Die Heilwirkung des frischen Traubensaftes beruht auf söinem Gehalt an Säuren (Weinsäure), Eiweiß und Nährsalzen. Infolge dieser Zusammensetzung fördert der kurgemäße Gebrauch des Traubensaftes alle Ausscheidungsvorgänge des Körpers und begünstigt dadurch den Heilungsvorgang in den verschiedenen Körperorganen, abgesehen davon, daß ihm auch eine direkt nährende Eigenschaft (durch den Zucker, das Eiweiß und die Nährsalze) innewohnt.
Die Traubenkur wird jetzt in zwei Formen angewandt, als milde und als scharfe Kur. Bei ersterer werden täglich bis vier, bei letzterer bis acht Pfund Trauben verzehrt. Die milde Kur, zu der nur süße Trauben benutzt werden,
kömmt bei solchen Kranken zur Anwendung, die in ihrer Ernährung heruntergekommen sind, also bei blutarmen, bleichsüchtigen, skrophulösen Personen und dergleichen. Hier muß die Traubenkur allemal noch mit einer kräftigen, vorzugsweise aus Fleisch bestehenden Ernährung verbunden werden. Die scharfe Kur dagegen, zu der sich besser mehr säuerliche Traubensorten eignen, ist bei vollblütigen Personen angebracht, bei Fettleibigkeit, Gicht, bei Nieren- und nervösen Magenleiden, bei chronischer Stuhl-Verstopfung, Hämorrhoidalleiden und hypochondrischen Zuständen, sowie bei chronischen Rachen-, Kehlkopfs- und Lungenkatarrhen.
Die Diät richtet sich in allen diesen Fällen nach dem Grundleiden, gegen das die Traubenkur angewandt wird, und muß vom Arzt in jedem einzelnen Falle dem Zustande entsprechend festgesetzt werden. (Man soll ja überhaupt auch die ganze Traubenkur nie ohne ärztliche Verordnung betreffs der Einzelheiten unternehmen; diese Angaben hier verfolgen nur den Zweck der allgemeinen Belehrung.)
Sehr günstig wirkt die Traubenkur auch als Nachkur nach einer Kur in Karlsbad, Marienbad, Kissingen u. a. m.; doch ist unter diesen Umständen eine magere Diät mit Beschränkung im Fleischgenuß und gänzlicher Vermeidung des Fettes erforderlich Früher wurde die Traubenkur auch häufig und wird auch jetzt noch öfters bei der Lungenschwindsucht angewandt. Erfahrene Autoritäten verwerfen jene Kur bei diesem Leiden aber vollkommen, weil sie nicht nur völlig nutzlos, sondern häufig sogar direkt schädlich ist, indem sie Verdauungsstörungen und Durchfälle, ja nicht selten sogar Bluthusten verursacht.
Was das Verfahren bei der Traubenkur selber anbetrifft, so beginnt man mit einem Pfund auf den Tag und steigt allmählich zu der erforderlichen Menge (vier bezw. acht Pfund) an. Eine Traubenkur muß je nach der beabsichtigten Wirkung vier bis sechs Wochen dauern. Die Tagesmenge wird in. drei Teilen genommen, der erste Teil, und zwar die Hälfte der Gesamtmenge, morgens nüchtern eine Stunde vor dem ersten Frühstück, der zweite Teil eine Stunde vor dem Mittagessen, und das letzte Viertel eine Stunde vor dem Abendessen.
Manche Kranke vertragen die Trauben nüchtern nicht, da sie ihnen Magendrücken, Blähungen und dergleichen verursachen. Alsdann kann der erste Teil auch eine Stunde nach dem ersten. Frühstück genommen werden. Alle diese Zeit- und .Mengenangaben bilden nur die allgemeine Regel, von der abzuweichen der Arzt sich häufig gezwungen sieht. Man kann auch, wem die Trauben so nicht schmecken oder wem die stumpsen Zähne unangenehm sind, etwas Brotrinde oder Semmel dazu genießen. Von den Traubensorten eignen sich zur Kur am besten solche, die nicht zu kleine Beeren haben, und keinen zu wässerigen, sondern mehr einen schleimig-dicklichen Saft enthalten, auch- nicht zu viele und zu große Kerne besitzen. Kerne und Schalen dürfen natürlich nicht mitverschluckt werden. Zur Vornahme einer Traubenkur braucht man durchaus nicht etwa einen der vielen Traub en kurorte aufzusuchen, sondern man kann solche Kur auch zu Hause mit dem gleichen Erfolg veranstalten. Wem aber Zeit und Mittel es gestatten, eine derartige Kur an Ort und Stelle durchgumachen, soll dies in Anbetracht der viel günstigeren Allgemeinwirkung nicht verabsäumen.
. Erheblich beschränkter ist das Heilgebiet der andersartigen Obstkuren; doch inan kann auch mit diesen bei gewissen Krankheitszuständen vorzügliche Erfolge erzielen. Namentlich gilt dies für .zwei Leiden, die chronische Stuhlverstopfung und die Hämorrhoiden. Durch eine mit Ausdauer durchgeführte Obstkur gelingt es nicht selten, diese Zustände selbst nach jahrelanger Dauer und bei größter Hartnäckigkeit allen bisherigen Heilungsversuchen gegenüber dauernd zu beseitigen, und bei den Hämorrhoiden wenigstens alle Beschwerden zu heben. Allerdings ist es hier mit einer mehrwöchigen Kur nicht gethan, vielmehr gehören Monate, dazu, bis ein günstiger Erfolg sich bemerkbar macht. Im Gegensatz zu den Trauben ist mit anderem Obst solche lange Kur sehr leicht durchführbar. Monate lang täglich! vier bis acht Pfund Trauben zu genießen, dürfte wohl den wenigsten Menschen möglich sein; es würden sich auch bald üble Nebenwirkungen ein-


