Ausgabe 
13.9.1900
 
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sträflichen Unterstützung des Geächteten überführt wurde, lieber wollte sie das äußerste tragen, als der schimpflich erkauften Großmut eines Schurken ihre Rettung ver­danken.

Noch war sie auf ihrer ruhelosen Wanderung be­griffen, als Charlotte mit dem Mädchen hereinkam, das die eilig bereitete Wendmahlzeit für den Leutnant von Kapnist brachte. Es mußte viel beizender Rauch in der Küche gewesen sein; denn die sonst so blanken Augen der jungen Dame waren trübe und merklich gerötet. Mit Bestürzung gewahrte sie, daß der Offizier gar nicht mehr im Zimmer war. Sie fragte beklommen nach seinem Ver­bleib, Elisabeth aber stand noch zu sehr unter dem Banne ihrer quälenden Gedanken, als daß sie zu einer ausführ- lichen Antwort geneigt gewesen wäre.

Er stellt Wachen aus> oder sonst etwas Dienst­liches ich weiß es nicht frage ihn selbst, wenn er zurückkommt."

Sie hatte gewiß nicht unfreundlich sein wollen, aber für Charlottens schuldbeladenes Gewissen war die hastig und abgerissen hingeworfene Erwiderung ein sicherer Beweis, daß die schreckliche Offenbarung bereits erfolgt sei; daß Elisabeth die Wandlung in Kapnists Empfinden entdeckt und vielleicht auch schon in der vermeinten Freundin die treulose Zerstörerin ihres Glückes erraten! habe. Nun wußte die arme Charlotte mit einem Male, wie es dem Delinquenten um's Herz sein muß, dem sein letztes Stündlein bevorsteht. Sie wünschte sich weit, weit von hier hinweg, am liebsten gleich; ins kühle Grab, und nicht um eine Million würde sie es über sich vermocht haben, die Augen noch einmal zu Elisabeths Antlitz zu erheben.

Die Teller klapperten und klirrten in ihren zitternden Händen, während sie den Tisch für den wankelmütigen Urheber all dieser grausamen Kümmernisse herrichtete, und eben wollte sie sich nach verrichteter Arbeit lautlos zurückziehen, als er in all seiner jugendlichen Schönheit und Stattlichkeit leibhaftig wieder auf der Schwelle stand.

Wie, mein gnädiges Fräulein, Sie ergreifen vor mir die Flucht?" fragte er vorwurfsvoll, da sie behend an ihm vorbeizuschlüpfen versuchte.Ist es denn nicht vielmehr meine Pflicht, als ungerufener Eindringling das Feld zu räumen?"

Sie würde sich mit ihren häuslichen Obliegenheiten entschuldigt haben, wenn nicht Elisabeth sie erbarmungslos daran gehindert hätte.

So bleib' doch Charlotte, und hilf mir, unfern gestrengen Kerkermeister bei guter Laune zu erhalten. Wir sind also jetzt wirklich Ihre Gefangenen, Herr von Kapnist?"

Welch eine Vermutung, meine Gnädrgste! Der Hof ist allerdings von meinen Wachen umstellt, und die Leute haben strengen Befehl, jeden festzunehmen, der ihn zu verlassen sucht. Daß aber ein solcher Befehl sich nicht auf Sie, meine Damen, erstrecken kann, bedarf doch wohl nicht erst der Versicherung".

Und wenn ich nun wirklich Lust hätte, einen Spa­ziergang in der kühlen Nachtluft zu unternehmen, würde ich nicht Gefahr laufen, von Ihren Soldaten erschossen oder niedergemacht zu werden?"

Der Leutnant nahm die Frage von der scherzhaften Seite.Wenn das gnädige Fräulein es verschmähten, diesen Spaziergang unter meinem Schutze zu machen, und wenn Sie überdies den Posten auf ihren Zuruf nicht Rede ständen wer weiß, ob eine so fürchterliche Katastrophe dann nicht in der That eintreffen könnte. Aber wir brauchen ja zum Glück nicht mit solchen Voraus­setzungen zu rechnen".

Und wozu all diese Vorsicht, Herr von Kapnrst? Angenommen selbst, daß es auf Lasdehnen einen Ver­räter gäbe, was in aller Welt sollte er denn heute dem Major Sixtus verraten?"

Wenn er es verstanden hat, meine Leute aus­zuhorchen, kann er immerhin erfahren haben, daß für morgen ein Hauptschlag gegen die Bande beabsichtigt ist, und er kann sie daraufhin bestimmen, vorläufig noch jenseits der Grenze zu bleiben".

Sind Sie denn nicht der Meinung, daß Major Sixtus das auch ohne besondere Warnung thun würde?" Nun, ich halte es wenigstens nicht für unbedingt

sicher. Denn da drüben wird ihm das Leben kaum minder sauer gemacht werden, als auf preußischem Gebiet. Es fehlt dort überdies an schützenden Schlupfwinkeln für das Gesindel. Sobald er annimmt, daß wir uns aus der Gegend verzogen haben, kommt er sicherlich zurück".

Nun, ich bin in dar That neugierig, ob Ihre Wachen den Spion abfangen werden, der, wie ich glaube, nur in der Einbildung meines allzu mißtrauischen Verwalters existiert. Hoffentlich ließen Sie keinen Ausgang unbesetzt, und hoffentlich schläft keiner Ihrer braven Kürassiere auf seinem Posten ein".

Was das betrifft, so will ich schon selber dafür Sorge tragen, daß sie munter bleiben. Es verlangt mich so lebhaft darnach, den Burschen baumeln zu sehen, der mir den schurkischen Streich gespielt hat, daß mir's wahrhaftig nicht darauf ankommt, für seine Ergreifung eine Nacht­ruhe zu opfern".

Aber Sie hegen doch wohl nicht die Absicht, Herr . Leutnant, solche summarische Justiz hier auf meinem Grund und Boden zu üben? Auch; wäre der Strick in diesem Fall jedenfalls eine viel zu harte Strafe".

Keineswegs, mein gnädiges Fräulein! Die Ordre des Königs giebt uns nicht nur das Recht, sondern sie legt uns sogar die Pflicht auf, mit den Marodeuren tote mit ihren Helfershelfern nach Standrecht zu ver­fahren, und als die Tochter eines Soldaten wissen Sie ohne Zweifel, daß in den Kriegsartikeln auf Verräterei der Tod steht. Wer Sie dürfen unbesorgt sein. Fangen wir den Hallunken, so werden wir ihn weit genug von Ihren Fenstern aufknüpfen, daß sein Anblick Ihnen nicht lästig fallen kann".

Mit bestem Slppetit hatte Herr von Kapnist während dieser Unterhaltung begonnen, dem Abendessen zuzu- sprechen, dessen Trefflichkeit durch Charlottens Herzens­kummer glücklicherweise nicht beeinträtigt worden war. Aber seine Mahlzeit war noch nicht beendet, als ein Diener mit der Meldung erschien, der Wachtmeister von den- rassieren wünsche den Herrn Leutnant zu sprechen. Trotz der freundlichen Aufforderung Elisabeths, den Mann hier im Zimmer zu empfangen, ging der junge Offizier aus schuldiger Rücksicht auf die Dame des Hauses hinaus, und die Zurückbleibenden hörten nach; Verlauf weniger Minuten im Vorgemach ärgerlich ausrufen:

Aber warum, zum Henker, haben Sie mich nicht vor­her gefragt? Wir können doch nicht ohne die Einwillig­ung der Besitzerin ein Lazarett aus ihrem Schlosse machen. Wenn der Verwalter die Verantwortung dafür auf sich genommen hat, hätte er jetzt auch selber kommen sollen, die eigenmächtige Handlung vor dem gnädigen Fräulein zu vertreten".

Nun hielt es Elisabeth doch für nötig, die Thür zu öffnen und zu fragen, um was es sich handle. Sichtlich ungehalten erstattete ihr der Leutnant Bericht.

Mein Wachtmeister meldet mir soeben, daß vor dem verschlossenen Hosthor zwei Reiter erschienen seien, von denen der eine um Aufnahme für sich und seinen schwerverwundeten Begleiter gebeten habe. Es sollen zwei russische Reisende sein, die jenseits der Grenze einen Zu­sammenstoß mit Wegelagerern hatten, und sich mühsam bis hierher flüchteten. In der That stellte sich bei näherem Zusehen heraus, daß der eine bewußtlos und au scheinend sehr übel zugerichtet auf seinem Pferde festgebunden war. Die am Thore ausgestellte Wache wollte, wie es sich ja eigentlich von selbst verstand, Ihre Befehle hinsichtlich einer Ausnahme oder Abweisung der Fremden einholen; Ihr Verwalter aber, der dazu kam, ließ sie ohne weiteres in den Hos, und nun ist, wie ich höre, der Verwundete bereits in einem Zimmer aus diesem Flügel untergebracht worden. Ich bedaure wirklich von Herzen, daß Sie zu allem anderen auch noch diese neue Ungelegenheit haben mußten".

Die Ersüllung einer Menschenpflicht kommt mir niemals ungelegen, Herr Leutnant! Mein Verwalter hat in diesem Fall durchaus nach meinem Sinn gehandelt, und ich hoffe, daß maü dem armen Verletzten jede Hilfe zu teil werden läßt, die ihm hier überhaupt geboten werden kann".

Bewundernd sah der Leutnant zu ihr auf.Wahr­haftig, mein gnädiges Fräulein, Ihr Edelmut könnte manchen beschämen. Ich bin gewiß, daß dieser arme