Ausgabe 
13.9.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von L o t h a r B r e n k e n d o r f.

(Fortsetzung.)

Während er sprach, war sein lauernder Blick un­verwandt auf die junge Schloßherrin gerichtet, und in seinen Mienen wie in seinem ganzen Benehmen trat eine zuversichtliche Dreistigkeit zu Tage, die sich viel zu auf­fallend von seinem gewöhnlichen, unterwürfigen Wesen unterschied, als daß Elisabeth nicht mit lähmendem Ent­setzen in dem Sinn seiner Worte zugleich die Ursache dieser Veränderung hätte erkennen sollen. Ihr Geheimnis in Besitz dieses Menschen zu sehen, war für sie gleich­bedeutend mit der Gewißheit einer furchtbaren Gefahr; denn sie gab sich keiner Täuschung darüber hin, daß sie von ihm, den sie so oft und so tief gedemütigt hatte, nicht die geringste Schpnung erhoffen dürfe, wenn sie sich einmal in seinen Händen befand. Wahrlich, es war gut, daß der Leutnant in diesem Augenblick seine ganze Auf­merksamkeit dem neuen Ankömmling zuwandte; denn ihr jäher Farbenwechfel und das Beben ihrer Lippen hätten selbst seiner naiven Ahnungslosigkeit befremdlich scheinen müssen.

Nun aber kehrte er sich gegen den Verwalter und rief, in lebhafter Ueberraschung:Was sagt Ihr da? Von hier aus wäre er benachrichtigt worden? Er hätte also einen Spießgesellen unter den Bewohnern dieses Gutes?"

Ohne Zweifel. Ich. habe dafür nicht blos Ver­mutungen, sondern greifbare Beweise. Irgend jemand hat in der vorletzten Nacht während des Gewitters zu Pferde den Hof verlassen, um das Lager des Majors aufzusuchen. Daß es nur in der Absicht geschehen sein kann, ihn von Ihrem Angriffsplan zu unterrichten, liegt auf der Hand".

Alle Wetter! Das ist ja eine hübsche Neuigkeit! Den Kerl müßt Ihr mir zur Stelle schlaffen, Mann! Denn, bei meiner Ehre, er wird ohne Gnade und Barm­herzigkeit gehängt".

Tie Mundwinkel des Verwalters verzogen sich zu

K

ras*

it bist auf dieser Welt nur Gast

Auf eine kurze Zeit von Tagen.

Wird dir's so schwer, dich also zu betragen, Daß du nicht andern Gästen fällst zur Last?

Joh. Trojan.

einem tückischen Lächeln.Ich denke wohl, daß ich ihn noch ausfindig machen werde, Herr Leutnant! An einem ganz bestimnlten Argwohn fehlt mir's nicht; aber in einer solchen Sache darf man nichts übereilen. Vielleicht kann ich Ihnen schon morgen den Namen nennen. Vorerst aber sollten Sie Sorge tragen, daß nicht auch, in dieser Nacht etwas Aehnliches geschieht. Wäre ich an der Stelle des Herrn Leutnants, ich stellte so viele Wachen aus, daß auch nicht eine Katze den Hof ungesehen verlassen könnte".

Der Leutnant von Kapnist hatte sich! bereits erhoben. Ich muß um Verzeihung bitten, mein gnädiges Fräu­lein", sagte er in dienstlich gemessenem Tone,wenn ich auf eine solche Angabe hin allerdings genötigt bin, ge­wisse Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die fast wie ein Ein­griff in Ihr Hausrecht erscheinen könnten. Aber ich darf die Verantwortlichkeit, die bereits auf mir liegt, nicht ohne Not vergrößern, und überdies werden auch das gnädige Fräulein gewiß den Wunsch hegen, dieser abscheu­lichen Verräterei auf den Grund zu kommen".

Mühsam hatte Elisabeth ihre Selbstbeherrschung zu- rückgewonnen. Sie versicherte dem Leutnant, daß er ganz nach seinem Ermessen über ihr Haus verfügen könne, selbst wenn er, wie sie in gezwungen scherzen­dem Tone hinzufügte, mit der Absicht unigehe, sie auf ihrem eigenen Grund und Boden zur Gefangenen zu machen.

Irgend eine Meinung über den Argwohn des Ver­walters äußerte sie nicht, und sie erhob auch keinen Einwand, als Franz sich dienstwillig bereit erklärte, auf Grund seiner genauen Ortskenntnis dem Offizier bei der Verteilung der Wachtposten mit seinem Rate beizustehen. Aber sobald sich die Thür hinter den beiden Männern geschlossen hatte, sprang sie von ihrem Sessel empor und begann fieberhaft erregt im Zimmer auf und nieder zu schreiten. Daß Franz von ihrem nächtlichen Ritt nach dem Totendorf wußte, und daß es in seine Macht ge­geben war, sie durch eine Anzeige zu verderben, galt ihr jetzt als unumstößliche Gewißheit. Der Blick, den er ihr soeben beim Fortgehen hinter dem Rücken des Leutnants zugeworfen hatte, war von einer nicht mißzuverstehenden Beredtsamkeit gewesen.

Fürchte nichts, noch werde ich Dich nicht verraten", hatte sie darin gelesen;denn, ich denke mein kostbares Geheimnis teurer zu verkaufen, als für die Genugthuung, Dich in's Gefängnis wandern zu sehen!"

Und sie kannte im vorhinein den Preis, den er fordern würde, wie sie im vorhinein wußte, daß sie ihn nimmermehr zahlen könne. Nicht einmal zu einer Bitte vermochte sie sich vor diesem Elenden zu erniedrigen, dessen war sie ganz gewiß. Verachtung und Abscheu vor seiner Verworfenheit waren zu mächtig in ihrer Seele, als daß sie im stände gewesen wäre, sie ihm zu verbergen. Was auch immer mit ihr geschehen mochte, wenn sie der