Ausgabe 
13.5.1900
 
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von Dänemark, Herrn Konsul Jens Peter Erkensen, hilf­reich und zuthunlich. aufs Kreuz.

Der alte Herr rückte mit einer heftigen Bewegung ab. Um seiner Entrüstung noch anders Luft zu machen, wie er das, nach seinem Japsen zu urteilen, gerne wollte, dazu fehlte ihm momentan der Atem. Nachdem er sich mit seinem buntseidenen Taschentuche umständlich die Augen getrocknet, barg er das faltige blaurasierte Kinn in der altmodisch geknüpften schlohweißen Halsbinde und wollte den dreisten jungen Mann gerade zurechtsetzen, als der Geheime Ad- miralitätsrat von Groone, welcher die Herren für ein paar Augenblicke allein gelassen hatte, wieder das gemütliche Box des Ratskellers betrat.

Nehmen Sie's nicht übel, Herr Konsul", sagte der dicke, kurzluftige Rat, indem er sich niederließ und eine Ecke des Tisches geschäftig abzuräumen begann,der Rote ist bildschön, aber ich habe nun schon zwei Pullen davon im Leibe, und da ist mir, offen gestanden, ein bischen schlabberig. Seien Sie jetzt mal mein Gast, und ich werde Ihnen etwas zu trinken geben, was der ärmste Mensch genießen kann, wenn ihm schlecht ist. Prost Rest, meine Herren!"

Damit hob er sein Glas und goß es mit dem spitzen Munde des Genußmenschen hinter die Binde.

Malle Storck folgte dem guten Beispiele jedoch nicht, ohne den Rest unter höflicher Verbeugung speziell dem gnatzigen alten Herrn zu weihen, welcher sich bei der Pro­position des Rats ohne rechten Erfolg um ein freundliches Gesicht bemühte.

Herr Konsul Erkensen wußte aus Erfahrung, was solche Mariniers zu leisten vermögen. Das allein aber wäre nicht so schlimm; man konnte sich ja einrichten wie heute z. B. mit zwei Glas, während die anderen zwei Flaschen intus hatten. Aber wenn diese Leute auftauten, dann hatten sie so besondere Getränke, aus die sie stolz waren, weil sie sie selbst mischten, und die bei aller Ver­schiedenheit der Namen durchweg das eine gemeinsam hatten, schrecklich schnell betrunken zu machen.

Und wirklich schwenzelte der Kellner mit einem großen Tablett an, ans welchem ein vielversprechendes Stillleben arrangiert war zwei aufeinanderpassende silberne Misch­becher, Eis, Eier, Sherry, Madeira, Cognac, Angostnra rc.

Nun, Storck dalli, Ihren berühmten Cocktail!" ermunterte der Rat leuchtenden Auges. Und nach ein paar geübten Griffen raffelte unter den schüttelnden Händen des Leutnants das Eis in den Bechern wie eine samoanische Kriegstrommel. Dabei sah Malle Storck den alten Herrn so verheißnngsvoll an, als wenn er sagen wollte:Na Du kannst Dir gratulieren!"

Dieser nnterhielt sich zwar angelegentlich mit dem Rat, aber einzelne Seitenblicke ließen doch erkennen, daß er nicht übel Lust hatte, sich mit dem jungen Menschen zu prügeln. Eigentlich war es auch zum Teufel holeu. Bor ein paar Wochen erst hatte er dem windigen Leutnant rund nud deutlich sein Haus verboten, weil er die Stirn gehabt, schon zum zweiten Male um Henny Erkensen, das schönste und reichste Mädchen sämtlicher freien Reichsstädte, anzu­halten. Als ob die Tochter des Handelsfürsten Erkensen jemand anderes heiraten dürste, als mindestens einen Handelsprinzen. Henny selbst schien zwar aus der guten hanseatischen Art schlagen zu wollen aber das kam blos daher, weil ihr dieser Thunichtgut schon als Primaner den Kopf verdreht hatte. Vor ein paar Wochen also hatte er der Sache radikal ein Ende gemacht. Und Jens Peter Erkensen hielt die Lösung trotz der Thränen auf der einen und der unverschämt lächelnden Zuversicht auf der anderen Seite für eine endgiltige. Denn wenn Malle Storck auch ein Windhund war, dessen Gymnasiastenstreiche noch in aller Munde lebten, so war er jetzt doch Offizier und würde nach dem unzweideutigen Verbot das alte Patrizierhaus in der Dyvekestraße als Tabu betrachten.

Die Hoffnnng, den unbequemen Freier überhaupt nicht wiederzusehen, hatte sich leider nicht erfüllt. Der Konsul war wie aus den Wolken gefallen, als ihm vom Reichs- Marineamt der Geheime Admiralitätsrat von Groone und der seiner besonderen Fachkenntnisse wegen zur Werst- Sektion kommandierte Leutnant z. S. Emanuel Storck zwecks Abnahme der letzten Teakholz-Lieferung avisiert wurden.

Ein Glück war es, daß sein Haus zur Zeit innen und außen von Maurern und Malern belagert war und die Reno­vierungsarbeiten einen schicklichen Grund gaben, die Herren nicht daheim zu bewirten.

So saß er denn jetzt neben dem zurückgewiesenen Eidam, welcher eben die Gläser mit einer ganz verdächtigen gelben, starkdustenden Flüssigkeit füllte. Sein väterliches Patrizierherz lehnte sich ans gegen die Nachbarschaft eines Menschen, welcher schon so viel Aerger und Unruhe über sein sonst so korrektes, sriedsames Haus gebracht. Ter Kaufmann in ihm dagegen bedingte Duldung, ja sogar eine gewisse äußere Liebenswürdigkeit. Die Geschäfte hatten sich abgesehen von ein paar niederträchtigen Bemängel­ungen seitens des Sachverständigen, Lentnants Storck ziemlich glatt abgewickelt, und der Konsul fühlte sich ver­pflichtet, den Herren Bescheid zu thun.

Tas Zeug schmeckte übrigens nicht schlecht. Bei aller Konsistenz hatte es einen nur leicht süßen, überaus wür­zigen Geschmack, welcher zu dem vorweg genossenen Rot­wein vorzüglichstand" und audji durchaus den Eindruck der Ungefährlichkeit machte.

Jens Peter Erkensen hatte erst ein- oder zweimal mit hochgezogenen Augenbrauen vorsichtig genippt und nahm nun einen kräftigen Schluck. Als er das Glas bedächtig uiedersetzte, drückte er schmeckend die Lippen zusammen und wiegte voller Anerkennung sein würdiges Haupt.

Na, Herr Konsul was sagen Sie nun?" interpellierte der Rat mit triumphierendem Ausblick.

In der That, ein wohlschmeckendes Getränk", er­widerte der alte Herr, indem er wie zur Bethätigung seines Lobes das Glas nochmals an die Lippen siihrte. Aber er konnte sich nicht enthalten, die im Grunde doch nur dem Leutnant gespendete Anerkennung wenigstens durch eine kleine Malice einzuschränken; und so sägte er denn mit einem gekniffenen.süßsauren Lächeln hinzu:

Haben sehr bemerkenswerte Fähigkeiten, unsere jungen Herren von heute."

In Malle Storcks hübschem Gesicht spielten eine ganze Anzahl undefinierbarer Schalke. Plötzlich wurde er ernst und schüttelte langsam den Kops.

Es ist eigentlich furchtbar häßlich von Ihnen, Herr Konsul", meinte er dann, indem er die Schultern wie unter einem leichten Seufzer hob und gleich darauf trübselig zusammensackte,entschieden häßlich, daß Sie unsere kleinen Meinungsverschiedenheiten immer hervorkehren. Mein verehrter Chef, der Herr Geheimrat, muß fast glauben, daß Ihr Wohlwollen für mich ein begrenztes ist"

Jens Peter Erkensen hob sein Kinn aus der Binde und wollte schon die Versicherung abgeben, daß diese An­nahme durchaus den Thatsachen entsprechen würde aber er brachte es doch nicht recht heraus. Er sühlte ein sonder­bares leichtlebiges Wohlwollen in sich, das ihm Dinge von der humoristischen Seite zeigte, die er sonst nur bitter ernst zu behandeln pflegte. Also stimmte er in das gemütliche Auflachen des Admiralitätsrats ein.

Sie müssen nämlich wissen, Herr Geheimrat", wandte der Leutnant sich an dielen,daß ich mit meinem väter­lichen Freunde, Herrn KMsul Erkensen, der mich schon seit meiner Knabenzeit kennt und schätzt, in einigen kleinen Ansichtssachen disharmoniere. So verficht er seftlängerem schon die Aussassung, daß ich kein geeigneter Schwieger­sohn für ihn wäre, wohingegen ich der begründeten Mein­ung bin, daß ich die ausgesucht vortrefflichsten Qualitäten für diese angenehme Stellung in mir vereinige. Des wei­teren ist Herr Konsul des Glaubens, daß die zwei handlichen Körbe, welche er mir hat zuteil werden lassen, mich ent­mutigen müßten, das Glück seiner Familie anzustreben. Das' ist ein Fehlschuß, der auf einer kränkenden Ver­kennung meines guten Herzens beruht und--"

Holla", unterbrach ihn der Konsul so geräuschvoll lustig, daß Malle Storck aus seiner geduckten Haltung auf» schaute und sich, auch an den geröteten Ohren und fidelen Augen des sonst so gestrengen Herrn, höchlichst ergötzte, holla, mein junger Freund, nur sachte gespaßt! Nach unserer letzten Rücksprache"

Werde ich Ihr Haus nicht eher und nrcht anders wieder betreten", ergänzte der Leutnant gelassen,wie als Schwiegersohn."