Ausgabe 
13.5.1900
 
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den Aurikelaugen ein sonniges Lächeln, nur das kleine weißgekleidete Mädchen, welches, einen Strauß roter Rosen in der Hand, dicht am Wagenschlag steht, bemerken sie nichts

Erst als die üppig graziöse Gestalt in der lichtgrauen kostbaren Reisetoikette auf dem Rasen steht und der Graf ihr ein paar Worte zuflüstert, fährt sie herum, brennende Röte im Antlitz, und schließt die Kleine stürmisch in die Arme.

Meine süße kleine Dina, da bist Du ja endlich! Weißt Tu denn auch, wie sich die arme Mama gesehnt hat, ihr Töchterchen zu begrüßen? Und so reizend schaust Du aus, so allerliebst? Gelt, da müssen wir den bösen Papa schelt- ten, der nichts vön alledem verraten hat! Nicht wahr, mein Herz? Aber recht lieb wollen wir beide uns haben, willst Tu, meine kleine Dina?"

Wie zärtlich ihre Stimme klingt und wie girrend ihr leises Lachen. Das Kind steht wie betäubt, erst als es des Vaters Blicke auf sich gerichtet fühlt, zuckt es zusammen und antwortet leise:Ja, Mama!" Aber es klingt ge­preßt, sie hat Thränen in der Stimme.

In der Dämmerung desselben Tages sucht Brigitte voller Angst ihr Komteßchen, welches die gnädige Gräfin doch schon vor einer Stunde ins Kinderzimmer geschickt haben will. Endlich findet sie es am Ende des weiten Parkes, dort, wo die Toten des stolzen Grafengeschlechtes mehr oder weniger gern von dem Erdenleben ausruhen. Der jüngste Sproß desselben kauert am vergoldeten Gitter, welches die Ahnengruft umschließt und schluchzt, daß die kleine Gestalt erbebt wie ein vom Sturm geschüttelter Halm.

Als Dina Frau Brigitte erblickt, fliegt sie auf sie zu, sie fest umklammernd.

Ich kann sie nicht lieb haben, Brigitte, ich kann nicht! Sie ist falsch, ihre Lippen sprechen süße Worte und ihre Augen lachen, aber ihr Herz weiß nichts davon. Ich habe es wohl'gehört, wie sie zu ihrer Kammerfrau, die mit ihr kam, sagte: Schloß Wellinghausen ist prächtig, über mein Erwarten prächtig, nur eins ist überflüssig darin: die kleine Dina, das Anhängsel!"

Wieder umfaßt das Kind die Gitterstäbe und schluchzt, die brennenden Augen auf die stille Gruft gesenkt:Das Anhängsel! Allen bin ich im Wege! O, Mama, Mama

Wie deutlich die einsame Frau das alles noch ein­mal erlebte! Die Dämmerstunde, die Fee im grauen, schattenhaften Gewände mit den tiefen geheimnisvollen Augen und der leise raunenden, herzaufwühlenden Stimme stand neben ihr, hob einen Schleier nach dem andexn vom Bilde der Vergangenheit und flüsterte ihr, dicht an sie geschmiegt, eine traurige Geschichte zu: die Geschichte ihres Lebens.

O, das Kind hatte sich nicht in der Stiefmutter ge­täuscht! Kinder täuschen sich überhaupt selten in solchen Fällen. Sie sehen mit ihren jungen, klaren Augen viel besser bis ins Menschenherz als die Großen, denen Leidenschaft, Selbstsucht und innere Zerrissenheit die Blicke trübten.

m Das mittellose, wenn auch ahnenreiche und vornehme Fräulein, welches Graf Joachim von Wellinghausen in sein Schloß geführt, hatte viel Sinn für Prunk und Glanz, für rauschende Feste, glänzende Kavaliere, kostbare Pariser Toiletten, funkelndes Gestein; aber wenig Herz für das Kind ihrer Vorgängerin, für das Anhängsel. Ja, wäre Dina wenigstens ein Kind ihres Herzens, ihres Sinnes gewesen, hätte sie nur das geringste Talent zum Genießen, zum Abschlürfen des kostbaren Schaumes aus der Oberfläche gezeigt, aber so? Die ernsten Augen in dem jungen Antlitz waren ihr entschieden unangenehm.

Sie that auch nichts, das Kind dem Vater näher zu bringen. Und gerade sie hätte das so leicht vermocht! Der Graf liebte das junge Weib mit dem zarten, wunder­schönen Antlitz, welchem die dunklen Sammetaugen einen so eigenartigen Reiz verliehen, mit Leidenschaft, mit der Leidenschaft, welcher so oft ernste, ausgereifte Naturen zum Opfer fallen. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen, und besonders, als sie ihm Nach Jahresfrist den heiß er­wünschten Erben in die Arme legte, war ihre Macht über ihn grenzenlos. Er, der sonst so kühl, so sicher Urteilende,

wußte nicht, daß körperliche Schönheit das einzige Gut des goldhaarigen Weibes, daß ihr Herz leer, ihr Geist arm, daß sie keinerlei Ideale hatte, sich nicht an schönem und hohem zu erwärmen vermochte, daß ihr ganzer Ideen- kreis sich unablässig um den einen Mittelpunkt bewegte: das eigene vergötterte Ich. Er sah es nicht, konnte es nicht sehen; die Leidenschaft mit ihrem Feuerbrand blen­dete seine Augen. Wie verzückt konnte er sie anschaNen, wenn sie ihm er war ein Frühaufsteher und liebte einen Ritt durch taufrische Wiesen und Wälder im Frühstückszimmer im weißen, schleppenden Gewände, die wundervolle Haarfülle frei über den Rücken wallend, den schönen Knaben im Arm, entgegentrat. Mit stolzem, glück- lichein Lächeln schloß er sie dann beide in die Arme, seinem Töchterlein, welches mit brennenden Augen von ferne stand, kaum flüchtig zunickend. Und doch war er jetzt anders, wärmer zu der Kleinen als bisher. Teilte er von seinem inneren Glück mit, merkte er an dem Ueber- schuß von Zärtlichkeit, welche er für den Sohn hatte, wie sehr er sein ältestes Kind bisher darben ließ, oder rührte es ihn, Dinas Entzücken zu sehen, wenn das Brüderchen ihr zulächelte, ihr jauchzend die Aermchen entgegenstreckte?

^Und das that das kleine Menschenkind mit immer größerer Vorliebe. Die beiden waren gut Freund mit ein­ander^ Tie Schwester war ständiger Gast im Kinderzimmer und die entzückteste BewuNberin der sich dort täglich kräf­tiger entfaltenden Lebenskraft. Welche Ereignisse: Wolfs erster Zahn, seine ersten stammelnden Laute, die ersten ängstlichen, unbeholfenen Schrittchen.

Die schöne Mutter ließ sich dergleichen Freuden herz­lich gern entgehen. Noch immer begrüßte sie allmorgend­lich in anmutigster Pose mit dem Knaben den Gemahls aber damit schien sie sich aller Mutterpflichten los und ledig zu halten.

Bubi ist entzückend, ein reizender kleiner Schelm! Bubi hat wohl schon wieder ein paar Zähnchen mehr? Bubi läuft wohl nächstens?" aber das' alles nur im Fluge, in vorsichtiger Entfernung. Die kleinen Knaben­hände konnten schon recht kräftig zugreifen und trugen kein Bedenken, die kunstvolle Frisur, den duftigen Spitzen­besatz des seidenen Kleides zu zerstören. Und dann hatte Gräfin Lori Wellinghausen auch, je älter ihr Knabe wurde, desto weniger Zeit für ihn. Im Sommer reiste sie in trgenjb ein vornehmes Modebad, im Winter mußte man notge­drungen wenigstens die erste Saison in der Residenz ver­leben man war es seinem Stande schuldig, und ivozu hatten die Wellinghausen ihr prächtiges Palais dort? und war man zu Hause, so gab es Jagden, Ausslüge, Bälle und Gelage, denen man sich doch unmöglich ent­ziehen konnte.

Und nicht wahr, Achim, das verlangst Du auch gar nicht? Wolf ist in bester Hut der Junge versprecht ein Hüne wie sein Vater zu werden und warum soll man das Leben nicht genießen, so lange man jung und schön ist? Oder bin ich das nicht mehr?" Dabei legte sie die weichen, weißen Arme so fest um des Grafen Nacken, lächelte ihn so berückend mit den braunen Augen an, daß die Falte zwischen seinen Augenbrauen, welche jetzt manch­mal dort wieder zum Vorschein kam, schwand, und er hin­gerissen die roten Lippen, deren süßer Hauch die seinen streift, küßte.

(Fortsetzung folgt.)

Malle Storcks Werbung.

Humoreske von Teo v. Torn.

Nachdruck verboten.

Na, Herr Konsul--seltsames Zusammentreffen,

was?"

Leutnant z. S. Emanuel genannt Malle Storck zog seinen prächtigen braunen Schnurrbart durch die Finger rind blinzelte den steifleinenen alten Herrn mit so listiger Ueberlegenheit an, daß dieser sich vor Zorn an seinem Rotspon verschluckte.

Zum Ueberfluß streckte Malle Storck nun auch noch den mit der blanken Krone bestickten Arm aus und schlug den hanseatischen Geschäftsträger Sr. Majestät des Königs