IBM
Lonntag den 13. Mai
I I-, »W
WM
IESto
Nachdruck verboten.
ancher, der seinen Nächsten höchlich beleidigt hat, ist am schwersten zur Versöhnung zu bringen.
Scriver.
„Es sah eine Linde ins tiefe Thal."
Novelle von R. Litten.
(Fortsetzung.)
Wieviel Mühe da die treue Frau hatte, das fiebernde Kind zu beruhigen, wie sie sich gelobte, es nie zu verlassen! Das hatte sie ja auch schon seiner Mutter schwören müssen. Man hatte sie, die junge Gärtnerswltwe, dre Milchschwester der Gräfin, welche dieser gefolgt war, als Schloß Mellinghausen ihre Heimat wurde, gerufen, als der Tod bereits die Zunge der jungen Schloßherrin zu läh- men begann, und tief hatte sic ihr Ohr au die bleichen Lippen legen müssen, um die Flüsterworte der Sterbenden zu verstehen.
„Mein Kind, Brigitte — sein Vater liebt es nicht — weil es kein Knabe ist. — Verlasse mein Kind nicht — schwöre es mir!" ' ....
Da war Brigitte erschüttert vor dem Bette der Gräfin in die Knie gesunken und hatte laut und feierlich gesprochen:
„Das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe!"
„Amen!" war es wie ein Hauch aus den seidenen Kissen gekommen, und flüchtig, wie ein verlöschender Sonnenstrahl, hatten die dunkleii Augen in dem weißen, vom Tode schon gezeichneten Antlitz pufgeleuchtet.
Ob der Graf den Schwur vernommen? Wohl schwerlich! Im entferntesten Winkel des großen Gemaches stand er, wahnsinnige Verzweiflung im Gesicht, Und beschwor die Aerzte, sein Vermögen, all seine Habe zu nehmen, und sein Weib, sein Kind zu retten.
Als ob sich der Tod bestechen liehe! Das junge blonde Weib mit beit zauberhaften dunklen Augen wurde em- qesarqt, ihren Knaben, der nie die Augen dem Licht geöffnet, hielt sie an der Brust — und da soll Graf Welling- Hausen noch lachen, wohl gar das kleine Geschöpf, dessen Anblick ihm seinen Verlust stets so grausam vor Augen führt, hätscheln, mit ihm kosen?
Dergleichen kam ihm nie in den Sinn. Arbeit, ruhelose, betäubende Arbeit, das mußte jetzt seine Losung fern, nur so konnte er weiterleben.
Und so leitete er denn rastos Verbesserungen, große industriele Unternehmungen auf seinen Gütern, studierte
Nationalökojnomie, beschäftigte sich eingehend mit Politik und gönnte sich höchstens das anstrengende Vergnügen der Jagd in seinen ausgedehnten Forsten. Und kam ihm bei alledem doch einmal der Gedanke an das mutterlose Kind in seinem Schlosse, so gab er ihm nicht lange Gehör. Für die Kleine war ja ausreichend gesorgt. Die junge Gärtnersfrau war sofort nach dem Tode der Gräfin ins Schloß gekommen — ohne Weisung, wie selbstverständlich war es geschehen — auch die alte Dame, welche dem auf bestem Fuße geführten Haushalt Vorstand, sah sicher hin und wieder nach ihr, und im nächsten Jahre — Dina war jetzt sechsjährig — würde man eine Französin oder Engländerin für sie ins Haus nehmen.
Daß solch kleines Geschöpf mehr verlangen, daß es nach Liebe, nach der Liebe des Vaters, hungern und dürsten könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn.
Manchmal freilich hatte er es von weitem stehen sehen, die großen Augen sehnsüchtig Q,uf ihn gerichtet, aber wenn er dann, einer flüchtigen, weichen Regung folgend, näher getreten, war das kleine Gesicht erblaßt, die langen Wimpern tief gesenkt. Es war offenbar: Das kleine scheue Ding fürchtete ihn!
Ja, wäre es ein Knabe gewesen, sein Knabe! Und wieder murmelte der Graf finstere Worte, ehe er sich von seinem zitternden Kinde wendete.
Dann flüchtete dieses wie gehetzt zur Wärterin oder — und man verwehrte es ihr nie — hinunter zu dem weinumspoNnenen Häuschen, wo Herr Engelhardt, der Schullehrer, seinem unscheinbaren Flügel süße Melodieen zu entlocken wußte, so süße, daß sie bald den Kummer des kleinen Herzens übertönten.--
Fünf Jahre später. Eine glänzende Equipage, von vier feurigen Rappen gezogen, rollt den Schloßberg hinan und hält mit kühnem Ruck vor der blumengeschmückten Rampe b:e§ imposanten Gebändes. Im Fond fitzt Graf Mellinghausen, neben ihm — das lockige, wie von rotem Gold umflossene Köpfchen wunderbar gehoben durch den blaßblauen Atlas der Polsterung — sein junges, ihm gestern in der Residenz angetrautes Weib.
Möllerschüsse begrüßen sie, wehende Fahnen, vielstimmiger Gesang ans frischen Kinderkehlen, donnernde Hochrufe und duftende, ihnen zu Füßen gestreute Blumen.
Das junge, märchenhaft schöne Weib atmet tief auf —. der glückliche Sieger am heißersehnten Ziel atmet so — und läßt die Blicke wie trunken schweifen. . Die spitzen bamtergeschmückten Türme des Schlosses streifen sie, das stolze Wappen über dem Portal, die mächtige Front nut den zierlichen vorspringenden Erkern, den zahllosen, in der Julisonne glitzernden Bogenfenstern, den herrlichen dunkelgrünen Hintergrund, den die alten hohen Bannte des Parkes bilden, die vielköpfige, jubelnde Menschenmenge auf dem Schloßhof: für alles und alle haben dte strahlen-


