Ausgabe 
13.3.1900
 
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1900.

«Lira MWMI

ret muß ich denken, sprechen und atmen Gottes Luft, Und wer die drei mir raubet, der legt mich in die Gruft. Chamisso.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Johanne hatte, wie ein kleines Zwergenweib, das wieder untertaucht in den verborgenen Schoß der Erde, nachdem es mit Menschen in Berührung gekommen ist, sich unsichtbar und unhörbar gemacht gegenüber ihren neugewonnener? Freunden. Die Katastrophe, die sie mit denselben erlebt hatte, stand vor ihren Augen als das erste große Geschehnis ihres einsamen Lebens. Unter der Zucht ihrer Tante, welcher das Ereignis ein willkommener Gegenstand zu den härtesten Beweisführungen für die Un­moral der modernen Jugend geworden war, fühlte sie sich verschüchterter denn je, und um keinen Preis der Welt hätte sie die Bitte gewagt, der Familie Brinkmann, die in den Augen der Tante durch Nettchens Verschwinden, so tief gesunken war, noch einmal äufsuchen zu dürfen. <Lo lebte sie stiller hin denn je. Während der ganzen langen Tageszeit, wo sie in der persönlichen Nähe der Tante zu absolutem Stillschweigen verdammt war, wagte sie kaum noch zu denken, aber es gab Stunden, wo sie aus der Haft entlassen ward, und diese Stunden füllten sich für sie mit phantastischer Freude.

Das lvar zur Nachtzeit, wenn sie in der im Hofe liegenden, kleinen Waschküche stand, um den Berg Linnen zu bewältigen, der am nächsten Morgen in schneeiger Weiße zu glänzen hatte.

Die Tante sparte an Johanne einen Dienstboten, aber auch eine Waschfrau ersetzte ihr das halbe Kind. Und während das hagere Fräulein droben im engen Viereck ihres Schlafzimmers bei dreifach vorgeschobenen Riegeln ihr arbeitsames Dasein in der Tiefe eines wohlgefüllten Bettes barg, lieh Johanne ihre mageren Kinderarme am Wellblech des Waschbrettes wie einen aufgezogenen Mecha­nismus auf und nieder gehen. Weit und breit hin, im Gevierte der vielen aneinandergebauten, dunklen Höfe, war sie das einzige arbeitende Wesen; kein Laut von der noch erleuchteten Straße her, auf der dann und wann ein Wagen einen einsamen Nachtschwärmer seinem Heim zu­fuhr, tönte bis in ihr stilles Kellerverließ. An den feuchten, gebauchten Backsteinwänden schwelte der dicke Dampf

empor; die kleine Küchenlampe brannte trübe, in ihrem Scheinwerfer malte sich ein rotgelber Wiederglanz, der zugleich Johannens Gesicht beleuchtete.

Tief versunken in die großen ausgetretenen Filzschuhe, welche ihr die Tante in einer Aufwallung menschlichen Rührens für diesen Nachtposten geliehen hatte, fühlte sich das kleine Mädchen warm und geborgen bis ans Herz hinan. Sie war allein! und sie hätte das Wort hinaus- jubeln mögen in die stille Nacht. Für diese wenigen Stun­den war die fürchterliche, schweigsame, strafende Nachbar­schaft von ihren Fersen gebannt, kein Zuruf, teilt Griff nach dem Ellenmaß riß die herumschweifenden Gedanken von ihren Abwegen.

Gegen Morgen hin, wenn ihr die Lider zufallen wollten, öffnete sie das Kellerfenster und ließ die frische Lust herein, der erste fahle Schein der Frühdämmerung fiel auf ihr überwachtes Gesicht; wie mit einem feinen Pinsel zog er dunkle Schatten unter ihre Augen.

Nun vernahm Johanne nach und nach die Laute des langsam erwachenden Lebens draußen. Sie hörte ganz in der Ferne, dort, wo mitten in der Großstadt irgend ein enthusiastischer Hauswirt einen Abglanz von Geflügel­zucht hervorzauberte, einen Hahn sein Kikeriki mit weithin gellender Stimme ausstoßen; der sahle Morgenschein ging in ein lichteres Grau über, eine leichte Helle glitt an den Mauern des Hauses entlang in das Hofviereck hinab. Aus dem Garten kamen die ersten hungrigen Vögel gehüpft, um zwischen den Pflastersteinen des Hofes nach etwaigen Körnern zu picken. Dann, gegen die sechste Stunde, erschien die griesgrämige Hausverwalterin, welche das Hofthor aufschloß, und nach ihr der Müllkutscher, dessen Equipage, die vor der Hausthür hielt, einen weithin bemerklichen Geruch verbreitete.

Freundlich grüßte er das junge Mädchen, das hinter dem Ausschnitt des Kellerfensters stand; und sie sah teil­nehmend nach ihm hin, wie er sich mit dem halben Körper in die Tiefe der unergründlichen Kehrichttonne versenkte, als wolle er in ihr ein Bad nehmen.

Alles wurde wach, und auch Fräulein Windelbach er­schien auf der Bildfläche, das dünne Haar noch in schonende Zöpfchen geflochten; nach einem prüfenden Feldherrnblick auf die Höhe des aufgestapelten Wäscheberges gebot sie Johanne, sich jetzt zu Bett zu legen. Und Johanne taumelte ihrer Kammer zu; beim Hinaustritt an die frische Luft fühlte sie Schwindel, als habe sie schweren Wein getrunken. Ihr blutleeres, überwachtes Hirn reagierte gegen die Frische des klaren Morgens.

In den ersten, auf Nettchens Verschwinden folgenden Wochen hatte Johanne noch ein par Briefe von Frau Brinkmann erhalten, in denen dieselbe voll freundlicher Teilnahme die Aufforderung, sie zu besuchen, wiederholte.