Ausgabe 
13.3.1900
 
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Aber die Tante hatte diese Zeilen mit ihrer eisernen Hand beantwortet, in dürren Worten, die einen groben Hinweis darauf gaben, daß Johannens Tage vollauf von Arbeit und Pflichten ausgefüllt wären und zu unnützen Besuchen keine Gelegenheit übrig ließen.

Dann war Paul noch einmal persönlich gekommen mit der unter einer Ausrede versteckten Absicht, sich nach Johannens Befinden zu erkundigen. Aber die Tante hatte ihn schon auf dem Flur mit kalten Worten empfangen, und ihm bedeutet, daß ihr für Johanne keine Herrenbesuche erwünscht wären und deren Befinden über alle Wiß- begierde erhaben sei.

Unmutig, mit sich selbst aufs tiefste unzufrieden, war Paul wieder fortgegangen. Warum hatte er sich so kurz abspeisen lassen, warum nicht darauf gedrungen, Johanne trotz allem zu sehen und zu sprechen?

Aber mit welchem Rechte?!?

Seine Wünsche waren noch so unklar! Und angesichts der knöchernen, schrecklichen Frau, die so drohend vor ihm im Flur gestanden hatte, war es ihm einen Augenblick völlig gewesen, als habe er überhaupt in dieser bestimmten Richtung niemals welche empfunden, und das Erkältende, das aus dem Wesen der Handarbeitslehrerin, strömte, war in seinem gekränkten Gefühl zum Teile auch auf Johanne mit übergegangen.

Immer und immer würde sein Werben am Schlüsse doch nur hoffnungslos sein. Das zarte Erlebnis mit Jo­hanne verlor den Glanz, den es zu Anfang für ihn in so tröstlicher Weise gehabt hatte. Entmutigung erfaßte ihn.

So ging ein Jahr hin. Es war wieder Herbst.

Im Kontor war Paul auf einen -der ersten Plätze gerückt. Fleißig, ein Büreaumensch in jeder Falte seines äußeren Wesens, saß er auf feinem Drehstuhl vor dem grünen Pult. Aber in seiner vereinsamten Seele spiegelte sich das Gegenteil seines äußeren Wesens ab; in dieser Unruhe und Qual, wie sie nur sehnsüchtige Menschen kennen, schlug, wie in seinen Knabenjahren, noch heute sein Herz. Die Sehnsucht nach Liebe, nach jener Liebe, die ihn zum Herren eines zweiten Lebens machen würde! Unter seiner schmächtigen Erscheinung barg sich die Leiden­schaft, die nicht genießen und besitzen, die nur an sich heran­ziehen und zärtlich ein zweites Leben an das eigene an­gelehnt fühlen möchte.

Es wurde Abend, die Gaslichter wurden angesteckt, und eifrig, wie ein Lohnarbeiter, tastete Paul weiter in diesem Labyrinth von Zahlen und Berechnungen, in dem er für so viele Stunden des Tages versank.

Er war kein rascher Arbeiter. Aber sein Fleiß war unermüdlich.

Leichte Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.^ Seine Augen waren müde, wie geblendet, als er das Kontobuch f chloß.

Langsam legte er die Schreibärmel ab, fuhr in den Gehrock, von dem er ein par imaginäre Stäubchen pedan­tisch entfernte.

Dann verließ er das Kontor.

Keine besondere Eile trieb ihn seinem Heime zu; wohl liebte er die Mutter und die Großmutter, aber sie waren in seinem Leben nur die ruhigen Gleichgewichte, die alles in ihm in Ordnung, im richtigen Maß und Ziele hielten. Das Uebermaß, nach dem er sich so heimlich sehnte, das seine Jugend brauchte, konnten sie ihm nicht ersetzen.

In dem Heimwesen der Brinkmann war alles im selben Zustanch in derselben Anordnung erhalten, wie zur Zeit, da Nettchen das Haus verlassen hatte.

Alles, was zu dem Hausstande eines jungen Ehepaares zurechtgebaut worden war, war stehen geblieben, und es machte auf Paul keinen weiteren Eindruck mehr, daß, als er in der Küche ein Streichholz anzündete, ihm wie zur Begrüßung vom Tellerbord die Worte entgegenleuchteten:

Macht irgend was den Kopf Dir kraus. Laß es an Deiner Frau nicht aus".

In schweigsamen Gedanken nahm er teil an dem sorg­fältig hergerichteten Abendmahl, steckte sich dann eine Zi­garre an, und lehnte sich zum Fenster hinaus, um den schönen Herbstabend noch etwas zu genießen.

Es war ein weicher, sternenklarer Abend, und wie er

so hinunterblickte auf das noch rege Straßentreiben, er­faßte ihn eine unerklärliche Unruhe, und der Wunsch, sich unter diese Menschen zu mischen, und gleich, ihnen den Abend zu genießen.

Die Großmutter und Mutter blickten einander ver­wundert an, als er die Absicht aussprach, noch einmal aus­zugehen. Das war so selten vorgekommen bisher in seinem Leben.

Geh, geh, mein Sohn", sagte die Mutter.Von Herzen freut es mich, daß Du einmal Lust verspürst nach Menschen. Du sollst ja doch kein Sonderling werden, sollst Dich lernen Deines Lebens freuen wie andere junge Leute, alter, lieber Paul".

Mit etwas wie Abenteuerlust im Herzen ging er hinab. Er mußte lächeln, als er die Mutter und Großmutter ihm nachblicken sah. Wie heroisch hatte ihn die Mutter zum Fortgehen aufgefordert! Und doch wußte er, daß sie die Stunden bis zu seiner Rückkehr in Besorgnis um ihn ver­bringen würde. Die Kette, die sie ihm so sanft um die Füße legten, die sie mit Rosen umwanden, mußte er nun einmal mit sich schleppen, er mochte gehen, wohin er wollte.

Und zu Nettchen schweiften seine Gedanken, diesem freien Wandervogel, der fortgeflattert war aus den engen Stäben.

Wo mochte sie jetzt sein, welches Dasein leben? Wie zu einer Abgeschiedenen flohen seine Gedanken zu ihr hin, ohne einen einzigen Funken Bitterkeit; für sein kleines, enges, in Schranken gehaltenes Dasein war sie gestorben, er wußte nun, daß die zwei Welten, seine und die ihre, nie zu vereinigen gewesen wären.

Ganze Schwärme fröhlicher Menschen begegneten ihm, muntere, plaudernde Mädchen am Arme junger Männer, Frauen und Kinder, junge Ehepaare, die mit dem eigen­tümlichen Ausdruck gemeinsamen ökonomischen Häuslich­keitsgeistes die ausgestellten Auslagen der Schaufenster musterten. Plötzlich gewahrte Paul die Gestalt eines schlanken jungen Mädchens, das vor ihm herschritt, lang­sam, ziellos, in fast schlenderndem Gange. Unter all den Geschäftigen, zu Paaren gesellten, schien sie eine Einsame, und Paul schritt schneller zu, von einem Gefühl der Teil­nahme ergriffen.

Und je länger der Weg war, den er die einsame Fremde verfolgte, desto rascher klopfte sein Herz. Ein trotziges Verlangen hatte ihn überfallen, eine Sehnsucht nach Freude und Genuß, von denen er noch nichts erfahren hatte inn seinem Leben.

Er richtete sich höher auf, ein Zug von Entschlossenheit trat in sein Gesicht; die heftige Unruhe in ihm nahm zu, und mit einer Ueberwindung, die ihn geradzu körperliche Anstrengung kostete, trat er rasch und mit forziert festem Schritt auf die Unbekannte zu.

Sie war an einem Schaufenster stehen geblieben, und wandte sich jetzt wie abwartend nach ihm um.

Er sah in ein Gesicht, das voll Roheit und stumpfer Gleichgültigkeit war.

Wie gejagt ging er weiter. Die Erregung seiner Sinne war geschwunden. Unzufriedenheit mit sich selbst, und ein leeres Gefühl der Getäuschtheit gegenüber allem, was er auch begann, blieben zurück.

(Fortsetzung folgt.)

Die südafrikanischen Ströme und die Wonderfontein-Quelle.

Von H. Hintze.

Nachdruck verboten.

Im südafrikanischen Kriege spielen, wie wir dies bereits zu wiederholten Malen gesehen haben, auch die Flüsse eine ganz besondere Rolle, und es haben die Engländer hier weit mehr denn in anderen Ländern mit deren Eigenart zu rechnen. Wir laden den Leser zu einer kleinen Wanderung ein, bei der wir ihm die interessantesten Flüsse vor Augen führen wollen, ohne indes dabei auf den Krieg näher einzugehen.

Mit wenig Ausnahmen durchziehen die größeren Ströme Höhenzüge und wild zerrissene Gebirgsteile, die bei den meisten Flüssen Stromschnellen und gewaltige Abstürze Hervorrufen. Die Ufer sind vielfach sehr steil, das Bett daher ein enges und tiefes. Dieses füllt sich oft im Laufe weniger Stunden durch ablaufendes Regenwasser des Jnnenlandes zur vollständigen