Ausgabe 
13.2.1900
 
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1900.

JLBÄ

f oll dir das Leben stets anss ntit

Bescheren etwas gutes, Sei mäßig und dir selbst getreu Und bleibe heit'rcn Mutes.

Friedr. Kirchner.

Nachdruck verboten.

Heimatlos.

Roman von E. P. Roe.

(Fortsetzung.)

Bald nahm er Abschied. Fast eine Stunde lang saß sie unbeweglich, dann legte sie den Brief weg und ging an die Arbeit. Sie beschloß, den Ihrigen nichts von dem Brief zu sagen. Sie wußte wohl, wie bitterlich ihre Eltern und Bella sie verurteilen würden, wenn sie erfahren wür­den, daß ihre alte Liebe nicht tot sei und nicht sterben könne. Als Bella eingeschlafen war, las Mildred wieder und wieder Arnolds Brief.

Es ist hart für Robert, dachte sie. Er hat Recht, ich bin nicht zu tadeln, ich lernte Arnold kennen und liebte ihn, bevor ich Robert gesehen hatte. Ich müßte ein Herz von Stein haben, wenn ich von diesen Worten nicht gerührt sein sollte. Hier sagte er: Sie haben mir im letzten Sommer nicht geantwortet, ich fürchte. Sie haben mich aufgegeben. Ich kann Sie nicht tadeln dafür. Nach den Beleidigungen von Seiten meiner Mutter und den Proben meiner Schwachheit sagt mir die Vernunft, daß Sie mich in Zorn und Abscheu aufgegeben haben müssen. Aber, Mildred, mein Herz will nicht auf die Vernunft hören und schreit nach Ihnen Tag und Nacht. Mein Leben ist eine uner­trägliche Last geworden, die Tage sind wie Jahre und die Rächte noch schlimmer. Ich werde hierhin und dorthin geschickt zum Besten meiner Gesundheit. Was für eine elende Posse das ist! Für die Hälfte des Geldes, das ich hier ausgebe, könnte ich glücklich mit Ihnen leben und unterstützt von Ihrer Liebe und Sympathie könnte ich etwas Nützliches vollbringen. Als ich das eines Tages meiner Mutter sagte, wurde ihr Gesicht kalt und streng, und sie erwiderte, meine Ansichten seien absurd und kindisch. Wie oft wünsche ich tot zu sein, und ohne den Gedanken an Sie hätte ich vielleicht meinem elenden Dasein schon lange ein Ziel gesetzt. Wie ich hörte, ist Ihr Vater sehr arm und kränklich geworden. Das wenige Blut, das ich noch übrig habe, färbt mein Gesicht dunkelrot bei dem Gedanken, daß ich nicht an Ihrer Seite sein kann, um Ihnen belzu- stehen und Sie zu ermutigen. Aber ich fürchte, ich wäre

eine Last für Sie, wie für alle anderen. Meine Ohnmachts­anfälle werden häufiger, ich habe keine Hoffnung, keinen Mut mehr, und doch glaube ich, daß ein freundliches Wort von Ihnen mir neues Leben einflößen würde. Meine Mutter ist blind für alles, außer ihren weltlichen Grund­sätzen, sie glaubt ihre Pflicht gegen mich zu erfüllen, aber sie tötet mich durch langsame Qual. Wenn Sie mir etwas Hoffnung geben wollten, wenn Sie warten wollten! Ach, vergeben Sie die Selbstsucht meiner Bitte, die klägliche Schwachheit; aber wer kann in absolute Verzweiflung ver­sinken, ohne einen schwachen Kampf zu versuchen?

Wie soll ich ihm sagen, es sei keine Hoffnung, murmelte sie. Es wäre Mord! Und dann, ich liebe ihn ja, Gott weiß es, ich liebe ihn! Er hat mich nötiger, als Robert, der stark ist und eine gute Laufbahn vor sich hat. Seine Eltern behandeln Arnold wie ein Kind, aber er hat dasi Alter erreicht, wo er das Recht hat, für sich selbst zu wählen. Jetzt, nachdem mein Herz sich ausgesprochen hat, kann ich Robert nicht heiraten, es wäre ein Unrecht, ein Meineid! Er ist ein zu starker Mann, um die Thatsache nicht in ihrem wahren Licht zu sehen, und er wird mir doch immer der beste Freund bleiben.

Mit hastigem Blick nach Bella, ob sie schlafe, schrieb sie:

Teurer Arnold! Mein Herz müßte wirklich unweiblich und leer sein, wenn es nicht bei Ihrem Brief erwachew würde, über den ich viele Thränen vergossen habe. Ziehen Sie alle Hoffnung aus der Thatsache, daß ich Sie liebe, und niemals aufhören kann. Sie zu lieben. Sie thun sich selbst unrecht. Ihre Schwachheit und Kränklichkeit sind ein Unglück, für das Sie nicht verantwortlich sind, und Sie erwecken nur meine Sympathie. Sie kennen nicht das weibliche Herz, wenigstens nicht das meinige. In der Be­ständigkeit Ihrer Liebe, in der Verachtung für herzloses Weltlcben, in Ihrem Wunsch, etwas Gutes zu vollbringen, sind Sie männlich. Um meinetwegen und um Ihrer selbst willen versuchen Sie, sich zu sammeln und benutzen Sie Ihren Aufenthalt im Ausland, um Ihre Gesundheit zu stärken. Richten Sie all Ihr Streben auf einen Punkt und aus Studien, welche Ihnen in der Zukunft nützlich sein werden. Seien Sie ohne Furcht, ich werde ivarten, es liegt nicht in meiner Natur, zu vergessen oder mich zu verändern. Dann erwähnte sie kurz ihr Mißgeschick, wieder­holte den Inhalt ihres Briefes, den Jotham verloren hatte und schloß den Brief mit tröstenden Worten.

Ich habe Recht gethan, sagte sie, selbst Robert wird mir beistimmen. Ich konnte nicht anders handeln. Sie nahm eine Kopie von ihrem Brief, um sie Robert zu zeigen, und endlich schlief sic in später Nacht ein. So früh als; möglich am andern Morgen gab sie den Brief auf mit einem Gebet, daß er nicht zu spät kommen möge.

Robert, teurer Robert, sagte sie zwei Tage später, ich muß Ihnen etwas anvertrauen, was ich selbst meiner