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er seinen Söhnen. Am 27. Mai 1737 erhob Kaiser Karl VI. den mächtigen Günstling in den Reichsgrafenstand.
Seine Politik war die für Sachsen verderblichste. Die Neutralität Sachsens im österreichischen Erbfolgekriege verkaufte er an Frankreich für jährliche 2 Millionen Livres. Anfangs mit Sachsen auf feiten Friedrichs des Großen stehend, rief er, von dessen Gegnerin Maria Theresia erkauft, plötzlich ohne Wissen seines Gebieters die Armee von Friedrichs Seite hinweg, und schürte seitdem unablässig durch seine Gesandten zum Kriege gegen den Preußenkönig, den er grimmig haßte. So trieb er das unglückliche Land in einen neuen furchbaren Krieg hinein, während er ihm zugleich aus Geldgier die Mittel zur Verteidigung immer mehr entzog, dadurch, daß er die Armeeschwächte und herabsetzte. Die Folgen blieben nicht aus. Sachsen war, als der siebenjährige Krieg ausbrach, völlig ungerüstet, die ganze Armee mußte, von Hunger überwältigt, die Waffen strecken und wurde ohne weiteres zwangsweise dem preußischen Heer einverleibt. An Brühl, den er als Urheber des Krieges gegen sich betrachtet, rächte sich Friedrich der Große durch Zerstörung des Schlosses in Pfördten und seines Palais und Gartens in Dresden; der Schuldige selbst entging leider seiner Rache, denn der Kurfürst su>nd sein würdiger Minister warteten den Krieg, den sie angezettelt hatten, in ruhiger Sicherheit in Polen ab, während das sächsische Volk unter den Schrecken des Feldzugs unsäglich zu leiden hatte.
Wofür verwendete nun Brühl die von ihm erpreßten ungeheuren Summen? Der Minister setzte seinen Stolz darin, den luxuriösesten Haushalt Europas zu haben. Kein König von seinen Zeitgenossen, sagt Archenholtz, kam ihm vielleicht an häuslichem Glanz und Ueppigkeit gleich. Ein herrlicher Marstall, wertvolle Sammlungen, eine üppige Tafel verschlangen Gelder auf Gelder. „Alles, was in Kunstarbeiten auszeichnend und einzig war, das kostbare und außerordentliche, was in London und Paris, wegen der hohen Preise, selbst unter den Briten und Franzosen, nicht sogleich Käufer fand, wurde von ihm zur Zierde seiner Paläste erstanden. Das auserlesenste davon war in seinem Palast in Dresden zusammengehäuft. Alle Zimmer prangten mit künstlichen Uhren von endloser Verschiedenheit und Aufstellungsart, mit Statuen, Medaillons und Gemälden, mit den kostbarsten Lackierungen, mit Gold eingelegten Thürschlössern, mit prächtigen Tapeten und porzellanenen Oefen in Form antiker Bildsäulen, römischer Mausoleen oder griechischer Tempel. Das außerordentlichste aber war die ungeheure Garderobe dieses Ministers; ganze Säle waren von der Decke bis zum Boden mit Schränken voll Kleidermassen angefüllt. Zu jedem Anzug gehörte eine besondere Uhr, Tabaksdose und Degen. Die Kleider waren en miniature gemalt und in ein Buch eingetragen, das ihm täglich zur Auswahl vorgelegt wurde. Von 40 Kammerdienern hatten vier allein die Aufsicht über diesen Kleiderschatz, den sie den Fremden als eine Seltenheit zeigten." Zwölf Schlösser nannte der Minister fein Eigentum, 300 Diener eilten auf seinen Wink herbei. Unter seinen Pretiosen befanden sich allein 835 Tahatieren, auf 376 000 Thaler geschätzt. Er besaß 30 Kutschen, .800 Anzüge, 198 gestickte Staatskleider, 47 Pelze und 43 Schlafröcke. Eines Abends gab er ein Fest in seinem Garten (auf der Brühlschen Terrasse), bei dem nach jedem Gange das benutzte Tafelgerät aus Gold und Silber in die Elbe geworfen wurde. Das war freilich nur Prahlerei; denn int Wasser fing man die hineingeworfenen Stücke in großen Netzen wieder ans.
Am 5. Oktober 1763 starb König August, am 28. desselben Monats und Jahres schied auch! sein „treuer Diener" Brühl aus dem irdischen Leben. Sein Nachlaß.wurde auf nicht weniger als 2 830 644 Thaler geschätzt, allerdings betrugen die vorhandenen Schulden ebenfalls das hübsche Sümmchen von 1291000 Thalern. Nach! dem Tode des Günstlings ließ der Nachfolger des Kurfürsten seine Güter und fein Vermögen mit Beschlag Belegen antb eine Untersuchung eröffnen, welche einen erschreckenden Einblick in die ^ungeheuren Veruntreuungen gewährte, die sich der gewissenlose Mann hatte zu Schulden kommen lassen. Schließ
lich erbten seine Söhne doch noch die Güter des Vaters — Sachsen aber bewahrt sein Andenken nicht als das eines Wohlthäters und Genius der Menschheit, sondern als das eines der nichtswürdigsten Menschen aller Zeiten und Völker. Die Brühlsche Terrasse ist ja eine herrliche Schöpfung, aber sie stellt wahrlich eine Sehenswürdigkeit vor, welche das unglückliche Land teuer bezahlt hat!
Wann dürfen wir das kleine Kind zum er st en Mal an der Hand führen? Sobald dasselbe einige Sicherheit int Gehen gewonnen hat. Man muh hierbei sich genügend bücken, damit das Kind seinen Arm nicht emporzureckett braucht, und muß dasselbe möglichst gleichmäßig wechselnd bald am rechten, bald am linken Arm führen, um keine Schiefheit der Schultern hervor- zurusen. Dem Kinde thnn diese selbständigen Bewegungen^ besonders bei schönem Wetter außerordentlich gut, und es findet selbst das größte Vergnügen dabei.
Mr die Küche.
Mailänder Lendenbraten. Der Lendenbraten wird geklopft, mit Salz und Pfeffer eingerieben, mit Speck, Kapern und Sardellen gespickt, mit Mehl bestäubt und in einer Kasserolle mit Zwiebeln, Wurzelwerk, Speck, 2 Eßlöffeln Olivenöl und einem Glas Wein 2 Stunden gedünstet. Nach dieser Zeit deckt man ihn auf, damit er Farbe bekommt und die Sauce verdünstet, gießt einige Löffel Fleischbrühe daran, läßt alles zusammen nochmals aufkochen und gießt die schöne dickflüssige Sauce über den Braten.
Litterarisches.
Cl. Zahn, Im Schoße der Familie. Roman, Verlag von Otto Janke, Berlin. Preis Mark 5,—. Cl. Zahn hat in ihrem mit Beifall aufgenommenen Roman „Die Posthalterin" eine ganz besondere Befähigung für die Schilderung eigenartiger Frauencharaktere bekundet. In obigem Roman führt sie uns ebenfalls eine Frauennatur vor, die, weiblich zart in ihrem Empfinden, es dennoch vermag, ihrer Gefühle Herr zu werden, und, da sie sich verraten sicht, sich ganz auf eigene Kraft zu stelleu. Wie ihr das gelingt, und welche Schwierigkeiten und Enttäuschungen sie zu überwinden hat, das ist meisterhaft geschildert. Der Roman erfüllt in Wahrheit einen ethischen Zweck, da er in dem Lose des einen Weibes das Geschick so vieler widerspiegelt.
Ueber die Unruhen in China, welche die ganze Welt in atemloser Spannung erhalten, bringt die „Gartenlaube^' einen höchst lesenswerten Aufsatz aus der Feder Paul Lindenbergs mit allerlei Abbildungen. C. Falkenhvrst hat anläßlich der Legung des ersten deiitschen Ueberseekabcls, das von englischen Einflüssen völlig frei ist, unter der Ucberschrift „Deutsche Ueberseekabel" eine interessante Abhandlung beigesteuert, und I. C. Heer reiht seinen „Spaziergängen durch die Weltausstellung in Paris" den zweiten, von C. Ravn illustrierten Artikel an. Auch des Aufstiegs, welchen Graf von Zeppelin mit seinem Luftschiff vom Bodensee unternahm, wird in Bild und Wort gedacht. Mit einem tiefempfundenen Gedichtchen, das sich „Wanderbursch" betitelt, ist Reinhard Volker vertreten, Ludwig Ganghofer fesselt mit seinem Hochlandsroman „Der Dorfapostel" die volle Aufmerksamkeit des Lesers und Paul. Robran giebt feinem Großstadtroman „Kampf ums Glück" einen versöhnlichen Abschluß. Aus dem reichhaltigen Bilderschmuck möchten wir die reizende Kunstbeilage hervorheben, welche das von ihm selbst gemalte Bildnis des berühmten Katzenmalers Adam mit seinen Modellen wiedergiebt.
Kapselrätsel.
Nachdruck verboten.
Aus dem ersten und dem letzten der folgenden Wörter sind je drei, aus jedem der übrigen Wörter zwei zusammenhängende Buchstaben zu entnehmen, sodaß sich daraus ein Sprichwort ergibt.
Feuerwehr — Karoline — Wachtel — Schwägerin — Taschenuhr — Stallknecht — Schwimmlehrer — Rheinländer — Pfingstfest —
Altenburg.____________________________
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer:
Linden — Linsen.
Äebattutt: <6. Burkbardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Uninerfitätl-Buch- und Gteirrdruckerei (Pietsch Erben) in (Biegen.


