Ausgabe 
12.8.1900
 
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und Favoriten, und auch, die herrliche Terrasse erschuf er nicht zum Wohle und zur Freude der Stadt, sondern wie alles andere, nur für sich selbst und seinen Gebrauch. Nur das eigene jammervolle Ich füllte das verbrecherische Leben dieses gewissenlosen Günstlings aus, der alle Inter­essen des Landes und seines Fürsten, selbst die heiligsten, nur seiner maßlosen Verschwendung und Genußsucht, sei­nem grenzenlosen Egoismus dienstbar machte. Das Un­glück von Tausenden verschuldete dieser Minister, wie er nicht sein soll; über Elend und Not schritt er erbarmungs­los hinweg, die Gerechtigkeit machte er zur feilen Dienerin seiner Interessen, und ein gewisser, ihm nicht abzusprechen­der Kunstsinn wurde entweiht durch die Mittel, welche er Zu seiner Befriedigung anzuwenden sich nicht scheute.

Schon der Ehrgeiz und die Prunksucht Augusts des Starken hatte über das arme Land unnützes Unglück heraufbeschworen. Unsinnige Kriege hatten es verwüstet, die Krone Polens, für welche der ehrsüchtige Kurfürst den Glauben seiner Väter abschwor, kostete dem unglücklichen Sachfen Blut.und Geld in reichem Maße. Hoffnungsvoll richteten sich aller Blicke auf den Nachfolger, Augusts ein­zigen legitimen Sohn August II. oder vielmehr August III., wenn man ihn als sächsischen Kurfürst und nicht als pol­nischen König registriert. Das stattliche, majestätische Aeußere des neuen Monarchen 'versprach, einen thatkräf- tigen, energischen Mann, doch der Augenschein täuschte, wie so oft, auch, hier. Wenn auch nicht so sinnlich wie sein Vater, war der neue Kurfürst doch ein unselbständiger, Phlegmatischer Mann, der sich zwar für Kunst und Wissen­schaft interessierte, aber den Geschäften des, Regenten keiner­lei Teilnahme abgewinnen konnte. An seiner Stelle re­gierte schrankenlos und willkürlich, ganz wie ein Monarch sein erbärmlicher Günstling Brühl. In dessen Händen lag die Entscheidung über Krieg und Frieden, über Ehre und Gerechtigkeit, über das Wohl und Wehe von Millionen der König war nichts als feine Puppe, die sich begnügte, wenn die ungeheuren Summen, deren er für seine Neig­ungen bedurfte, ohne Stockung in seine Hände flössen. Wo sie sein Günstling hernahm und wie er sie erpreßte, dar­nach, fragte der schwache Monarch nicht, ja er überhäufte den gewissenlosen Minister mit immer Neuen Ehren und Reichtümern.

Brühl hatte es verstanden, wie kein anderer, sich, em- porzuschwingen. Am 13. August 1700 zu Weißenfels war die Menschheit mit diesem seltenen Diplomaten be­glückt worden. Sein Vater bekleidete den Rang eines Ober­hofmarschalls und Geheimrats am Hofe des Herzogs von Sachsen-Weißenfels. Heinrich v. Brühl begann seine Lauf­bahn als Page und wußte sich durch sein geschmeidiges Wesen bald die Gunst König Augusts des Starken zu Er­werben. Im Jahre 1727 ernannte ihn der König zum Kammerjunker, 1731 zum Obersteuereinnehmer, General- accisendirektor, Direktor des Departements des Innern und Geheimen Rat, 1733 zum Kammerdirektor und alle diese Aemter bekleidete der Günstling, ohne zu ihrer Verwaltung die geringsten Kennttsisse oder überhaupt etwas anderes mitzubringen, als den festen Entschluß, sich nach Möglichkeit zu bereichern und die Wünsche seines Herrn .bedingungslos Zu erfüllen, allen seinen Launen zu fröhnen, mochten sie ihn mit dem, was andere Leute Gewissen nennen, auch in noch so bedenklichen Konflikt bringen.

Als echter und rechter Favorit wandte er seine Blicke sofort nach; dem Tode seines Gönners dem neu ausgehen­den Sterne zu. Kaum hatte August der Starke die Augen geschlossen, so nahm Brühl die Krone und die Reichsklein­odien Polens in Besitz und eilte damit nach Dresden, um sie dem Sohne Augusts zu überbringen. Seinen Bemüh­ungen war es zum größten Teil zu danken, daß der neue Kurfürst auch wieder an Stelle seines Vaters zum König von Polen gewählt wurde daher kam es, daß sich Brühl auch bei August III., der ihn bis dahin nicht sonderlich- leiden mochte, schnell genug in Gunst setzte und von diesem in allen seinen Aemtern bestätigt wurde. Brühl ließ kein Mittel unversucht und unbenutzt, sich des Königs Gnade Zu erhalten. Er schloß innige Freundschaft mit dem Günst­ling des neuen Herrschers, dem Grafen v. Sulkowski, um durch diesen dem Kurfürsten um so besser empfohlen zu werden, sobald er aber der Freundschaft Sulkowskis nicht mehr bedurfte, und sich sicher genug in Augusts Gunst

fühlte, zettelte er allerhand Jntriguen gegen ihn an, die schließlich zu dessen Entlassung führten. Seine Heirat mit der Tochter der Oberhofmeisterin der Kurfürstin, der Gräfin Kolowrat-Krakowski, hatte ebenfalls nur die Siche­rung seiner Stelle §unt! Zwecke, und in der That befestigte e.r sich bald mit solchem Erfolg in der Gnade, schlich, er sich fo in das Vertrauen des Monarchen, daß dieser ihn von Stufe zu Stufe zu immer höheren Würden erhob. Schon 1733 ernannte er ihn zum Kabinettsminister und Inspektor über sämtliche Staatskassen. 1737 zum Chef des Augwärtigen Departements und zum dirigierenden Oberkämmerer. Ja, im Jahre 1747 schuf er einen ganz neuen, in Sachsen bisherunbekannten Rang für den Günst­ling, indem er ihn zum Premierminister mit beinahe un­umschränkter Machtvollkommenheit erhob. Natürlich, blieb es nicht blos bei den Rangerhöhungen, sondern Brühl empfing auch wie wir weiter unten sehen werden, aller­hand klingenden und anderen Lohn für seineunschütz­baren" Dienste.

Um sich gegen Jntriguen oder auch gegen die Stimmen der Wahrheit falls diese einmal bis zu den Ohren des Königs dringen würden, zu schützen, umgab Brühl den König vollständig mit seinen Kreaturen, wie er auch für seine eigenen Zwecke die erbärmlichsten Emporkömmlinge benutzte, da selbstverständlich, alle ehrenhaften Männer unter einem solchen Regime sich zurückzogen. Seine Ver­trauten waren u. a. der Oberkonsistorialpräsident v. Glo- big, der Kanzler v. Stamer und der frühere Lakai Heinicke. Niemand erhielt Zutritt zum König, außer durch ihn, selbst die Kabinetsminister dursten den Monarchen nur in seiner Gegenwart sprechen. Sogar die eigene Familie wußte er dem kurzsichtigen Gebieter zu entfremden.

Zwei Ziele hatte der Minister ausschließlich im Auge: dem Könige und sich Geld zu verschaffen. Um diese Ziele zu erreichen, waren ihm alle Mittel recht. (£r trieb Schacher mit Stellen, verkaufte Sachsens auswärtige Po­litik, erhöhte die Steuern ins ungemessene, verminderte das Heer, um die frei werdenden Summen für sich und den König zu verwenden, hielt die Gehälter zurück und beugte in gewissenlosester Weise durch seine Organe im Interesse der Reichen und Mächtigen das Recht. Wehe dem, der sich zu beklagen suchte/ das Gefängnis war ihm sicher! Um die unzufriedenen Elemente kennen zu lernen, ließ der Minister die der Post anvertrauten Briefe erbrechen wie er auch die von der preußischen Regierung an den preußischen Gesandten einlaufenden Sendungen heimlich abfangen und öffnen ließ, um Preußens Absichten kennen zu lernen. Die Staatsschulden stiegen immer mehr, so daß der Staat die Zinsen kaum mehr zahlen konnte, die Steuerscheine, das Papiergeld des Staates, waren dadurch fast wertlos geworden, trotzdem mußten alle Depositen- und Mündelgelder gegen solchen Steuerschein umgetauscht werden! Im Jahre 1756 befanden sich die Gehälter seit 22 Monaten im Rückstand; das Heer wurde nach und nach von 42 000 auf 19 000 Mann vermindert, aber nicht zur Entlastung des gedrückten Volkes, sondern um die frei werdenden Gelder für die Kasse des Königs und die eigene zu erlangen. Dabei fehlte es den Soldaten am nötigsten, es gab keine kläglichere Armee in Europa. Der Sold war seit Jahren im Rückstände, man hatte weder Pferde, noch Munition, noch andere notwendige Gegenstände.

Während das Volk darbte, lebte Brühl herrlich und in Freuden und häufte Reichtümer auf Reichtümer. Der edle" Mann verfolgte die einträgliche Praxis, wenn er ein neues Amt erhielt, die früher bekleideten nicht nieder­zulegen, sondern sie sämtlich beizubehalten und für alle die Gehälter einzustecken, während die betreffenden Ar­beiten von schlechtbezahlten Subalternen erledigt wurden. Schon diese Methode verschaffte ihm ein fürstliches Ein­kommen, denn er bezog 1756 bereits 60 000 Gulden monat­lichen Gehalts. Außerdem versorgte ihn sein König mit gut rentierenden Rittergütern, 1740 bekam er die Herrschaf­ten Forsta und Pfördten, 1746 Gangloff-Sömmern und zur Entschädigung für seine Verluste im siebenjährigen Kriege die Starostei Zips. Auch in Polen erwarb er, nachdem er, dem Beispiel August des Starken folgend, zur katholischen Kirche übergetreten war, großen Landbesitz und bekleidete mehrere einträgliche Aemter, andere übertrug