Ausgabe 
12.8.1900
 
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Gutshöfe von ihren Besitzern oder Verwaltern längst ver­lassen waren.

Wenn dieser entlegenste Teil seiner Monarchie nicht auf Jahrzehnte hinaus ruiniert bleiben sollte, mußte König Friedrich wohl auf außergewöhnliche Mittel sinnen, ihm beizustehen. Und eine der einschneidendsten Maß­nahmen, die er im Interesse der unglücklichen Provinz für geboten hielt, war jene von den Betroffenen mit wahrem Entsetzen aufgenommene Verfügung an die litauischen Domänenbesitzer. Es war ein drastisches Heil­mittel, wie es eben nur durch die schwere Gefahr gerecht­fertigt werden konnte; aber die weitsichtige Klugheit Friedrichs bewährte sich! auch hier in einem Erfolg, tote er auf anderem Wege schwerlich! erreicht worden wäre.

Ein Teil jener adeligen Familien, die von Friedriche Wilhelm I. zur Belohnung für irgend welche Verdienste mit Domänen in Litauen beschenkt worden waren, hatte durch den Krieg und durch die unseligen Münzverhältnisse, die sich in seinem Gefolge herausgebildet, so schwere Ver- mögenseinbnßen erlitten, daß von neuen Opfern, unge­achtet aller patriotischen Gesinnung, nicht mehr die Rede sein konnte. Diese Bedauernswerten liehen ihre unter den gegenwärtigen Umständen für sie ohnedies wertlosen Be­sitzungen lieber im Stich, als daß sie sich und ihre An­gehörigen einem höchst ungewissen Schicksal überlieferten. Die Wohlhabenden aber leisteten mehr oder weniger ttnder- willig dem Machtwort des Königs Folge und machten durch ihre Rückkehr die so lange verwaisten Güter zu wrllkom- menen Zufluchtsstätten für jene ehemals selbständigen Bauern, die jetzt glücklich waren, um geringen Lohn als Knechte arbeiten zu dürfen und so wenigstens dem lang­samen Hungertode zu entrinnen.

Der erste Winter war allerdings für alle Beteiligten nodt schwer und entbehrungsreich genug. Im Frühling des Jahres 1764 aber ging man doch schon besseren Mutes an die Arbeit, und inmitten der öden Wüsteneien zeigten sich wenigstens hier und da sorgfältig bestellte Felder.

An einem dieser ersten linden Frühlingstage traf Elisabeth von Marschall nach langer und beschwerlicher Reise auf oft kaum passierbaren Wegen in Lasdehnen ein Wie Charlotte es so zuversichtlich vorausgesagt, war Frau von Menzelius nicht einen Augenblick dar­über km Zweifel gewesen, daß sie ihre tapfere Nichte begleiten müsse, sobald sie Elisabeths Entschluss als ein en unerschütterlichen erkannt hatte. Nur die alte, halbblinde Sophie hatte man gut versorgt zurückgelassen, um sich tu Begleitung einer neu engagierten Jungfer und emes zu­verlässigen Dieners auf die mühselige, bet den damalrgen Zeitverhältnissen keineswegs gefahrlose Retse nach dem entlegensten Winkel der Monarchie zu begeben.

Ohne mancherlei bedenkliche Abenteuer und aufregende Zwischenfälle war es denil auch! keineswegs abgegangen. Elisabeths Klugheit und Entschlossenhert aber, rhre vor­nehme, imponierende Erscheinung und thr sicheres Auf­treten hatten jede Fährlichkeit siegreich überwunden, ^hre immer gleiche Ruhe, der heitere Gleichmut, den ste allen Strapazen und Hindernissen gegenüber bewahrte, hatten sowohl auf die ängstliche Verzagtheit der Frau von Men­zelius als auf Charlottens launenhafte Ungeduld überaus wohlthätig eingewirkt, und namentlich die kleine korpu­lente Witwe befand sich aus der letzten Strecke ihres Weges beständig in einem gewissen freudigen Erstaunen, daß ste wider alle Erwartung dieseTodesfahrt" recht munter und wohlbehalten überstanden.

Gerade auf dieser letzten Wegstrecke aber wurde Elisabeth von Marschall stiller und ernster, als sie es während der vorhergegangenen Tage gewesen war Ste hatte sich als halberwachsenes Mädchen etmge Zeit mit ihren Eltern in Lasdehnen aufgehalten und das Bi d der blühenden fruchtbaren Gefilde durch die sie damals gefahren war, stand noch so deutlich vor ihrer Seele, daß die grauenhafte Veränderung sie wohl traurig und fchweig- sam machen mußte. Was man ihr auch immer über den schrecklichen Zustand des Landes berichtet hatte, hinter dieser trostlosen Wirklichkeit blieben doch selbst ihre düstersten Vorstellungen noch weit zuruck. Und der Anblick der Landschaft wurde immer trübseliger, je naher sie ihrer

eigenen, hart an der russischen Grenze gelegenen Be­sitzung kam.

Von bebauten Aeckern und Wiesen zeigte sich nirgends eine Spur; aber hier und da bezeichneten rauchgeschwärzte Trümmerhaufen die Stätten, wo sich einst die Nieder­lassungen friedlicher, arbeitsamer Menschen befunden hatten Und wenn auch die Ueberreste unbestatteter Leichen nicht, wie Frau von Menzelius es befürchtet, zu Taufenden umherlagen, so waren fie doch schon mehr als einmal auf einen nahe beim Wege grinsenden Toten­schädel, oder auf ein von Wölfen und Aasvögeln sorg­fältig abgenagtes, schneeweiß glänzendes Tiergerippe

Einzig den herrlichen litauischen Wäldern hatten die Greuel des Krieges nichts von ihrer Pracht und ernsten Majestät zu rauben vermocht. Ja, sie waren nur groß­artiger, üppiger und wilder geworden in diesen sieben Jahren, wo keines Holzfällers Axt mehr in ihnen er­klungen war. Das Unterholz hatte sich fast überall zu undurchdringlichem Dickicht entwickelt, und es gab weite Strecken, wo man sich ohne alle Zuhilfenahme phan­tastischer Vorstellungen in einen Urwald versetzt glauben konnte. Das Wild schien sich ins unermeßliche vermehrt und alle Scheu vor dem Menschen abgelegt zu haben; denn rudelweise traten Hirsche und Rehe bei dem Geräusch der Wagenräder zwischen den Stämmen hervor, um mit großen, neugierigen Augen die unbekannte Erscheinung der schwerfälligen Reisekutsche zu betrachten. Zu den alten Bewohnern des Waldes aber hatten sich, inzwischen neue gesellt, die man sonst nimmer im Zustande ungebundener Freiheit dort angetroffen.

Als die Reisenden zum erstenmale einer Herde ver­wilderter Rinder begegnet waren, die in ungestümen Sätzen dahinjagten, hatte Charlotte laut ausgeschrieeu vor Er­staunen und kindlichem Vergnügen. Allgemach aber war ihnen dies seltsame Schauspiel immer häufiger zu teil geworden, und ein paarmal hatten sie aus der Ferne auch große Trupps von offenbar herrenlosen Pferden wahrge­nommen, die den Wagen freilich niemals nahe genug an sich herankommen ließen, um den Insassen eine gemächliche Beobachtung ihrer übermütigen Spiele zu gestatten.

Für Charlotte und selbst für Frau von Menzelius, die uachgerade einen guten Teil ihrer Aengstlichkeit ver­loren hatte, waren das sehr angenehme und unterhaltende Abwechslungen gewesen; Elisabeth aber sah darin nur weitere, traurige Zeichen der hier von Menschenhänden an­gerichteten Verwüstung, und ihr mutiges Herz wurde von schwerer Bangigkeit beschlichen bei dem Gedanken an die ungewisse Zukunft, der fie in dieser Wildnis entgegenging.

Wohl war sie aus Mühsal und harte Arbeit gefaßt gewesen, das aber, was allem Anschein nach hier auf sie wartete, ging doch vielleicht über ihre Kraft. Ein drücken­des Gefühl der Verlassenheit stahl sich in ihre Seele, und mit dem ganzen Aufgebot ihres starken Willens mußte sie die Thräuen zurückdräugen, als endlich im Abendsonnen­schein die Ueberreste des sonst so stattlichen Herrenhauses von Lasdehnen vor ihren Blicken auftauchten.

(Fortsetzung folgt.)

Das Jubiläum eines Wüstlings.

Historische Reminiseenz von Dr. Walter Goehring.

(Zum 13. August.)

Nachdruck verboten.

Die Brühlsche Terrasse ist die Perle und der Stolz der schönen sächsischen Residenz. Von ihr aus genießt der ent­zückte Beschauer eine wunderbare Aussicht auf den herr­lichen Elbstrom mit seinen Dampfern, Lastschiffen und Käh­nen, auf die anmutigen Ufer, die malerischen Bergeshöhen und Brücken und einen Teil der prächtigen Gebäude der an stolzen Bauten so überreichen Stadt. Wenige erinnern sich bet diesem Anblick wohl des Mannes, dessen Namen die Terrasse trägt, und wer es thut, ist weit entfernt, seiner dankbar zu gedenken; denn Reichsgraf Heinrich v. Bruyl, der allmächtige Minister August III., Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, ist eine der schmachvollsten Figuren der Geschichte Sachsens und der Weltgeschichte überhaupt, das Urbild eines erbärmlichen Schmarotzers