Ausgabe 
12.8.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Geächtet.

Roman von Lothar Brenkendors.

(Fortsetzung.)

Siebentes Kapitel.

lieber die Zustände in Ostpreußen, insbesondere der preußischen Provinz Litauen, hatte 1739 der damalige Kron­prinz Friedrich aus Insterburg an seinen Freund Voltaire geschrieben:

Mein Vater war erschüttert von dem allgemeinen Notstand. Er kam an Ort und Stelle, sah selber dieses weithin verwüstete Land mit all den Schreckensspuren; welche eine ansteckende Krankheit, die Hungersnot, und die schmutzige Habsucht der Minister hinter sich gelassen hatte; zwölf oder fünfzehn entvölkerte Städte, vier­hundert oder fünfhundert verlassene Dörfer, das war das traurige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Weit entfernt, zurückzuscheuen vor so abstoßenden Dingen, fühlte er sich ergriffen von dem lebhaften Mitgefühl und entschloß sich; Menschen, Wohlstand, Handel wieder aufleben zu lassen in einer Gegend, die fast das Aus­sehen eines Landes verloren hatte. Seitdem hat er keine Ausgabe gescheut, um seine wohlthätigen Absichten auszusühren. Er machte Anordnungen voll Weisheit, baute alles wieder an, was die Pest verheert hatte, ließ Tausende von Familien aus allen Winkeln Europas kommen. Die Aecker wurden wieder bestellt, das Land bevölkerte sich aufs neue, der Handel blühte wieder auf, und jetzt herrscht der Wohlstand in dieser frucht­baren Gegend mehr als je. Litauen hat mehr als eine halbe Million Einwohner, mehr Städte, mehr Herden als ehedem, mehr Reichtum und Ergiebigkeit als irgend ein Fleck in Deutschland. Und alles was ich ihnen gesagt habe, ist einzig und allein dem König zu danken, der nicht blos angeordnet, sondern der Ausführung selber vorgestanden, die Pläne allein entworfen und allein durchgeführt hat. Nicht Sorge und Mühe, nicht Ströme von Geld noch! Versprechungen und Belohnungen hat er gescheut, einer halben Million denkender Wesen zu Glück

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ie Sonnenblume liebt das Licht, Sie will sich stets zur Sonne drehen; So mußt du Gottes Angesicht, Willst du nicht irren, auch ansehen.

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und Leben zu verhelfen, die ihm allein ihr Gedeihen und Fortkommen zu danken haben".

Wie wenig aber stimmte zu diesem lachenden Bilde das Aussehen der vielgeprüften Provinz um die Zeit des Hubertusburger Friedens. Jener Landstrich zumal, der zwischen der Inster und dem Königreich! Polen lag, glich völlig einer wilden, seit Menschengedenken nicht mehr bewohnten Wüstenei, darin man tagelang reisen konnte, ohne auch nur einem menschlichen Wesen zu begegnen. Furchtbarer als die schrecklichsten Seuchen hatte der unerbittliche Krieg unter den Ansiedlern und ihrer mühsam errungenen Habe gehaust. Jahrelang hatten die Russen hier als unumschränkte Herren gewirtschaftet und Städte und Dörfer erbarmungslos gebrandschatzt und ausgeplündert. Dann waren preußische Streifkorps oder kleine Armeen gekommen, um den Feinden blutige Gefechte zu liefern. Wohl waren sie oftmals als Sieger aus diesen Zusammenstößen hervorgegangen, aber die Schlachten waren doch auf preußischer Erde geschlagen worden, und sie hatten überdies keinen anderen Erfolg gehabt, als daß die Russen unmittelbar nach dem Abzüge der preußi­schen Truppen zurückkehrten, um mit verdoppelter Grau­samkeit ihren Grimm an den unglücklichen Bewohnern auszulassen.

Die Dörfer und Gutshöfe wurden niedergebrannt, das Vieh fortgeschleppt oder erschlagen, und glücklich waren üoch diejenigen Landleute zu preisen, die durch schleunige Flucht wenigstens das nackte Leben zu retten vermochten. Weit­aus die meisten gingen durch Hunger und Seuchen zu Grunde, wenn sie nicht den Mißhandlungen ihrer bar­barischen Feinde erlagen. Das erbarmungswürdige Li­tauen war im eigentlichsten Wortsinne zu einem Lande des Todes geworden.

Daß die Kriegsschrecken hier schon um ein Jahr ftüher als im übrigen Preußen ein Ende erreichten, vermochte an dieser traurigen Lage nichts mehr zu ändern. Friedrichs unversöhnliche Gegnerin, die russische Kaiserin Elisabeth, war ani 5. ,Januar 1762 gestorben, und ihr Nachfolger, Peter III., der zu den begeisterten Verehrern des genialen Preußenkönigs gehörte, beeilte sich, als der erste die große Koalition zu durchbrechen und die Hand zum Frieden zu bieten. Von russischen Soldaten war hinfort nichts mehr zu fürchten, und einzelne der versprengten Ansiedler wagten es daraufhin in der That zurückzukehren. Aber sie ver­mochten kaum noch die Stätte zu finden, auf der sich einst ihre Hütten erhoben. Ihre Felder waren verwüstet, von ihrer Habe war nichts mehr vorhanden, sie besaßen weder Vieh noch Gerätschaften, um auch nur den winzigsten Acker neu zu bestellen, und ihre Hoffnung, als Tagelöhner einen kümmerlichen Unterhalt zu gewinnen, schwand bald dahin, als sie wahrnahmen, daß auch die meisten der großen