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abend eine Reise angetreten. Jeden Morgen um 9 Uhr, brachte sie ihm den Kaffee ans Bett; an ihrer Stelle hatte dies heute Konstanze übernommen. Als sie ins Schlafzimmer trat, entdeckte sie den Mord. Um Hilfe herbeizurufen, stürzte sie sogleich wieder hinaus, kam aber nur, bis auf den Korridor, wo sie, erschiittert von dem grausigen Ereignis, die Besinnung verlor. Erst durch Rest, welche früh sieben Uhr zum Wäscherollen gegangen und gegen 10 Uhr zurückgekehrt war, wurde Konstanze wieder zum Bewußtsein gebracht.
Daß der Mörder seine That unter dem Schutze der Nacht ausgeführt habe, war eine fehr nahe liegende Vermutung. Wie Rest zu berichten wußte, war vor einigen Jahren ein Dieb zum Korridorfenster eingestiegen und hatte aus dem Sammlungszimmer des Professors ein wertvolles Stiick entwendet. Im Parterre des nur einstöckigen Hauses befand sich das Bureau eines großen Baugeschäfts, und unten im Hofe, auf welchem das Korridorfenster hinabging, lagen außer anderen Baugeräten auch Leitern umher; einer solchen hatte sich damals der Dieb bedient. Der Kriminalbeanite untersuchte das Fenster, fand es aber ordnungsmäßig von innen verschlossen und ohne jede Spur irgend einer gewaltsam bewerkstelligten Oeffnung.
Fräulein Konstanze hatte zu diesen Erörterungen schweigend den Kopf geschüttelt. „Es kann nicht während der Nacht geschehen sein", ergriff sie das Mort. „Als ich vor einigen Stunden, etwa gegen acht Uhr, über den Korridor ging, muß der Herr Professor noch gelebt haben, denn ich hörte sein Hüsteln."
„War" es nicht etwa ein Röcheln, was Sie gehört haben?" meinte der Kommissar.
„Nein, es war sein gewöhnliches Hüsteln", entgegnete das Fräulein, „genau so, wie er es an sich hat und wie es immer klingt."
„Um neun Uhr entdeckten sie den Mord, also könnte dieser nur zwischen acht und neun geschehen sein", be- merkte der Kommissar. „Wo hielten Sie sich während dieser Zeit auf?"
„In meinem Zimmer", gab Konstanze zur Antwort. Der Kommissar nahm eine genaue Besichtigung der Wohnung vor. Auf der rechten Seite des Korridors befanden sich Speisezimmer, Küche, Vorratskammer und die Wohnräume der zum Haushalt gehörigen drei Frauen. Die ganze Zimmerflucht auf der anderen Seite hatte der Gelehrte allein in Gebrauch. Die Thüre nahe dem Korridorfenster ging in den Bibliotheks- und Sammlungssaal; von hier aus trat man in das Schlafkabinett des Professors und aus diesem in dessen Arbeitszimmer, welche beide keine Thür nach dem Korridore hatten.
„Um in das Schläfkabinett zu gelangen, muß man also den ganzen Korridor entlang gehen und den Weg durch den Sammlungssaal nehmen?" wandte sich der Kommissar an Konstanze. „Nun liegt aber Ihr Zimmer diesem Saale gerade gegenüber und dennoch haben Sie nichts gehört?"
„Nicht das leiseste Geräusch!" versicherte Konstanze, Man stand im Arbeitszimmer des Gelehrten.
„Was ist das für ein Gemach?" frug der Kommissar, auf die nächste Thür deutend, welche in gleicher Richtung mit den übrigen lag.
„Das ist der Empfangssalon", sagte Resi, indem sie öffnete und den Kommissar in den hocheleganten, vielfach mit tropischen Blattpflanzen geschmückten Raum eintreten ließ.
„Sie gaben vorhin zu", wandte sich der Beamte wieder an Konstanze, „daß die Wohnräume des Herrn Professors vom Korridor aus nur durch den Sammlungssaal zugänglich seien. Hier sehe ich aber doch eine Thür, welche ebenfalls auf den Korridor führen muß. Und da wir uns im letzten Zimmer befinden, so muß dieses, wenn mein Ortssinn mich nicht trügt, in unmittelbarer Nähe der Entree- thür liegen."
„Das ist richtig", bestätigte Konstanze, „man gelangt von hier unmittelbar auf den Korridor, aber , von diesem nicht herein, denn die Thüre ist stets von innen verriegelt und wird nur geöffnet, wenn Besuch kommt, was ein sehr seltsamer Fall ist, da sich der Herr Professor vom gesellschaftlichen Leben ganz zurückgezogen hatte."
Um sich zu überzeugen, schritt der Kommissar auf die Thüre zu und drückte auf die Klinke.
„Sie ist ja offen!" rief er, indem er die Thüre weit zurückstieß.
Beide Mädchen waren über diese Entdeckung nicht wenig erstaunt und blickten einander betroffen an-
„Vielleicht hat der Herr Professor gestern oder an einem der vorhergehenden Tage einen Besuch empfangen", vermutete der Kommissar, „und man hat vergessen, die Thüre von innen wieder zu verriegeln."
- Schon seit Wochen war niemand dagewesen. Darüber stimmte Resi mit dem Fräulein überein. Und daß die Thüre stets verschlossen war, darüber wachte Frau Bru- scher, die Wirtschafterin, mit peinlicher Sorgfalt.
Plötzlich schlug sich Resi vor die Stirn. „Vielleicht habe ich den Riegel selbst zurückgeschoben", erklärte sie. „Im ersten Schrecken bin ich vorhin durch alle Zimmer gerannt. Ich dachte, der Mörder hielte sich vielleicht irgendwo noch verborgen oder er habe die Wohnung ausgeraubt. Da ist es wohl möglich, daß ich in der Eile und Verwirrung die Thüre selbst aufgeriegelt habe, ohne es zu wissen, um schneller auf den Korridor zu kommen. Wer soll bei einer so schrecklichen Mordgeschichte seine fünf Sinne behalten?"
„Nun, gleichviel, — die Thüre war offen", sagte der ! Kommissar, „und somit ist die Möglichkeit gegeben, daß der Thäter, welcher jedenfalls Mittel gehabt hat, die äußere Entreethüre zu öffnen, durch diesen Salon in das Schlafzimmer seines Opfers gedrungen ist, und es läßt sich Begreifen, daß das Fräulein nichts gehört hat. — Doch was haben Sie da an den Fingern, Fräulein? Bitte, zeigen Sie mir Ihre Hand." . . .
Vor dem Hause unten sammelte sich eine gaffende, erwartungsvolle Menge an. Die Provinzialhauptstadt gehörte zu den Großstädten, aber an Neugierigen fehlte es auch hier nicht, und in der stillen Vorstadtstraße kümmerte sich einer um den andern wie in dem kleinsten Krähwinkelneste. Professors dicke Resi in gestrecktem Laufe daher ! keuchen zu sehen, war schon an und für sich ein ungewöhnlicher Anblick gewesen; daß sie unter heftigen Gestikulationen mit dem Schutzmanne sprach, mußte eine ans Sen- ' sationelle grenzende Veranlassung haben, und so hatte sie nicht ins Haus zurückkehren können, ohne einigen zudring- i liehen Fragern aus der Nachbarschaft die kurze, aber wie betäubend wirkende Auskunft zu geben: „Professor Georgi ist ermordet in seinem Bett gefunden worden."
Die Schreckenskunde verbreitete sich rasch von Mund zu Mund, drang in die Verkaufsläden und in die Wohnungen und brachte Männer und Weiber, Greise und Kinder auf die Beine. Schutzmänner erschienen rasch nach jein- 1 ander, man wußte nicht, wo sie so schnell herkamen. Als über der Menge die blitzenden Helmspitzen hervorragten, gewann die Szene erst die rechte Weihe des Schrecklichen und Unheimlichen. Dann brachte eine Droschke den Kriminalkommissar; bald darauf fuhr eine zweite vor, welcher der Staatsanwalt mit dem Protokollführer entstieg, was unter den durcheinander schwatzenden Gruppen ein augenblickliches feierliches Verstummen bewirkte, wie das Erscheinen des Pfarrers bei einem Begräbnisse. Die Menschenmasse schwoll derart an, daß sie zu beiden Straßen- i feiten weithin ein langes, tiefgliedriges, kopfnickendes, kopfschüttelndes, Hände bewegendes und dumpf murmelndes Spalier bildete. Tausende von Augen waren unter hoch emporgezogenen Brauen nach den oberen Fenstern des Professorhauses -gerichtet. Ein Zimmerlehrling aus dem Bauhofe, der mit ein paar leeren Schnapsflaschen in den Händen heraustrat, wurde als ein in der Sache tief Eingeweihter betrachtet und überall angehalten, um Auskunft zu geben. Trotzdem man aus seinen Bewegungen deutlich sah, daß er selbst nichts wisse, wollten dies doch auch die Fernerstehenden aus seinem eigenen Munde hören und bedrängten ihn mit Fragen.
Stunden vergingen. Die angestaute Volksmasse harrte aus wie eine steinerne Mauer. Endlich ereignete sich etwas neues. Staatsanwalt und Protokollführer verließen das Haus- und kehrten, da die Droschken wieder abgefahren waren, zu Fuße nach der inneren Stadt zurück. Unmittelbar hinter ihnen folgte ein anderer Herr, der Gerichts- arzt, welcher bei seiner Ankunst wenig beachtet worden


