(Nachdruck verboten.)
Die Irre von Sankt Rochus.
Kriminalroman von Gustav Höcker.
Aus einem kleinen Hause, neben dessen Thür sich ein Schild mit der Abbildung einer Mangel oder Drehrolle und. dem Zusatze: „10 Pfennig für die Stunde" befand, trat an einem Februarmorgen eine dralle Dienstmagd. Ihr ansehnlicher Leibesumfang hatte ihr in der Nachbarschaft den Namen „Professors dicke Resi" eingetragen; das rosige Roh, der Jugend prangte in frischen Farben auf den übervollen; Wangen; über ihr gutmütiges Gesicht, welches im Zustande der Ruhe glänzte, «>ls wäre es poliert, perlten jetzt, trotz der frostigen Temperatur, dicke Schweißtropfen; denn sie hatte an der Drehrolle bereits ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet, und der Tragkorb, der ihre runden Schultern drückte und bis an den Rand mit der blütenweißen Wäsche gefüllt war, stellte eine ansehnliche Bürde dar.
Resi schritt dem nahen Hause ihres Gebieters zu, bewegte sich durch den kleinen Vorgarten und die breite, mit Blumen und Arabesken bemalte Hausflur und keuchte mit ihrer Last die mit einem Teppich belegte Treppe hinauf, langsam Stufe für Stufe nehmend und mit der rechten Hand an dem zierlichen Eisengeländer sich stützend. An der Glasthüre, welche in die Wohnung führte und matte, gemusterte Scheiben zeigte, holte sie einen Schlüssel, einen sogenannten Drücker, aus ihrer Schürzentasche; mit dem öffnete sie. Resi stand jetzt auf einem langen Korridor, welcher die Wohnung in zwei Hälften teilte und durch ein großes Fenster am anderen Ende sein Licht empfing.
Gleich der erste Blick des Mädchens fiel auf einen dunklen Gegenstand in der Mitte des Korridors. Es war eine lang ausgestreckte menschliche Gestalt, darüber konnte kein Zweifel obwalten. Tief erschrocken, aber beherzt und! resolut wie sie war, ließ Resi ihren Tragkorb herabgleiten und eilte auf die Unglücksstelle zu.
„Gott im Hinimel!" rief sie, „es ist Fräulein Kontanze!" Bewegungslos lag die schlanke Gestalt da. Das chöne Antlitz war totenbleich, kein Zucken der langens mnklen Wimpern, welche sich über die geschlossenen Augen- ider legten, verriet eine Spur von Leben; das raben- chwarze Haar, wohl durch die Wucht des; Falles gelöst, umflutete regellos Kopf und Schultern.
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nd doch vermögen in der Welt, der tollen, Zwei Hebel viel auf's irdische Getriebe: Sehr viel die Pflicht, unendlich mehr die Liebe.
Goethe, Das Tagebuch.
Resi hoffte, daß es sich nur um eine Ohnmacht handle. Sie holte Essig aus der Küche, richtete den Oberkörper der Leblosen empor und rieb ihr Stirn und Schläfen mit der aromatischen Flüssigkeit. Während dieser unausgesetzten Bemühungen stellten sich allmählich leise Lebenszeichen ein, und endlich hoben sich die Lider und ein großes, tiesdunkles Augenpaar kam zum Vorschein. Aber nicht das milde Feuer lag darin, welches sonst aus diesen Augenj strahlte, sondern mit dem Blicke des Wahnsinns starrte Konstanze umher.
Plötzlich stieß sie, als besinne sie sich auf etwas, einen durchdringenden Schrei aus, raffte sich, wie von seiner wilden Kraft beseelt, fast ohne Hilfe empor und stürzte beit Korridor entlang, Resi winkend, ihr zu folgen. Durch; ein großes Zimmer, welches eine Bibliothek und eine Anzahl von Glasschränken mit altertümlichen Sammlungen enthielt, traten beide Mädchen in das daranstoßende Schlafgemach des Hausherrn. Noch immer unfähig, zu sprechen, deutete Konstanze auf den Professor, der in seinem Bette lag, und sank dann vor demselben nieder, die Stirn an den Bettrand gedrückt, während ein furchtbares Schluchzen sich aus ihrer Brust rang.
Resi kreischte laut auf. Ein einziger Blick hatte sie belehrt, daß hier etwas entsetzliches geschehen war. Der Kopf des Gelehrten zeigte blutige Wunden, welche das spärliche blonde Haar an verschiedenen Stellen rot gefärbt hatten. Selbst das Auge des Unkundigen konnte sofort erkennen, daß der Mann tot war.
„Ermordet! Ermordet!" schrie Resi und rang dis Hände. Als müsse sie den Mörder noch in der Wohnung finden, stürzte die beherzte Magd aus einem Zimmer ins; andere, um zuletzt unverrichteter Sache zurückzukehren. Niemand befand sich in der Wohnung als die beiden Mädchen. Da alle Fragen an Konstanze, die. vor Schluchzer nicht sprechen konnte, vergebens waren, eilte Resi auf dis Straße hinab, um dem Schutzmann Anzeige zu machen, den sie üuf seinem gewöhnlichen Posten an der Straßenecke fand.
Kaum eine Viertelstunde später war ein Kriminalkommissar zur Stelle und die telephonische Nachricht von der Mordthat befand sich bereits auf dem Wege zur Staats-, anwaltschaft. Wie der Kommissar schon nach oberflächlicher Untersuchung seststellen konnte, war der Tod des Gelehrten durch ein stumpfes Instrument, jedenfalls durch, Schläge mit einem eisernen Hammer, erfolgt; die Beschaffenheit der Wunden mit den hineingedrückten Kopfhaaren ließ das erkennen.
Konstanze hatte sich soweit erholt, um die Fragen des Kommissars beantworten zu können. Sie bekleidete im Hause des Professors die Stelle einer Vorleserin. Frau, Bruscher, die Wirtschafterin des ledigen Herrn, hatte gestern


