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tourbe ihnen bei der Wichtigkeit des Falles zur Pflicht gemacht, mit 'größtem Eifer auf jeden Verdächtigen zu fahnden, der etwa mit dem angeblichen Baron Hainau identisch sein könnte. Wie immer bei solchen Anlässen, wurden daraufhin ziemlich viele Irrtümer begangen. Es kam zu Verhaftungen von Personen, die sich bei ihren ersten Vernehmungen nicht genügend hatten ausweisen können, und die dann nach kurzer Zeit als gauz unverdächtig wieder in Freiheit gesetzt werden mußten. Außerdem liefen an der Zentralstelle zahlreiche Berichte und Meldungen ein, die teilweise von vornherein als ganz haltlose Vermutungen erkannt, teilweise aber auch zum Gegenstand fruchtloser Nachforschungen geinacht wurden. Verhältnismäßig spät erst wurde mir die Bearbeitung des Falles übertragen. Ich unterzog das angesammelte Material einer nochmaligen Durchsicht und stieß da auf einen Bericht, den mein Chef als wertlos beiseite gelegt hatte, während er mir aus bestimmten Gründen der Beachtung in hohem Grade würdig schien. Der vorhin erwähnte Polizeibeamte einer rheinischen Stadt meldete darin, daß sich vor einigen Tagen in einem dortigen Hotel ein gewisser Rudolf Saudory aus Odessa einlogiert habe, der nach der Personalbeschreibung recht wohl der flüchtige Mörder des Fürsten Suworin sein könne. Die Legitimationspapiere des Verdächtigen seien zlvar anscheinend in bester Ordnung; aber gewisse Eigentümlichkeiten seines Auftretens hätten den Berichterstatter mehr und mehr in seinem gleich anfänglich gehegten Argwohn bestärkt, um so mehr, als der angebliche Sandory, der in der Stadt keinerlei persönliche Beziehungen habe nnb in einem Gasthofe zweiten Ranges abgestiegen sei, unzweifelhaft über sehr beträchtliche Gelbmittel verfüge. Es würbe zum Schluß um bie ausdrückliche Ermächtigung zu seiner vorläufigen Festnahme gebeten.
Diese Ermächtigung aber war von meinem Chef nicht erteilt worden, und als mir der Bericht in die Hände fiel, waren bereits mehr als vierzehn Tage seit seiner Abfassung vergangen. Auf eine telegraphische Anfrage kam die Antwort zurück, der angebliche Sandory habe die Stadt längst unbehelligt verlassen, nnd sein gegenwärtiger Aufenthalt sei dort nicht bekannt. Nun traf es sich, daß ich eben im Begriff ivar, einen mir bewilligten Erholungs- urlanb anzutreten, und daß meine Reisepläne mich in die Nähe jenes Ortes führten. Ich beschloß also, auf eigene Faust einen kleinen Abstecher zu machen, um, wenn möglich, die verloren gegangene Spur des verdächtigen Fremden wieder zu finden. Meine Nachforschungen waren anfangs ziemlich oberflächlich, sie fingen erst an, mich wirklich zu interessieren, als sich ihnen ganz ungeahnte Schwierigkeiten entgegenstellten. Sehr bald nämlich wurde ich, inne, daß der von mir Gesuchte mit voller Absichtlichkeit und mit großem Geschick darauf bedacht sein müsse, seine Fährte hinter sich zu verwischen. Nur ein Mensch, dem es darum zu thun war, etwaige Verfolger irre zu führen, konnte ein Interesse daran haben, so zu verfahren, und ein solcher Mensch durfte der polizeilichen Beobachtung nicht ganz entschlüpfen, gleichviel ob er an der Ermordung des Suworin beteiligt war oder nicht. So opferte ich denn von meinem Erholungsurlaub eine Woche nach der anderen, um das schlaue Wild endlich zu stellen. Seine anscheinend zwecklosen Kreuz- und Querfahrten, auf denen ich ihm nur mit großer Mühe zu folgen vermochte, bestärkten mich dabei immer mehr in meiner ersten Vermutung. Oft genug ivar ich nahe daran, die Jagd aufzugeben, weil scheinbar untrügliche Anzeichen dafür sprachen, daß Sandory irgendwo die deutsche Grenze überschritten und sich wieder ins Ausland begeben hatte. Seine Spur war dann ausgelöscht, als ob die Erde ihn verschlungen hätte, und nur das wunderliche Jagdfieber, das nach und nach über mich gekommen war, gab mir Zähigkeit und Ausdauer genug, meine Nachforschungen fortzusetzen."
„Und wie fanden Sie endlich die Spur wieder?" fragte der Schwarzbärtige.
„Der Zufall, der immer unser mächtigster Bundesgenosse bleibt, kam mir zuguterletzt zu Hilfe. Mein Sandory, den ich nach, gewissen Anzeichen mitten auf dem Weltmeer glauben mußte, schien endgiltig meinen Nach-
fvrschungen entrückt. Mein Urlaub war abgelaufen. Ich, kehrte nach Berlin zurück. Mein Chef schüttelte verwundert den Kopf, als ich ihm von meinen Irrfahrten erzählte. Nur mit Kroßer Mühe erlangte ich seine Einwilligung zur Entsendung eines Geheimpolizisten, der meine abgebrochenen Nachforschungen wieder aufnehmen sollte. Ich hatte den tüchtigsten der mir unterstellten Beamten für diese Aufgabe ausersehen, aber seine Berichte lauteten fortdauernd so wenig hoffnungsvoll, daß seine Znrück- berufung schon fest beschlossene Sache war, als eines Tages die Meldung von ihm eintraf, Rudolf Sandory befinde sich seit Wochen in Waldenberg, verkehre hier in der besten Gesellschaft und sei nicht im mindesten darauf bedacht, seine Person der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entziehen. Er sei von seinem Hotelwirt ordnungsmäßig gemeldet; die Polizeibehörde habe seine Ausweispapiere der sorgfältigsten Prüfung unterzogen, und ein Verdacht gegen ihn erscheine um so weniger berechtigt, als einer der geachtetsten Bürger, der Bankier Franz Norrenberg, ihn als seinen alten Freund in die guten Familien der Stadt eingeführt habe. Mit einem ironischen Lächeln zeigte mir mein Chef diesen Bericht.
„Nun werden Sie dem armen Teufel doch wohl endlich Ruhe gönnen", meinte er. „Es ist jammerschade um die Erholungsreise, die Sie seinetwegen geopfert haben."
Er war nicht wenig erstaunt, als ich, statt meinen Mißgriff einzugestehen, um die Erlaubnis bat, mich selbst nach Waldenberg begeben, und unter der Maske eines Privatmannes meine Nachforschungen fortsetzen zu dürfen. Mit sichtlichem Widerstreben nur gab er seine Einwilligung, und ich müßte mjch wohl auf meine baldige Pensionierung gefaßt machen, wenn sich nun zuguterletzt Herausstellen sollte, daß ich mich» in der That auf dem Holzwege befunden habe."
Das kleine überlegene Lächeln, mit dem der angebliche Eschenbach diese letzte Bemerkung begleitet hatte, bewies am besten, wie wenig er im Ernst an eine so fatale Möglichkeit dachte.
(Fortsetzung folgt.)
Weihnachtspakete.
Plauderei von Sophie Anders.
Nachdruck verboten.
Hoch beladen schwankt der Postpaketwagen durch die Straßen. Gepäckstücke von jeglicher Form und Größe, mächtige Kisten und kleine Spanschachteln, in Segeltuch eingenähte Schaukelpferde und Kindermöbel, Pappkartons und geflochtene Körbe, vor allem aber Fünfkilopakete in unzählbarer Menge, türmen sich auf seinem Verdeck auf. Sie sehen, recht betrachtet, gauz nüchtern und alltäglich aus, und doch scheint ein Glanz von ihnen auszugehens der . den Menschen, deren Blick darauf fällt, das Herz warm macht. Heller Kerzenschimmer erstrahlt vor ihren Augen, in den Ohren klingen ihnen leise Glockenstimmen und fast meinen sie, daß ein feiner harziger Duft die Luft erfüllt. Kommt er von den immergrünen Zweiglein, die dort unter Papier- und Leinwandhüllen über allerhand schönen und nützlichen Dingen, Pfefferkuchen, Marzipan, Knackmandeln und Traubenrosinen liegen?
Denn das Zweiglein darf in keinem Paket fehlen, dafür ist es eben kein gewöhnliches, sondern ein Weihnachtspaket. Mancher umwickelt es noch mit Lametta ober er legt künstlichen Schnee barauf und bestreut alles mit Glimmer. Vielleicht findet auch ein Engel oder ein Knecht Ruprecht mit einem Tannenbäumchen im Arm zwischen den Nadeln seinen Platz. Wenn bann der Empfänger die Sendung aufmacht und Weihnachtsduft ihm entgegenweht, so fühlt er sich wieder zum Kinde werden, dem die Mutter i)en Gabentisch geschmückt.
,/Es hat mir die ganze Feststimmung verdorben, als ich zum ersten Mal von daheim eine Weihnachtskiste erhielt, die von einem Geschäft aus abgeschickt worden war" — klagte ein junger Manu, der sonst wahrlich nicht au einem llebevschwang von Gefühl litt. „Ich hatte vor langen Jahren schon mein elterliches Haus verlassen und im Auslande gelebt; aber verlor ich zeitweise auch das Bewußtsein des Zusammenhanges mit der Heimat, so kehrte


