— S4Z
Du Ernst machen könntest. Und ich begreife nicht, wie Dein Vater Dir gestatten konnte, in einem so unschicklichen Anzuge unter einen Hausen fremder Menschen zu gehen".
„Mein Vater kümmert sich nicht um meine Toilettenangelegenheiten. Und ich muß mir im übrigen einen Ausdruck, wie Tu ihn von meinem Kostüm gebrauckt „un, mit aller Entschiedenheit verbitten".
„Du wirst mir's Wohl gestatten, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. So lange wir den Leuten als Verlobte gelten, ist Deine Ehre auch die meinige, und so wenig ich einem anderen erlauben würde, sie anzutasten, so wenig kann ich es dulden, daß Tu selber in gefallsüchtigem Leichtsinn das Gerede der Welt herausforderst". (Fortsetzung folgt.)
Martini.
Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze.
Nachdruck verboten.
Die gesegnete Zeit des Herbstes zeichnet sich trotz ihrer sonstigen Feplosigkeit doch durch zwei halbfeierliche Tage aus, welche eine gewisse Aehnlichkeit untereinander aufweisen, obgleich ste hinsichtlich ihres Namens verschieden sind, nämlich „Michaelis" und „Martini". Beide Gedenktage christlicher Heiligen fallen auf feststehende Termine und sind ihrem eigentlichen Charakter nach veredelte Ueber- bleibsel altgermanischer Ernte- und Herbstfeierlichkeiten. Je nachdem der Abschluß sommerlicher Feldarbeiten in den einzelnen Gegenden früher oder später stattsand, ging die damit verknüpfte Feierlichkeit entweder auf Michaelis oder Martini über, und es ist sowohl der biblisch^ Erzengel Michuel als auch der im Jahre 402 zu Tours in Frankreich- gestorbene Bischof Martinus an die Stelle des in den anfänglichen Bekehrungszeiten verbannten Wodan, des altdeutschen Götterpräsidenten, getreten. Diesem heidnischen Beschützer jeglicher Feld- und Gartensrüchie zu Ehren hielten unsere germanischen Altvordern zur Herbstzeit, sobald die Ernte stattgefunden, feierliche Opferfeste ab, deren eigenartige Ueberreste besonders am Tage „Martini" wahrzunehmen sind.
Das ursprünglich! kirchliche Martinsfest wurde aus germanischem Boden auch mit besonderem Glanze gefeiert; es war nicht blos ein kirchliches, sondern auch- ein volkstümliches Fest, ähnlich unseren Kirmestagen. Was von den zu Wodans Ehren abgehaltenen Erntedankfesten noch lebensfrisch vorhanden war, das wurde mit dem heiligen Martin von Tours in sehr nahe Verbindung gebracht, so daß gewissermaßen dieser frühkatholische Bischof zum christianisierten Wodan wurde. Aus diesem Grunde sind es au<i)| kirchliche Bräuche, welche sich zu Martini mit weltlichen vermengten. So mußten z. B. gewisse Abgaben um diese erntefette Zeit der Kirche oder ihren geistlichen Dienern dargebracht werden. „Die Abgaben an die Kirche müssen auf St. Martinstag verlegt werden", lautete ein angelsächsisches Gesetz vom Jahre 691, weil nämlich eine bestimmte Quantität Weizen, zuweilen auch! anderes Getreide geopfert werden mußte. In Deutschland wurde bereits zu Karls des Großen Zeiten Martini zum allgemeinen Zinstage ausersehen, ein Brauch, der gegen Ende des 9. Jahrhunderts in fast allen Gegenden Deutschlands in Aufnahme kam. Da erfreute man die frommen Mönchs mit wohlbeleibten Martinsschweinen, welche ohnehin schon die weltliche Feier des Tages zu verherrlichen hatten. Auch im Württembergischen erscheint neben der unvermeidlichen Gans und dem ausgedienten Huhn das feiste Schwein zur Martinszeit, wie man denn noch heute in Norwegen neben der Gans ein angefüttertes Ferkel auf die Tafel bringt und in der Altmark zum „großen Martini" eigens ein fettes Schwein schlachtet. Singen doch heute noch die Kinder in der Gegend von Salzwedel:
„Morgen iS das Martin, Dann flachten rot 'n fetten Swin; Denn koom' de troölf Apöstclkens Un maok'n unS frisch Wöstelkens (Würstchen); Denn kümmt de gröte Goliath Un stickt se all in sinen Sack;
Denn kümmt de klßne Daovid Un stickt se all in sine Kiep."
„Martinshühner" wurden im Elsässischen schon sehr früh geliefert, wie denn auch in hessischen und nieoer- sächsischen 'Gemarkungen geistliche Personen zum 11. November neben Gänsen auch Pflichthühner vereinnahmten. Ueberdies waren „Zinshühner zu Martini fast überall gutsherrliche Abgaben. Was die Gänse anbelangt, so ist in einer Ordnung des bairischen Klosters Geisenfeld vom 13. Jahrhundert die Rede von diesen geflügelten Geschöpfen, soweit sie zur „send Martinsmeß" einkommen, und auch in einem österreichischen Stift wird als Abgabe erwähnt „ein gemesten Gans an sant Martinstag". Es sind diese an Kirchen, Klöster und Geistliche gelieferten Abgaben in Gestalt von Körnern, Tieren und Naturalien Opfer, welche man ehemals, zu heidnischen Tagen, den hohen Unsichtbaren verehrungsvoll darbrachte, und welche der nichtchristliche Priester an bestimmten Festtagen teils für seinen Gott, teils für sich in Empfang nahm. Sie sind dann auch, auf christliche Verhältnisse übergegangen.
Fassen wir nun diejenigen Gebräuche ins Auge, welche als „Ueberlebsel" des heidnischen Kultus neben der kirchlichen Feier hergehen und sich bis heute in größerer Anzahl erhalten haben, so sind sie es gerade, welche dazu beigetragen haben, daß der 11. November — in evangelischen Gemarkungen auch wohl dessen Vorgänger, Luthers Geburtstag — weit über Deutschlands Grenzen hinaus als „Martinsfest" bekannt geworden ist. Am Martins- abend gehen in Holland und Belgien, in Westfalen und Hannover, in der Mark Brandenburg und süddeutschen Länderstrichen größere Kinder und arme Erwachsene durch die Straßen und sammeln unter Absingung bekannter Martinslieder allerhand Gaben ein, bestehend aus Fleischwaren, Obstfrüchten, kleinen Geldbeträgen rc., wobei sie dem „fröhlichen Geber" den segnenden Dank des heiligen Martin verheißen, hingegen nicht opferwilligen Bewohnern eine Portion grobkörniger Komplimente „an den Hals hängen". Martin erscheint hier gewissermaßen als großer Wohlthäter, der allseitig reichlich aus seinem ansehn- lichen Gabenschatze mitteilt, ebenso wie in grauen Vorzeiten der vielvcrmögende Wodan alles Gute an die bedürftige Menschheit verlieh.
Als untrügliche Abzeichen altdeutscher Herbstfeierlichkeiten dürften wohl auch die in vielen Gegenden Deutschlands, Belgiens und der Niederlande lohenden „Martins- feuer" angesehen werden, zu welchen die frohe Schuljugend das erforderliche Brennmaterial als Holz, Reisig, Theertonnen, Besen, Torf rc. unter bezüglichen Gesängen schon wochenlang vorher eingesammelt hat. Im Rheinlands lohen diese Martinsfeuer am Vorabende des Mar- tinstages • auf tausenden von Höhen. Nach einer Urkunde des Grafen Friedrich zu Mörs von anno 1448 hieß Martini deshalb der „Funkentag". Bei den Belgiern und Holländern treten neben den leuchtenden Scheiterhaufen auch Lichter und Papierlaternen auf, mit denen die Kinder durch Straßen und Gassen ziehen. Man kann am Unterharze, auf dew Eichßfelde und in Thüringen diese flammenden Umzüge heute noch wahrnehmen. Das wilde Durchspringen und Umhüpfen der Martinsfeier ist jedenfalls ebenso üblich, gewesen wie am Vorabende des Osterund Johannisfestes.
Wenden wir uns nunmehr zu den „toten" Opfergaben! Ebenso wie die alten Deutschen zu Bonifazius Zeiten für gewisse festliche Zeiten Brote, Kuchen, Fladen und andere Teigformen ihren Götterbildern nachahmten und dann opferten, so wurden in mittelalterlichen Zeiten sogenannte „Martinshörner "gebacken, welche jetzt noch in Schlesien, Böhmen, Obersachsen und Schwaben am Martinsabende ausgeteilt werden. Der heilige Martin, der abends auf dem Schimmel geritten kommt, bringt eben den artigen Kindern jenes halbmondförmige Gebäck mit. Das sind aber moderne Umbildungen altheidnischer Opferkuchen, welche dem altgermauischen Wodan darge- bracht wurden. Reiche Leute opferten lebendige Tiere ihrer Herden, während mittellose jene Tiere einfach in Teigfiguren nachbildeten und sie für die verehrten Gottheiten niederlegten, was nach Herodot schon bei den alten Aegyptern der Fall war. Unsere Martinshörner sind vielleicht die letzten symbolischen Ueberbleibsel alter Opferherrlichkeiten, welche an das ehemalige Stieropfer er-


