Ausgabe 
11.11.1900
 
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S4Z

Du Ernst machen könntest. Und ich begreife nicht, wie Dein Vater Dir gestatten konnte, in einem so unschick­lichen Anzuge unter einen Hausen fremder Menschen zu gehen".

Mein Vater kümmert sich nicht um meine Toiletten­angelegenheiten. Und ich muß mir im übrigen einen Ausdruck, wie Tu ihn von meinem Kostüm gebraucktun, mit aller Entschiedenheit verbitten".

Du wirst mir's Wohl gestatten, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. So lange wir den Leuten als Verlobte gelten, ist Deine Ehre auch die meinige, und so wenig ich einem anderen erlauben würde, sie anzu­tasten, so wenig kann ich es dulden, daß Tu selber in gefallsüchtigem Leichtsinn das Gerede der Welt heraus­forderst". (Fortsetzung folgt.)

Martini.

Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze.

Nachdruck verboten.

Die gesegnete Zeit des Herbstes zeichnet sich trotz ihrer sonstigen Feplosigkeit doch durch zwei halbfeierliche Tage aus, welche eine gewisse Aehnlichkeit untereinander auf­weisen, obgleich ste hinsichtlich ihres Namens verschieden sind, nämlichMichaelis" undMartini". Beide Gedenk­tage christlicher Heiligen fallen auf feststehende Termine und sind ihrem eigentlichen Charakter nach veredelte Ueber- bleibsel altgermanischer Ernte- und Herbstfeierlichkeiten. Je nachdem der Abschluß sommerlicher Feldarbeiten in den einzelnen Gegenden früher oder später stattsand, ging die damit verknüpfte Feierlichkeit entweder auf Michaelis oder Martini über, und es ist sowohl der biblisch^ Erz­engel Michuel als auch der im Jahre 402 zu Tours in Frankreich- gestorbene Bischof Martinus an die Stelle des in den anfänglichen Bekehrungszeiten verbannten Wodan, des altdeutschen Götterpräsidenten, getreten. Diesem heid­nischen Beschützer jeglicher Feld- und Gartensrüchie zu Ehren hielten unsere germanischen Altvordern zur Herbst­zeit, sobald die Ernte stattgefunden, feierliche Opferfeste ab, deren eigenartige Ueberreste besonders am Tage Martini" wahrzunehmen sind.

Das ursprünglich! kirchliche Martinsfest wurde aus germanischem Boden auch mit besonderem Glanze gefeiert; es war nicht blos ein kirchliches, sondern auch- ein volks­tümliches Fest, ähnlich unseren Kirmestagen. Was von den zu Wodans Ehren abgehaltenen Erntedankfesten noch lebensfrisch vorhanden war, das wurde mit dem heiligen Martin von Tours in sehr nahe Verbindung gebracht, so daß gewissermaßen dieser frühkatholische Bischof zum christianisierten Wodan wurde. Aus diesem Grunde sind es au<i)| kirchliche Bräuche, welche sich zu Martini mit welt­lichen vermengten. So mußten z. B. gewisse Abgaben um diese erntefette Zeit der Kirche oder ihren geistlichen Dienern dargebracht werden.Die Abgaben an die Kirche müssen auf St. Martinstag verlegt werden", lautete ein angelsächsisches Gesetz vom Jahre 691, weil nämlich eine bestimmte Quantität Weizen, zuweilen auch! anderes Ge­treide geopfert werden mußte. In Deutschland wurde be­reits zu Karls des Großen Zeiten Martini zum allge­meinen Zinstage ausersehen, ein Brauch, der gegen Ende des 9. Jahrhunderts in fast allen Gegenden Deutschlands in Aufnahme kam. Da erfreute man die frommen Mönchs mit wohlbeleibten Martinsschweinen, welche ohnehin schon die weltliche Feier des Tages zu verherrlichen hatten. Auch im Württembergischen erscheint neben der unvermeidlichen Gans und dem ausgedienten Huhn das feiste Schwein zur Martinszeit, wie man denn noch heute in Norwegen neben der Gans ein angefüttertes Ferkel auf die Tafel bringt und in der Altmark zumgroßen Martini" eigens ein fettes Schwein schlachtet. Singen doch heute noch die Kinder in der Gegend von Salzwedel:

Morgen iS das Martin, Dann flachten rot 'n fetten Swin; Denn koom' de troölf Apöstclkens Un maok'n unS frisch Wöstelkens (Würstchen); Denn kümmt de gröte Goliath Un stickt se all in sinen Sack;

Denn kümmt de klßne Daovid Un stickt se all in sine Kiep."

Martinshühner" wurden im Elsässischen schon sehr früh geliefert, wie denn auch in hessischen und nieoer- sächsischen 'Gemarkungen geistliche Personen zum 11. No­vember neben Gänsen auch Pflichthühner vereinnahmten. Ueberdies warenZinshühner zu Martini fast überall gutsherrliche Abgaben. Was die Gänse anbelangt, so ist in einer Ordnung des bairischen Klosters Geisenfeld vom 13. Jahrhundert die Rede von diesen geflügelten Ge­schöpfen, soweit sie zursend Martinsmeß" einkommen, und auch in einem österreichischen Stift wird als Abgabe erwähntein gemesten Gans an sant Martinstag". Es sind diese an Kirchen, Klöster und Geistliche gelieferten Abgaben in Gestalt von Körnern, Tieren und Naturalien Opfer, welche man ehemals, zu heidnischen Tagen, den hohen Unsichtbaren verehrungsvoll darbrachte, und welche der nichtchristliche Priester an bestimmten Festtagen teils für seinen Gott, teils für sich in Empfang nahm. Sie sind dann auch, auf christliche Verhältnisse übergegangen.

Fassen wir nun diejenigen Gebräuche ins Auge, welche alsUeberlebsel" des heidnischen Kultus neben der kirch­lichen Feier hergehen und sich bis heute in größerer Anzahl erhalten haben, so sind sie es gerade, welche dazu beigetragen haben, daß der 11. November in evange­lischen Gemarkungen auch wohl dessen Vorgänger, Luthers Geburtstag weit über Deutschlands Grenzen hinaus alsMartinsfest" bekannt geworden ist. Am Martins- abend gehen in Holland und Belgien, in Westfalen und Hannover, in der Mark Brandenburg und süddeutschen Länderstrichen größere Kinder und arme Erwachsene durch die Straßen und sammeln unter Absingung bekannter Martinslieder allerhand Gaben ein, bestehend aus Fleisch­waren, Obstfrüchten, kleinen Geldbeträgen rc., wobei sie demfröhlichen Geber" den segnenden Dank des heiligen Martin verheißen, hingegen nicht opferwilligen Bewohnern eine Portion grobkörniger Komplimentean den Hals hängen". Martin erscheint hier gewissermaßen als großer Wohlthäter, der allseitig reichlich aus seinem ansehn- lichen Gabenschatze mitteilt, ebenso wie in grauen Vor­zeiten der vielvcrmögende Wodan alles Gute an die bedürftige Menschheit verlieh.

Als untrügliche Abzeichen altdeutscher Herbstfeierlich­keiten dürften wohl auch die in vielen Gegenden Deutsch­lands, Belgiens und der Niederlande lohendenMartins- feuer" angesehen werden, zu welchen die frohe Schul­jugend das erforderliche Brennmaterial als Holz, Reisig, Theertonnen, Besen, Torf rc. unter bezüglichen Gesängen schon wochenlang vorher eingesammelt hat. Im Rhein­lands lohen diese Martinsfeuer am Vorabende des Mar- tinstages auf tausenden von Höhen. Nach einer Urkunde des Grafen Friedrich zu Mörs von anno 1448 hieß Martini deshalb derFunkentag". Bei den Belgiern und Hollän­dern treten neben den leuchtenden Scheiterhaufen auch Lichter und Papierlaternen auf, mit denen die Kinder durch Straßen und Gassen ziehen. Man kann am Unter­harze, auf dew Eichßfelde und in Thüringen diese flammenden Umzüge heute noch wahrnehmen. Das wilde Durchspringen und Umhüpfen der Martinsfeier ist jeden­falls ebenso üblich, gewesen wie am Vorabende des Oster­und Johannisfestes.

Wenden wir uns nunmehr zu dentoten" Opfer­gaben! Ebenso wie die alten Deutschen zu Bonifazius Zeiten für gewisse festliche Zeiten Brote, Kuchen, Fladen und andere Teigformen ihren Götterbildern nachahmten und dann opferten, so wurden in mittelalterlichen Zeiten sogenannteMartinshörner "gebacken, welche jetzt noch in Schlesien, Böhmen, Obersachsen und Schwaben am Martinsabende ausgeteilt werden. Der heilige Martin, der abends auf dem Schimmel geritten kommt, bringt eben den artigen Kindern jenes halbmondförmige Gebäck mit. Das sind aber moderne Umbildungen altheidnischer Opferkuchen, welche dem altgermauischen Wodan darge- bracht wurden. Reiche Leute opferten lebendige Tiere ihrer Herden, während mittellose jene Tiere einfach in Teigfiguren nachbildeten und sie für die verehrten Gott­heiten niederlegten, was nach Herodot schon bei den alten Aegyptern der Fall war. Unsere Martinshörner sind viel­leicht die letzten symbolischen Ueberbleibsel alter Opfer­herrlichkeiten, welche an das ehemalige Stieropfer er-