Ausgabe 
11.11.1900
 
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sie sei der Lohn des Tapferen für seine heldenmütige That".

Sie konnte es nicht vermeiden, daß ihre Finger die Hand Sandorys berührten, während sie ihm die Rose überreichte, und dabei fühlte sie wieder jenes Erröten, von dem sie zu ihrem eigenen Verdruß gerade in der Gegenwart dieses Mannes so häufig heimgesucht wurde. Halb schon von Reue erfüllt über ihre Handlungsweise, zog sie die Hand rasch zurück und wandte den Kopf einigen Damen und Herren zu, die eben an ihren Ver­kaufsstand herantraten. Sie konnte es noch eben ge­wahren, wie sich Walter Sartorius schweigend, mit fest­zusammengepreßten Lippen und ernstem Gesicht zurückzog, und sein Blick, der wie in schmerzlichem Vorwurf auf ihr ruhte, verursachte ihr eine ganz eigene, beklemmende Empfindung im Herzen.

Amh Rudolf Sandory war langsam weiter gegangen, nachdem er die Rose in seinem ^Gürtel befestigt hatte. Inmitten des Saales, wo das Menschengewühl allerdings ziemlich dicht war, stieß ihn jemand, ohne sich zu einem Worte der Entschuldigung veranlaßt zu sehen. Mit einem Zucken des Unmuts in dem bärtigen Antlitz wandte sich Sandory um; aber die Zorneswolke verschwand sofort von seiner Stirn, als er in dem unhöflichen Menschen den Staatsanwalt Georg Lengfald erkannte. Er blickte ihm mit spöttischem Lächeln nach und strich wie in einem Gefühl besonderen Behagens seinen langen, weichen Bart.

Gleich darauf ließ er sich in eine heitere Unter­haltung mit Herrn Franz Efchenbach ein, der ziemlich hilflos in dem auf und nieder wogenden Menschen­strome umherzutreiben schien.

Es ist außerordentlich schön", versicherte ihm der schüchterne Hamburger Privatgelehrte,aber inan muß doch wohl jünger sein, als ich, um es fo recht bis zum Grunde zu genießen".

Sandory redete ihm zu, noch eine Weile zu bleiben, da das Beste sicherlich erst kommen würde, und nachdem er ihn eine Viertelstunde lang geduldig angehört hatte, machte er sich auf eine gute Manier von ihm los. Dies­mal war es das zunächst der Bühne belegens Champagner­zelt, dem er auf dem kürzesten Wege znstrebte. Er mußte eine lebendige Mauer von befrackten und kostümierten Herren durchbrechen, ehe er bis in den kleinen, aus bunten Seidenvorhängen und orientalischen Teppichen geschmackvoll hergestellten Kiosk gelangte.

Wie eine Fee, die aus verzaubertem Quell einen Trank der Verjüngung zu spenden vermag, verteilte Dora Norrenberg da drinnen die überschäumenden Gläser, nach deren jedem sich immer mehrere Hände zugleich aus­streckten. Auch sie lächelte jeden zum Lohn für seine Spende freundlich an; aber es war ein kokettes, heraus­forderndes Lächeln, himmelweit verschieden von dem un­schuldig sonnigen Kinderlachen auf Margaretens lieb­reizendem Gesicht. Und die Scherzworte, die zwischen der schönen Bacchantin und ihren Verehrern getauscht wurden, hatten hier einen ganz anderen, ungleich freieren Klang. Dora hielt es offenbar für ihre Pflicht, nach Mög­lichkeit in dem Charakter der Rolle zu bleiben, die sie einmal übernommen hatte, und nur ein sehr scharfes Ohr hätte vielleicht dann und wann herausgehört, daß etwas Gemachtes und Trotziges in ihrer Lustigkeit war.

Sie wußte Sandorys wohl sogleich bei seinem Näherkommen ansichtig werden, denn er überragte ja alle diese Waldenberger jungen Herren um ein beträcht­liches, und ihm zuerst hielt ihr schöner weißer Arm jetzt das Kelchglas mit dem köstlichen perlenden Naß ent­gegen.

Ihr habt Euch lange erwarten lassen, edler Maha­radscha fast zu lang für einen getreuen Sklaven".

Meine Dienstzeit ist leider um, holde Priesterin des Dionysos; denn der Glückliche ist da, dem ich blutenden Herzens weichen muß".

Er hatte laut genug gesprochen, daß Georg Lengfeld, der nur wenige Schritte von ihm entfernt war, jedes seiner Worte verstehen konnte. Nicht in dem Kreise, der beharrlich das Champagnerzelt umdrängte, aber doch nahe genug, um alles zu beobachten, was dort geschah, stand der Staatsanwalt im Gespräch mit Franz Norren­berg. Man brauchte die beiden nur anzusehen, um die

Ueberzeugung zu gewinnen, daß ihre Unterhaltung nichts weniger als heiter und freundlich war. Lengfelds Ge­sicht war so dunkel gerötet, wie es sonst nur nach be­sonders reichlichen Mahlzeiten der Fall zu sein pflegte, und er begleitete seine hastig hervorgestoßene Rede mit Gebärden, die zuweilen etwas geradezu Leidenschaftliches und Drohendes annahmen.

Ob Dora etwas davon gewahrte, ließ sich aus ihrem Benehmen nur schwer erraten. Wohl wanderten ihre dunklen Augen zuweilen auch nach jener Richtung, aber sie streiften über die Gruppe der beiden Männer jedes­mal hinweg, wie wenn dort nichts als Luft gewesen wäre, und ihre ausgelassene Munterkeit erschien gleich nachher viel eher gesteigert, als gedämpft.

Auf Sandorys Erwiderung warf sie mit einer stolzen, kampflustigen Gebärde den Kopf zurück.

Ich aber wähle mir meine Diener nach eigenem Gefallen", rief sie mit erhobener Stimme,und ich er­kenne kein Gesetz an außer meinem eigenen Willen. Ihr bleibt für diese Nacht mein Trabant so will ich's und befehl' ich's. Evoe!"

Damit setzte sie das Glas, das sie noch immer in der Hand gehalten, an ihre Lippen, und nachdem sie den Schaum davon geschlürft hatte, reichte sie es Sandory, der es ohne Erwiderung, aber mit desto be­redterem Blick bis auf den letzten Tropfen leerte. Selbst diejenigen von den Umstehenden, welche geneigt waren, der Maskenfreiheit eines Kostümfestes sehr weitgehende Zugeständnisse zu machen, fanden, daß dies Benehmen allzu frei sei für eine junge Dame aus gutem Bürger­hause. Auch mochte sich bei dem einen oder anderen in dieses Mißfallen wohl eine eifersüchtig neidische Regung gegen den stattlichen Fremden mischen, der hier innerhalb weniger Wochen zum Mittelpunkt des allgemeinen Inter­esses geworden war. Jedenfalls begann sich der bisher festgeschlossene Kreis vor dem Champagnerzelt rasch in auffälliger Art zu lichten, und als gleich darauf eine Trompetenfanfare verkündete, daß an anderer Stelle neue Augenweide zu erwarten sei, wurde es hier sogar völlig leer.

Eine Quadrille von Landsknechten und Marketen­derinnen sollte inmitten des Saales getanzt werden. Tas war ein Schauspiel, welches sich natürlich keiner entgehen lassen wollte. Auch Dora trat, da für den Augenblick niemand mehr nach ihrem Champagner ver­langte, aus dem Zelt hervor, um sich unter die Zu­schauer zu mischen. Wie zur Bekräftigung ihrer letzten Worte machte sie Miene, Sandory's Arm zu nehmen; aber da stand plötzlich Georg Lengfeld an ihrer Seite und umfaßte mit festem, beinahe schmerzhaftem Griff ihr Handgelenk.

Du wirst die Freundlichkeit haben, mir einige Minuten unter vier Augen zu schenken, Dora! Ich wünsche Dir etwas zu sagen".

Es war, als ob sie sick> unwillig losreißen und ihm ein zorniges Wort zurufen wollte. Dann aber schien sie mit einemmale zu anderen Entschlüssen gekommen zu sein. Sie lächelte sogar mit einer gewissen herablassenden Freundlichkeit uno sagte mit einem starken Anflug von mitleidiger Ironie:Wenn es wirklich nur einige Mi­nuten sein sollen, mein Freund und wenn es durchaus keinen Aufschub duldet, warum sollte ich Dir die kleine Gefälligkeit nicht gewähren?"

Sie nickte Sanjdory mit bedeutsamem Augenaufschlag zu und folgte ihrem Verlobten in eines der kleinen Nebenzimmer, die jetzt des Schautanzens wegen alle leer geworden waren. Der Staatsanwalt drückte hinter sich die Thür ins Schloß und blieb mit verschränkten Armen vor Dora stehen.

So also schauen die Rücksichten aus, die Du auf meine Wünsche nimmst? Es war Dir darum zu thun, mich herauszufordern nicht wahr?"

Sie hatte sich in einen Sessel fallen lassen und lehnte den stolzen Kopf zurück, gelangweic: und gleichgiltig.

Es war mir darum zu thun, meinen Willen durch­zusetzen nichts weiter, lieber Georg! Und ich denke, daß' ich Dich über diese Absicht von vornherein nicht im ungewissen gelassen hätte".

Ich habe es aber nicht für möglich gehalten, daß