Ausgabe 
11.10.1900
 
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z^tjlLUeS Uebertreibmde und Ucbertriebene geht vorüber. Jede Bewegung sucht den Schwerpunkt, auf welchem sie ruhen möge. ... Herder.

(Nachdruck verboten.)

Unter dem Schwerte der Themis.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Schließlich! wirst Du mir doch auch' zugeben, Vater, daß ich kein Kind niehr bin, und daß ich mich nicht ver­lobt habe, um mich selbst in Bezug auf so lächerliche Kleinigkeiten unter die Vormundschaft eines anderen zu stellen. Ich bin nun einmal gewiß, daß dies Kostüm das kleidsamste für mich sein, würde, und ich sehe nicht ein, weshalb ich mich durch Georgs eigensinnigen Einspruch! bestimmen lassen sollte, ein anderes zu wählen." Sie hatte das in jenem entschiedenen Tone gesagt, durch welchen man auszudrücken Pflegt, daß nunmehr das letzte Wort in einer streitigen Angelegenheit gesprochen worden sei. Es war durchaus keine Erregung im Klang ihrer Stimme, sondern lediglich die ruhige Bestimmtheit eines entschlossenen und schwer zu beugenden Charakters.

Der Bankier, ein mittelgroßer, hagerer Mann, mit intelligentem, aber etwas kränklichem Gesicht und von dem Aussehen eines angehenden Fünfzigers, schüttelte wie in leiser Mißbilligung den schon ergrauenden Kopf.

Ich weiß doch nicht, ob Du recht daran thust, Dora, gerade in diesem Fall auf Deinem Willen zu bestehen. Selbst wenn Georgs Bedenken ungerechtfertigt sind, solltest Du ihm nachgeben, wäre es auch nür um des lieben Friedens willen."

Verächtlich warf das junge Mädchen die Oberlippe auf.Um des lieben Friedens willen! Nein, Vater! Damit, daß ich mich zur gehorsamen Sklavin erniedrige, wäre mir dieserliebe Frieden" doch etwas zu teuer erkauft. Er muß mich eben nehmen, wie ich bin, und es ist besser, wenn er schon vor der Hochzeit einsehen lernt, daß er mich nicht als ein willenloses Püppchen, sondern als ein selbständig denkendes und handelndes Wesen zu betrachten hat."

Franz Norrenberg seufzte; aber noch ehe er dazu kam, ihr zu antworten, wurde au die Thür geklopft, und einer der jüngeren Buchhalter überreichte seinem Chef eine Visitenkarte.

Der Herr bittet in Privatangelegenhecken um eme Unterredung", meldete er.Es würde ihm, wie er sagte, sehr unangenehm sein, jetzt nicht empfangen zu werden.

Rudolf Sandorh, Odessa", las der Bankier.Mir vollständig unbekannt. Aber wenn es nicht gerade etwas sehr dringendes ist, das Du mir noch zu sagen hast, liebe Dora"

Die Angeredete hatte sich bereits erhoben.Ganz und gar nicht! Ich spracht nur bei Dir vor, weil ich! auf dem Wege zur Modistin doch hier vorüber mußte. Es ist ja die höchste Zeit, daß sie mein. Kostüm in Arbeit nimmt. Sobald die anderen Damen erfahren, daß. das Fest schon so nahe bevorsteht, wird die arme Person von allen Seiten derart mit Aufträgen überhäuft werden, daß fie nach ihrer Gewohnheit vollständig den Kopf verliert. Darauf möchte ich nickst warten."

Norrenberg hatte dem Buchhalter einen Wink gegeben, und als Dora ihrem Vater die Hand zum Abschied reichte, trat der Fremde bereits auf die Schwelle. Er verneigte sich mit weltmännischer Höflichkeit gegen die junge Dame.

Ich muß um Verzeihung bitten, wenn ich gestört habe"

Doch' sie fiel ihm mit einer leichten Kopfbewegung in die Rede.Sie störten uns nicht; denn ich war im Begriff zu gehen. Adieu, lieber Vater! Und mach' mir nicht ein so wehmütiges Gesicht. Wenn Du mich erst in meinem Anzuge siehst, wirst Du mir ohne weiteres zu­geben, daß ich recht gethan habe."

Sie küßte ihn leicht auf die Stirn und wandte sich, zur Thür. Bei der Enge des Zimmers mußte sie dicht an Sandorh vorübergehen, und während sie seinen aber­maligen Gruß stumm erwiderte, ruhte ihr Blick für die Dauer einer Sekunde auf seinem Gesicht. Um ihre vollen Lippen spielte es wie ein flüchtiges Lächeln, da seine ver­schleierten Augen, in denen so viel blasierte Gleichgiltig­keit war, den ihrigen begegneten, und als sie schon auf der Schwelle stand, drehte sie noch einmal den Kopf zurück, anscheinend um ihrem Vater einen letzten Abschiedsgruß zuzurufen, in Wahrheit aber wohl nur, weil diese sonder­baren Augen sie halb wider ihren Willen dazu genötigt hatten.

Ich bitte, Platz zu nehmen, mein Herr", sagte Norren­berg mit der zurückhaltenden Höflichkeit des Geschäfts­mannes, der sich einem unbekannten Besucher gegenüber­sieht.Womit kann ich Ihnen zu Diensten sein?"

Sandorh stellte seinen Hut auf den Tisch und ließ sich gemächlich nieder, wie jemand, der nicht so bald wieder aufzustehen gedenkt.

Sie werden es sogleich erfahren", erwiderte er jovial, indem er seine Handschuhe auszuziehen begann.Wer gestatten Sie mir vor allem, Ihnen mein Kompliment zu machen. Wer hätte es für möglich, gehalten, daß die kleine magere Dora mit dem Gassenjungengeficht sich zu einer so junonischen Erscheinung auswachsen könnte."