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„Ja — dann machte ich auch regelmäßig die Entdeckung, daß das Fräulein von Marschall ganz unmerklich die Züge des Fräuleins von Menzelius angenommen hatte, und daß ich in meinen Gedanken gar nicht mit ihr, sondern mit Ihnen glücklich war".
Charlotte glühte bis über die Stirn hinauf wie ein dnnkleß Röslein. „O, das — das ist nicht großmütig, Herr von Kapnist!" brachte sie mit gepreßter Stimme hervor, und helle Thränen funkelten in ihren Augen. „Eine solche Grausamkeit hätten Sie mir nicht anthun dürfen >— jetzt nicht mehr, da Sie doch alles wissen".
Der arme Leutnant war aufs äußerste bestürzt; denn nichts hatte ihm so fern gelegen, als die Absicht, grausam gegen sie zu sein. Mer sie ließ ihm keine Möglichkeit, sich gegen den unverdienten Vorwurf zu rechtfertigen; denn mit dem letzten Wort schon hatte sie sich von ihm abgewendet und war in den Wirtschaftsräumen verschwunden.
Betrübt stieg Herr von Kapnist vollends die Treppe hinauf, um jid) bei der Dame des Hauses zu melden. Trotz ihres Unwohlseins und der begreiflichen Aufregung, mit der sie seinem Bericht entgeaensah, zwang sich Elisabeth, ihn mit unbefangenem Lächeln willkommen zu heißen.
„Nun, mein Herr Leutnant, darf man Sie als Sieger beglückwünschen?"
„Nichts weniger als das! Der Führer, den Ihr Verwalter uns mitgegeben, hat uns zwar dazu verhalfen, das Lager der vermaledeiten Räuber zu entdecken; aber es war leer. Und zwei Tage lang sind wir umsonst in diesen schrecklichen Wäldern umhergestreift, um die verlorene Spur der Banditen wiederzufinden".
„Das ist bedauerlich. Doch Sie werden gewiß an einem der nächsten Tage glücklicher sein. Vorerst bitte ich Sie, sich unter meinem bescheidenen Dache von Ihren Strapazen zu erholen. Für Ihre Leute ist hoffentlich gebührend gesorgt".
„Die kennen ja die Gelegenheit bereits zur Genüge, um sich's bequem zu machen. Aber ich habe noch ein Bekenntnis auf dem Herzen, für das mir gnädiges Fräulein schwerlich Dank wissen werden. Die Räuber haben wir leider nichjt zu Gesicht bekommen, dafür sind wir im tiefsten Walde auf einen Kerl gestoßen, den wir bei seinem jämmerlichen Zustande unmöglich liegen lassen konnten. Es ist ein alter, halbverhungerter Mann, der Ihnen schwerlich lange zur Last fallen wird; denn sein rechter Arm ist ganz zerschossen und in einer geradezu fürchterlichen Verfassung. Auch sein Verstand hat offenbar schon gelitten. Er führte lauter wirre, zusammenhanglose Reden und widersetzte sich! heftig, als ich den Befehl gab, ihn mitzunehmen. In der Nähe Ihres Schlosses wurde er geradezu tobsüchtig, so daß trotz seines schwer verletzten Armes zwei Mann Mühe hatten, ihn zu bändigen/ und daß ich fast bereute, mich mit dem unheimlichen Gesellen überhaupt eingelassen zu haben. Bald darauf aber verfiel er glücklicherweise in Bewußtlosigkeit, und ich habe angeordnet, ihm in irgend einer Stallecke oder einem Scheunenwinkel sein Sterbelager zu bereiten".
Schon bei den ersten Worten hatte Elisabeth an den entflohenen Jakubeit gedacht, und die Auskünfte, die sie auf ihre weiteren Fragen erhielt, mußten ihr jeden Zweifel nehmen, daß es sich wirklich um den längst Totgeglaubten handle. Als der Leutnant erfuhr, unter welchen Umständen der Unglückselige den Hof verlassen, und aus welchen Ursachen er sich so heftig dagegen gesträubt hatte, gerade nach Lasdehnen zurückgebracht zu werden, schien er sehr geneigt, seine Menschenfreundlichkeit zu bereuen; denn ein solcher Hallunke veroiente seiner Ansicht nach nichts Besseres, als gleich einem ange- schossenen Wolf elend im Dickicht zu verkommen. Elisabeth aber mußte über die Pflichten der Nächstenliebe doch wohl etwas anderer Meinung sein; denn sie bat Frau von Menzelius, nach dem Kranken zu sehen und alles zu thun, was ihm seine Lage erträglicher machen konnte.
Für eine gute Weile blieb sie infolge dessen, da auch Charlotte nicht wieder sichtbar wurde, mit Herrn von Kapnist allein, und der junge Offizier ahnte nicht, welche Genugthuung er ihr bereitete, indem er sehr ausführlich von seinen fruchtlosen Streifereien nach der „Räuberbande" erzählte.
„Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich dieser Sixtus mit seiner Horde über die russische Grenze geflüchtet hat", sagte er, „und dahin können wir ihm leider nicht folgen. Natürlich wird man jetzt mir allein die Verantwortung dafür aufbürden, daß er entwischt ist: denn morgen schon wäre seine Umzingelung vollendet gewesen. Hätte ich mich während dieser zwei Tage damit begnügt, die Grenze zu bewachen, statt ihn in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen, so hätte er die nächsten vierundzwanzig Stunden sicherlich nicht überlebt. Wie aber konnte ich ahnen, daß er trotz aller aufgewandten Vorsicht von unserer Annäherung noch rechtzeitig Wind bekommen würde!"
„Er wäre Ihnen nimmermehr entkommen, Herr Leutnant, wenn nicht ein Verräter seine Hand im Spiele gehabt hätte", mischte sich in diesem Augenblick die Stimme des Verwalters, der, von Elisabeth unbemerkt, auf die Schwelle getreten war, in ihr Gespräch. „Es ist sicher, daß Sixtus von hier aus über die von Ihnen beabsichtigte Bewegung unterrichtet und dadurch rechtzeitig gewarnt wurde".
(Fortsetzung folgt.)
Vom Monat September.
September 1900.
Nachdruck verboten.
In jeder Hinsicht bietet jetzt der Markt eine reiche Fülle von notwendigen und luxuriösen Gaben für das tägliche Leben. Alle Gemüse sind gut vertreten, die den Tisch mit wechselreicher vegetabilischer Kost versorgen, desgleichen Obst in allen Sorten. Die Auswahl der Fische kündet ihre gute Saison an, und das Wildpret läßt an Sortenzahl wenig zu wünschen übrig. Neben Reh und Hirsch wird, je mehr Hev Herbst fortschreitet, bei eintretender kühler Witterung auch der Abschuß des Schwarzwildes beginnen, und Mitte September wird die Hasenjagd eröffnet. Auch an Wildgeflügel ist kein Mangel. Gleichzeitig mit Rebhühnern und Fasanenhennen sind Wachteln und die ersten Schnepfen in den Delikateßläden zu haben. Der eigentliche Schnepfenstrich soll noch beginnen, was bisher dem geübten Auge des Jägers zum Opfer fiel, waren nur Vorflugschnepfen. Birkhühner sind gleichfalls zunächst noch seltene Gäste, dagegen treffen als sichere Boten des Herbstes allerhand Großvögel ein, vorzüglich sind die Wachholderdrosseln. Ueber den kulinarischen Wert der Familie Turdus waren schon die Römer im klaren. Martial singt: Unter den Vögeln gebührt der schmackhaften Drossel wie unter den Vierfüßlern dem Hasen die Palme des Ruhmes. Bei den Römern war der Krammetsvogel ein beliebter Leckerbissen, so daß man sie zu Tausenden in Vogelhäusern mästete. Martial und Horaz rühmen den Wohlgeschmack der Krammetsvögel mit der Begeisterung wahrer Gourmands. Auch für Kranke und Genesende sind Krammets- oder Großvögel ein stärkendes, leicht verdauliches Gericht, und besonders Krammetsvögelsuppe wird zur Stärkung für Rekonvaleszenten sehr empfohlen. Einige Krammetsvögel, 3—4 Stück genügen schon, werden in Butter weich gedünstet, demnach löst man das Brustfleisch davon ab, stößt alles übrige, außer dem Magen, in einem Mörser und läßt es mit etwas klein geschnittener Petersilienwurzel, Sellerie und Möhren! in der Butter, worin die Vögel geschmort wurden, weiter dünsten, rührt etwas Weizenmehl daran und verkocht es mit zugegossenem heißem Wasser. Die durchgeseihte Suppe wird über Nockerl oder gerösteten Semmelscheiben und dem klein geschnittenen Brustfleisch angerichtet. Noch kräftiger wird die Suppe, wenn man ihr kurz vor dem Anrichten 5 Gramm in heißem Wasser gelöstes Liebigs Fleisch-Extrakt, als das trefflichste aller Kräftigungsmittel beifügt. In der guten Küche ist das Liebigs Fleisch-Extrakt als Geschmacksverbesserer durchaus unentbehrlich, und mit Recht bemerkt der Diätetiker Dr. Wiel: „Ich möchte nicht Koch: sein, toenn es nicht Fleisch-Extrakt gäbe". Von unschätzbarem Vorteil ist, daß man bei großer Haltbarkeit und angemessener Verpackung dasselbe überall und zu jeder Zeit zur Hand haben kann.
Hausgeflügel ist in ausreichender Auswahl vorhanden, nur Tauben werden knapper. Reichlich zu haben sind junge


