1900.
Dienstag den 11. September«
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nrnnen die Menschen am liebsten dumm?
Das Gescheite, das ste nicht verstehen,
M. v. Ebner-Eschenbach.
(Nachdruck verboten.)
Geächtet.
Roman von Lothar Brenkendorf.
(Fortsetzung.)
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen. Charlotte, die wohl schon hundertmal auf jedes verheißungsvolle Geräusch hin ans Fenster gelaufen war, hatte endlich auch für diesen Abend die Hoffnung aufgegeben, Herrn von Kapnist au der Spitze seiner sieggekrönten Schar in den Gutshos einreiten zu sehen, als Elisabeth aus ihrem Schlafzimmer trat, um in Gesellschaft der beiden anderen Damen ihren Thee zu trinken. Ihr bleiches, erschöpftes Aussehen bewies zur Genüge, daß sie von dem Fieberanfall noch keineswegs wieder hergestellt war, aber eine Unruhe, die sie nicht länger zu bemeistern vermochte, etwas wie die dunkle Vorahnung von Ereignissen, die eine Anspannung ihrer ganzen geistigen und körperlichen Kräfte erheischen würden, hatte sie trotz ihrer Schwäche vom Lager emporgetrieben.
Und sie nahm es für eine Verwirklichung jener Ahnungen, als mitten in ihr Gespräch. mit Frau von Menzelius hinein plötzlich der Hufschlag zahlreicher galoppierender Pferde tönte.
„Das sind sie — das sind sie!" rief die bisher sehr schweigsame Charlotte mit plötzlich erwachter Lebhaftigkeit. „Mein Gott, und es ist nicht einmal ein ordentliches Wendessen sür Herrn von Kapnist vorhanden".
Sie eilte hinaus, um selbst in der Küche für die schleunige Nachholung des Versäümten zu sorgen; aber sie war doch nicht flink genug, als daß, sie dem Zusammentreffen mit dem rasch vom Pferde gesprungenen Leutnant noch hätte ausweichen können. Ein Blick in sein ernstes, niedergeschlagenes Gesicht, das sich kaum flüchtig aufhellte, während er sie begrüßte, machte eigent- lich.jede Frage nach dem Erfolg seines Streifzuges überflüssig. Und Charlotte- fühltß sich heute auch gar nicht aufgelegt, ihn zu verspotten. Es klang vielmehr sehr aufrichtig und herzlich, da sie sagte: „Wie froh bin ich, Sie lebendig und unversehrt wiederzusehen, Herr von Kapnist! Ich habe in der letzten Nacht nicht eine Stunde ruhig geschlafen, weil es mir immer war, als ob ich, in der Ferne schießen hörte. Und gegen Morgen hatte ich einen so entsetzlichen Traum".
Ter Leutnant seufzte tief auf. „Was das Schießen betrifft, so wollte ich, bei Gott, daß Sie recht gehört hätten, mein gnädiges Fräulein! Viel lieber möchte ich jetzt mit einem tüchtigen Loch in der Haut vor Ihnen stehen, als mit dem beschämenden Geständnis, daß wir uns von den Banditen gehörig haben am Narrenseil herumführen lassen. Statt ihnen den Garaus zu machen, habe ich sie durch mein unzeitiges Vorgehen gewarnt und chre geplante Einschließung verhindert. Eine riesige Nase von meinem Oberstwachtmeister wird vermutlich alles jein, was ich an Erfolgen aus dieser Friedenskampaqne davontrage. Wenn Sie sich jetzt nach Belieben über mich lustig machen wollen, so habe ich nichts mehr dagegen einzuwenden, Fräulein Charlotte".
. r Aber sie schüttelte mitleidig den Kopf. „Dazu sehe ich ganz und gar keinen Grund, Herr von Kapnist! Auch die größten Feldherren sind zuweilen vom Mißgeschick verfolgt worden, und König Friedrich hat mehr als eine Schlacht verloren. Sie aber wurden nicht einmal geschlagen, sondern Ihr Unglück bestand nur darin, daß Sw den Feind nicht gefunden haben. Das kann am Ende Ihrem Oberstwachtmeister auch passieren".
„Wie gut Sie heute zu mir sind!" sagte er, von ihrem Verteidigungseifer ebenso überrascht als gerührt. „Soll ichj Ihnen gestehen, daß ich mich vor Ihrem Spott eigentlich mehr gefürchtet habe, als vor dem Rüffel meines gestrengen Vorgesetzten?"
„Sie thaten sehr unrecht daran", erwiderte sie mit sanftem Vorwurf. „Und es ist für Sie doch jetzt überhaupt sehr gleichgiltig, wie ich von Ihnen denke. Ja, wenn es Elisabeth wäre, die —"
„Verzeihen Sie, Fräulein Charlotte", fiel er ihr da mit merkwürdig entschlossenem Ton in die Rede. „Aber ich kann nicht zugeben, daß Sie länger in einem Irrtum bleiben, den ich allerdings leichtfertigerweise selbst erregt habe. Das Versprechen, das ich Ihnen vor zwei Tagen in Bezug auf das Fräulein von Marschall geleistet habe — ich bitte Sie um des Himmels willen, geben Sie es mir zurück!"
„Wie? Es ist Ihnen wieder leid geworden? Und gerade während dieser achtundvierzig Stunden, wo Sie doch Elisabeth gar nicht gesehen?"
„Zürnen Sie mir nicht!" flehte er sehr herzlich. „Es kann nicht sein. Ich habe mich ernstlich auf die Probe gestellt, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es nicht geht — daß es durchaus nicht geht. In der langen, schlaflosen Nacht am Biwakfeuer habe ich meine ganze Einbildungskraft aufgeboten, um mir das Glück auszumalen, das mich an der Seite des Fräuleins von Marschall erwarten würde. Aber wenn es mir dann wirklich gelungen war —"
„Nun, es ist Ihnen also doch gelungen —"


