Ausgabe 
11.8.1900
 
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. Ein fesselndes Beispiel davon, daß der Luxus sowohl, wie die Repräsentantin des jeweiligen Tagesgebrauches niemals durch drakonische Maßregeln, sondern eben nur durch ihren eigenen ewigen Wandel, durch den fortwäh­renden Strudel einander ablösender Farben und Formen in Stoffen und Steinen, Blumen und Spitzengeweben be­kämpft werden kann, liefert uns eine Mode des 17. Jahr­hunderts, die wir jetzt lächelnd und kopfschüttelnd auf den alten Bildern betrachten, aber sofort alle mitmachen wurden, falls sie wieder auf die Tagesordnung gebracht werden würde. Wir meinen dieFontange", jene Haar- Pyramide, deren Name und Sache bon der schönen Freundin Ludwig XIV der Herzogin von Fontange, herrührt, die, . der Jagd der Kopfschmuck vom Winde

ruiniert wurde, ihr fchpnes Haar durch Bänder wieder be­festigte, deren Schleifen ihr auf die Stirn herabfielen.

Aus diesem ebenso einfachen als kleidsamen Arrange- ment entwickelte sich dann diePyramide", ein meterhohes. Mit Haarlocken, Blumen, Bändern und Perlen umwun­denes Gestell aus Eisendraht mit mehreren Etagen, deren iede einzelne ihren besonderen Namen hatte.

diesen Namen trug jede Dame in den Jahren 1680 bis 1714 folgende Dinge auf dem Kopf: eineHer­zogen", emenMusketier", eineMaus", eineSchild­wache , ernFirmament", einenMond" re. Natürlich bedurften die Damen zu dieser Frisur nicht nur eines Haarkünstlers, sondern ebenso eines Schlossers, welcher das Eisengeruste aufbaute, über dem der Coiffeur dann seine Haarpyramide errichtete.

r . Evnig Ludwig XIV. haßte diese Haartracht und lieh fernem Mißfallen darüber oft in den herbsten Ausdrücken Worte. Es erschienen auch verschiedene Abhandlungen, diesem Luxus der Coiffure zu steuern, allein weder der König noch die Schriftsteller erfreuten sich des aller­geringsten Erfolges.

Eines Tages kam jedoch eine bildhübsche englische Ge- s°ndtin an 'den französischen Hof, das zierliche Köpfchen nur geschmückt mit ihren eigenen wundervollen Flechten. Sie erschien in ihrer Einfachheit so reizend, daß nicht nur die Kavaliere des Hofes, sondern auch der König selbst sie vor allen anderen Sternen der Gesellschaft auszeichneten.

Damit war über die Mode derFontange" der Stab gebrochen. Was der Befehl des Königs nicht vermocht, gelang den blonden Haarwellen der jungen Briten:Le luxe de coiffures" hatte aufgehört zu regieren.

Heutzutage hat man es längst aufgegeben, dem Luxus der Frauen mit gesetzlichen Bestimmungen entgegenzu­treten. Der Staat schenkt ihm nur insofern Beachtung, als. er all den schönen Tand, die französische Seide, die Brüsseler Spitzen, die indischen Shawls, die exotischen Fe­dern und Blumen, mit nicht unerheblichen Steuern be­lastet. lieber dergleichen Unbequemlichkeiten aber pflegen srch schöne Frauen ihre Köpfchen nicht zu zerbrechen. Das ist seine Sache.

Wenn nun aber auch die große wirtschaftliche Wich- trgkeit von Luxus und Mode allgemein anerkannt werden muß, so ist dies doch nie ein Grund zu jener sinnlosen

nenswerte Kenntnrs auch der intimsten Toilettengeheim- er eine Weile tapfer über die Koketterie UJ AsSchonthun der Frauen raisonniert, beschreibt er das Boudoir einer Weltdame jener Zeit mit folgenden *vVv vlCll

Da hat man die schönste undt größte undt beßte Spiegel, aufs daß ja niemand betrogen werde ... da hat ma" feyuste Rosen- undt andere riechsambe Wasser umb die Liebsten zu bethören, undt hat die beste Gerüche von Bisam, Zibet und Umbra, damit ja Niemandt in eyne Ohnmacht falle. Undt auff denen feynverhängeten Tisch- leyn, da hat man köstliche Kämme, Bürsten undt wächserne

V JA man Schachteln und Büchslein undt Glaßleyn voll allerhandt köstliche Reeepten und Salben. Und da gehen ihre stattlichen Mägde undt Kammerzelter umb ste her, finden allezeit etwas zu butzen undt zu rin- SeIlt da finden sie hinten undt Dornen zu Helffen, so die Falten und Kräwsleyn zu strekkeu, ja auch wenn es vonnothen,lassen sie von ihnen den Scheiss nachtragen" was eyn.unartig Gebühren, denn so sie den hängen lassen beym spatzieren wie eyn Eydachsen, machen sie ein Staupen. ..."

. t-^iem toolten wir, daß die Weibspersonen, bei denen Äckü?b».Ei/ bie eleude Hoffart zu unmöglich längerem t ^Agen ist, ehrbar und nach Landes-An- ftandlgkt.lt sich beklelden und hüten des Tragens aller gül- Q^nb verguldeten Sachen, Beheuken, Rosen und ml- ,bAA, ^er;nrt<>n an 5^?' Stirn und Hauben i Wir ver- denselben auch das Tragen aller krevvenen hoch- fet geblumelt, gemuggelt, gestrichelt oder glatt, wovon es immer Ware, alle französischen Göller, Hemd er Büsche auf den Hüten und Fältel an den Aermeln *"

iebo<^ schon damals die launische Göttin 5°hbe m.efFl9 um alle Luxusgesetze gekümmert, sehen wir 5^Lbern ®trber" Jener Seiten, auf denen wir unsere Aelter- mickter ebenso luxuriös toie bizarr gekleidet erblicken und auch nirgends irgend eine Einschränkung in Bezug auf ©eibe, Spitzen und Gold zu entdecken vermögen.

~;ie Hengsten Edikte gegen die Toilettenpracht schöner A^^u tourden unter Ludwig XIII. erlassen, so eines im ^ahre 1633, in dem es allen Untertanen streng verboten iraend"meüb^8^Erngen, Manchetten, Hüten und Hauben irgend welche Stickereien zu tragen." Eine zweite Verord- nung untersagte den Gebrauch, von Kleiderstoffen, in die Gold-und Silberfaden gewoben, auch war alle Ausschmück­ung durch Tressen, Spitzen und Goldstickereien streng ver- boten. ^m Bahre 1656 untersagte wieder ein ©rlaß das 9fh« vrirer Kopfbedeckungen, während ein späterer Ukas inUr,r^rreI <£e0fn bon Luxus der Bürgerlichen richtete, sodaß allen Personen, die Handel trieben ober von ihrer §anbe Urbett lebten, z. B. bas Tragen von Golb- ober ®tontantenbouton§ strengstens verboten war.

f . chUß sich auch her Bvlkshumor mit biefen Ebikten itnb feinen Urhebern beschäftigte, ersehen wir aus ben Witz- k^ttsr^-iener bereu eins sogar bas Leichenbegängnis der bahingemorbetenFrau Mobe" abbilbet.

v\J.n einem von «Frauen getragenen Sarg liegt bie all- r-^t)rannm. Eine lange Reihe von Stickerinnen Schneiderinnen, Putzhändlern re. bildet das Trauergeleit' HS f lT Untergründe sichtbare, bereits fertige Grabmal folgende Verse zeigt:

An dieser Stelle ruht, so wie sie es verdient Die Mode, die bei. uns so große Thorheit schuf.

Luxus jetzt Wohl mit dem Tod gesühnt bald ertönt aufs neu' nach Ueppigkeit der Ruf.

- Alle diese Edikte und Verordnungen waren jedoch nicht S?treup5e^f9rrn AklherrscherinFrau Mode" und ihren S .Ens Vasallen, den Luxus, anzukämpfen und die Pracht- geluste der Frauen zu Unterdrückers Auch die Klagen der be8 s15- und 16. Jahrhunderts, die auf das n»Ä, ^ndste gegen die Toilettenpracht der Frauen eiferten, waren ebenso vergeblich wie die der heutigen er®ter b^ originellsten Eiferer gegen den Hang der W ©tfnmbeit durch den Rahmen einer geschmackvollen Gewandung und Umgebung zu erhöhen Garzonus^alisie^en, war der mittelalterliche Schriftsteller J" feinem WerkSchauplatz der Künste" macht er Acht uur seinem Widerwillen über dieNarretei" der --Lameu ^rundlich Luft, fonderu verrät zugleich^ eine stau­

ist sogar die Anzahl der einzelnen Toilettegegenstände vorgeschrieben:Keine Frau soll mehr als einen Zrshickte Röcke besitzen, auch nur eine 'fefnt.,toeiter'. faltiger, vorne offener Rock), sein " n 'letb tlber anderthalb hundert Gulden wert

Daß die deutschen Frauen schon damals an ihrer EAA noch incht überwundenen Vorliebe für das fremd- uArge krankten, geht aus einer Klosterordnung vom Jahre 1619 hervor, in der wir lesen: j

.Jungfrauen sollenausländische neue Modelle AAb?n, deren leider die Weltlichen mehr als gut qebrau- Knüuneüi^^ JoI eP fchMützen mit goldenen Kronstiften, "A den Hals mit Gold und Perlen, Schuhe mit ^lofru meiden, fowie kurze, nadbi der neuen Art" Äatö Es«» oder sonst weitausgesperrte Röcke

Ein weiteres Mandat erließ im Jahre 1728 her Wa- |anö1 CmeC siiddeutschen Reichsstadt, in dem geschrieben