Ausgabe 
11.3.1900
 
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schwand. Sie hatte die Empfindung, daß sie sich nie mehr würde aus dieser Ecke hervorwagen können, ohne vor Scham in die Erde zu sinken; die Aufforderung Nettchens an den verlassenen Bräutigam stand mit Riesenlettern vor ihrer SeelenIch sende Dir einen Ersatz für mich. Stoße Johanne nicht von Dir." Wie sollte sie sich Paul und den beiden Frauen vor die Augen wagen?

Niemand sprach in der kleinen Küche. Paul stand noch immer abgwandt, ganz unbeweglich, kein Zittern verriet eine Erregung an ihm.» Die Großmutter war hinausge- qanqen. Auf'dem Küchenstuhl saß die Mutter, den Kopf auf die Hand gestützt, und mit trocknem Blick las sie mecha­nisch die Sprüche an den Börten und Fleischbrettern, las sie immer wieder, ohne zu wissen, was sie that.

Ganz leise hatte sich Johanne aus ihrem Winkel hervor­geschoben, scheu und fast lauernd, zum Sprunge nach der Entreethür bereit. In demselben Moment wandte Paul sich um, und sein Blick traf den angstvoll nach ihm ge­richteten des jungen Mädchens.

Sie wollen doch nicht fort, Fräulein Johanne?" fragte er. Seine Stimme klang weich, ohne eine Spur von Bitter­keit. Johanne stand und blickte ihn an.

Ich bin doch jetzt wohl nur lästig?" flüsterte sie Nein!" sagte Paul.Ich bitte Sie, bleiben Sre der uns, Fräulein Johanne."

Sein Blick war so voll Mitleid, daß er Johanne tote ein kleines, warmes Flämmchen ins Herz fuhr.

,Ja, bleiben Sie!" sagte nun auch die Mutter.

Sie erhob sich aus ihrem Hinbrüten, Erleichterung lag in ihrer Stimme.

Sie war auf einen wilden Schmerzensausbruch gefaßt gewesen. Und nun sand sie Paul beherrscht, imstande, mit einem fremden Mädchen freundliche Worte zu wechseln.

Eine seltsame Hoffnung schwellte ihr das Herz. Wenn es möglich wäre! Wenn Paul die Ungetreue vergessen könnte! . ,

Mit einem flehenden Blick auf das junge Mädchen ging sie hinaus. Paul und Johanne standen allein.

'Könnte ich Ihnen nur etwas sagen", flüsterte Jo­hanne,was Sie trösten könnte. Aber mir selbst tst ja so weh. Es ist, als wäre einem jemand gestorben. Nettchen war die einzige Freundin, die ich bisher hatte. Wie lieb müssen Sie sie gehabt haben."

Ja", sagte Paul,unendlich". Und mit fester «stimme fügte er hinzu.Nie, nie im Leben werde ich sie ver­gessen." _______

Me werde ich sie vergessen!" Das Wort verlor nichts an seinem Ernst. Aber mit der Zeit wurde es milder, bekam einen weicheren, wesenloseren Sinn. Ein Jahr verging, und der Gedanke an Nettchen ragte in Pauls stilles Leben immer mehr herein wie nur ein übersinnlicher Traum. Wenn er sie im Geiste vor sich sah, ihre leidenschaftliche Er­scheinung, das trotzige, kecke Gesicht mit dem glühenden Augenpaar, diese Gestalt voll herausfordernder Lebens­lust, schien es ihm etwas unfaßbares, daß er nach diesem Bilde der trotzigen Kraft einst hatte die Arme ausstrecken wollen. Wie man einen Nachtwandler aufscheucht, hatten Nettchens Worte ihn wachgerufen. Diese rücksichtslosen Worte, in denen sie ihm ein anderes Wesen zum Ersatz für sich selber anbot, hatten auf ihn nicht die Wirkung gehabt/ wie sie vielleicht auf eine brutalere Natur gehabt haben würden: Ihn mit Geringschätzung gegen das ihm angebotene Wesen zu erfüllen. Ohne es zu ahnen, hatte Nettchen ihrem Pfeil die Schärfe genommen, hatte dem verratenen Freunde in Worten, mit denen sie in kindischer Feigheit für den Moment eine Ablenkung hatte schaffen wollen, ein Mittel gegen die Verzweiflung gereicht.

Paul war in seiner seelischen Gedrücktheit und in seiner Selbstdemütigung Nettchen gegenüber nie zu dem Ge­danken gekommen, daß irgend ein weibliches Wesen, aus­genommen die Mutter und Großmutter, jemals in ihm eine Zuflucht suchen könnte. Zum erstenmale im Leben hatte er die Bemerkung gemacht, daß ein junges Mädchen tief vor ihm errötete, und die Augen zu Boden schlug, und diese Erkenntnis hatte ihn im Moment der bittersten Er­fahrung mit einer Art Stolz erfüllt.

Lange dachte er in den Tagen, die dem Ereignis ge-

Professor Victor Aim6 Huber, geboren am 10. März 1800 in «Stuttgart, gestorben am 19. Juli 1909 in Wernigerode.

Nachdruck verboten.

An die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages mancher Männer, deren Name auf allen Lippen schwebt, wird in «unseren Tagen erinnert, Auch solche? Namen werden genannt, deren Gedächtnis doch nur in beschränkten Kreisen fortlebt. Zn den Männern, die in einer gewissen Ver­borgenheit gelebt, dennoch aber durch ihren Einfluß gerade auf" die im Vordergründe stehenden, führenden Persönlich­keiten eine eigenartige Bedeutung für die Entwickelung des gesamten öffentlichen Lebens im verflossenen Jahr­hundert gewonnen haben, gehört Viktor Aimee Huber.

Eine merkwürdige Erscheinung tritt bei dem Namen Huber vor das Auge derer, die ihn gekannt haben.

Schwerfällig in Gestalt und Bewegung, hat . «nestr Mann den zartesten Perlen spanischer und französischer Volkspoesie auf seinen Wanderungen nachgeforscht und sie gesammelt. £ejtig im Vertreten feiner Urbedeutung. fo baß man sich vor ihm fürchtete in öffentlichen Versammlungen, schrieb er Briefe voll zartester Feinheit, innigster, herz­bewegender Liebenswürdigkeit.

Merkwürdige Gegensätze waren in seinem Wesen und Leben von Anfang an verbunden. Wird doch kaum ein zweiter Mensch zii nennen sein, bei dem es bis ins er­wachsene Alter zweifelhaft war, ob er evangelisch oder katholisch, ob das Französische oder Deutsche seine Mutter spräche sei, wo er eigentlich sein Vaterland habe. Ist doch als Vorarbeiter und als Bahnbrecher für die gemeinsame Arbeit zur Lösung der sozialen Aufgaben kaum einer ihm ebenbürtig in unserem Volk, und zugleich hat em Lassalle mit wahrhaft glühenden Worten dankbarster Verehrung ihm gehuldigt, freilich ohne Gegenliebe zu finden.

Viktor Aimee Hubers Eltern standen nicht nur mit den führenden Geistern der Zeit in Verbindung; sein Vater war ein naher Freund Schillers. In Gemeinschaft mit Körner, dem Vater des Dichters, schrieb der Vater Hubers 1784 als junger Mann den bekannten Huldigungsbrief an Schiller nach Mannheim, der Schillers Uebersiedeluug nach Leipzig zur Folge hatte.

Der erste Gatte der Mutter unseres Huber, Georg Forster, stand wieder Goethe nahe. Als Schriftsteller, Welt- umfegler geschätzt, zählte Forster in den ersten Jahren seines Ehestandes in Mainz unter den oft und gern in sein Haus eintretenden Gästen neben Wilhelm v. Humboldt, Fr Jacobi auch Goethe. Später geriet Forster in Mainz in sehr bedenkliche Gesellschaft französischer Revolutionäre, folgte ihnen nach Paris und starb dort einsam, fern von den Seinen. Deren Pflege und Fürsorge hatte er schon Jahre lang vorher seinem Freunde Huber überlassen,. dem die Witwe Therese geb. Heyne, des bekannten Göttinger Philologen fein gebildete, edel angelegte Tochter, die Hann zum Ehebunde reichte. Sie hatten von Mainz nach Straß bürg, von dort nach Nenfchatel wandern müssen. Dem Ruf' des Buchhändlers Cotta folgte Huber der Vater nach

folgt waren, darüber nach, wie es wohl hatte möglich sein können, daß er jeden Gedanken, jeden Atemzug feines Herzens einer Frau gab, die nie nach ihm Verlangen gezeigt hatte. ..

Eine so große Scham hierüber erfaßte ihn, daß sie fast stärker wirkte, als der bohrende Schmerz um den Ver­lust. Es gewährte ihm eine Art Linderung, sich in den Gedanken an Johanne zu versenken, die vor ihm gestanden hatte in so demütiger Verwirrung, als wäre er ein großer, schöner, starker Mann, vor dem ein weibliches Herz er­zittern müsse. .

Mehr als je trug er nun eine Traumwelt mit sich herum, in der sich die Erinnerungen an Nettchen immer mehr von ihrer Schwere lösten und gleich Schmetterlingen in das Reich der entschwundenen Illusionen entflatterten; ' während sich die Gedanken an Jobanne zu einer ruhigen, kraftvollen Stimmung verdichteten, die mit noch keinerlei Wünschen verbunden war, nur ein stummes Sich-Genugen in sich schloß.

(Fortsetzung folgt.)