Ausgabe 
11.3.1900
 
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Lonntag den 11 März

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WA it vielem läßt sich schmausen;

Vjs Mit wenig läßt sich Hansen;

Daß wenig vieles sei,

Schafft nur die Lust herbei!

Und seid von Herzen froh;

Das ist das A und D.

Göthe, Clandine von Bella Billa I.

Nachdruck verboten.

Das Pflegekind.

Roman von Elsbeth Meyer-Förster.

(Fortsetzung.)

Schweigsam ging man wieder hinüber in das Wohn­zimmer. Weit standen die Fenster offen, die weiche Herbst­luft drang herein und mischte sich mit denl Geruch des Kaffees, der noch in der Kanne dampfte. Eine ganz leichte Dämmerung senkte sich bereits hernieder. Sie wischte leicht über die Wände hin und blieb in den Ecken haften. An der Schwarzwälder Uhr trat aufgeregt der Kuckuck heraus und rief siebenmal aus glucksender Kehle. Dann tickte wieder nur fieberhaft der Pendel. Drunten im Hofe, auf welchen das Fenster desBerliner Zimmers" hinaus­ging, verstummten die Kinderstimmen, die dort geschrieen und gelärmt hatten. Befangen saßen die drei Frauen und horchten auf bei der plötzlichen Stille. Und sekundenlang ging über die Drei die seltsame Illusion hin, daß es auf­gehört habe, Sonntag zu sein, daß dunkler Werkeltag ur­plötzlich alles Feierliche verschlungen habe.

Ich höre Schritte auf der Treppe das ist Paul!" rief die Mutter. Sie eilte hinaus. Paul hatte schon die Entreethür erschlossen und trat ihr entgegen.

Ist sie da?" schrie er mehr als er rief. Und als die Mutter erschrocken nur den Kopf schüttelte, ließ er sich schwer in der kleinen Küche aus einen Stuhl fallen.Bei Fräulein Windelbach ist sie garnicht gewesen", stieß er her­vor.Sieh, Mutter, ich habe es geahnt: Sie ist vor uns geflohen."

In diesem Augenblick riß jemand an der Glocke; die Mutter stürzte hinaus, während nun auch die Großmutter und Johanne aus dem Zimmer kamen. Vor der Thür stand ein Dienstmann, der gleichmütig einen Brief aus der Tasche seiner blauen Bluse zog.Js et hier wohl recht bei Herrn Paul Brinkmann?" fragte er; die Mutter nickte, sprechen konnte sie nicht. Unfähig, sich noch länger zu beherrschen, entriß sie dem Manne beinahe den Brief.

Nun standen sie alle in der kleinen Küche, um den Bries herum, der wie eine Bombe zwischen sie niedergesaust war. Die Mutter hielt ihn noch immer in der Hand.Willst Du ihn nicht öffnen, Paul?" hauchte sie.Er ist an Dich gerichtet." Er wandte sich ab und trat ans Fenster.Ich, kann Dir den Wortlaut sagen", stieß er hervor.Gebt mich frei!" steht in dem Briefe.Ich kann den Krüppel, den Schwächling, nicht zum Manne nehmen."

Wie es klar wird vor dem Auge eines Zuschauers, wenn die verhüllenden Schleier und Gazen des Vorhanges fallen, so wurde es plötzlich klar vor Johannes Augen. In diesem einen Moment verstand sie und erläuterte sie sich, alles, was die Frauen ihr zu raten und zu denken auf­gegeben hatten, was sie aus Pauls gedrücktem Wesen, aus Nettchens Verschlossenheit als ein Rätsel empfunden hatte. In diesem Moment, wo sie alles begriff, was diesem Fa- milienlcid zu Grunde lag, fühlte sie sich als eine Fremde, eine aufdringlich Hinzugekommene, und scheu, von ihrer Anwesenheit in dieser Stunde aufs tiefste bedrückt, drängte sie sich in die äußerste Ecke.

Die Großmutter hatte ihrer Tochter den Brief aus den zitternden Händen genommen und ihn geöffnet.

Mit lauter, tonloser Stimme, als rezitierte sie eine oadje, die weitab von allem Zusammenhang mit ihnen allen liege, las sie vor:

Lieber Paul!

Ich kann Dich nicht lieben, wie ich ja niemand liebe in der werten Welt. Ich würde Dich fürs Leben unglück- lrch machen, und wenn ich denke, daß ich heiraten soll, und eine Ehefrau und Hausfrau werden, packt mich Ver­zweiflung. Aber hier stockte die Großmutter. Eine leichte Röte flog über ihre eingefallenen Wangen, dann las sie rasch entschlossen weiter: Mer ich sende Dir einen Ersatz für mich. Ein Mädchen, das tausendmal besser ist als ich, und dem es sehr schlecht geht auf der Welt, und mit dem Du so glücklich werden wirst, wie Du mit mir elend geworden wärst. Stoße Johanne nicht fort. Dann wird Euch in der Ferne segnen

Eure stets getreue

. . Nettchen.

Einst, wenn ich etwas großes geworden bin, will ich Euch reichen und klingenden Lohn schicken für alle gebrach­ten Opfer."--

Den Rücken voll Prügel!" sagte die Großmntter, als' sie geendet hatte. Große und schwere Thränen, mehr des ohnmächtigen Zornes wie der zertretenen Liebe, fielen aus ihren Augen nieder auf das Papier.Oh daß ich den Rohr­stock an ihr kaput geschlagen hätte!" jammerte sie.

Johanne hatte sich so tief in den Winkel gedrückt, der durch ein schräg an die Wand gelehntes Plättbrett entstanden war, daß sie wie in einer Versenkung ver-