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machte sich die Ausschaltung ihrer starken Persönlichkeit sehr unliebsam bemerkbar. Der junge Kaiser, den Brandt als einen kränklichen, melancholischen Jüngling schildert, dessen Temperament'zwischen langandauernder Indolenz'und unmotivierten Wnt- ausbrüchen hin- und herpendelte, war der geborene Neurastheniker und obendrein in den Staatsgeschüften gänzlich unerfahren. Immerhin mengte sich Tsze-Hsi nicht in Regiernngs-Angelegen- heiten; aber wo man sie persönlich angriff, wehrte sie sich nut großer Energie, nnd derartige Angrisfe gab es in großer Menge, die übrigens stets von der reaktionären Partei ausgingen, als deren Vertreterin man die Kaiserin ganz zu Unrecht ausgiebt. Daß sie mit diesen gelegentlich des chinesisch-japanischen Krieges gründlich aufräumte, war ein Gebot der Selbsterhaltung, und kann ihr nicht verübelt werden. . .
Inzwischen hatte der unglückliche Ausgang dieses Krieges für China die Entstehnng einer Reformpartei begünstigt, welche das in jahrtausendelanger Abgeschlossenheit erstarrte Land und Volk am liebsten gleichsam über Nacht modernisiert hätte. Ungeschickte Ratgeber veranlaßten den jungen Kaiser, die Reformierung in völlig übereiltem Tempo anzngreifen, und die Gefahr, daß das Werk ihrer 35 jährigen Arbeit durch die Hände von Unberufenen vernichtet werde, trieb die alternde Fran ans ihrer Abgeschiedenheit von der Welt wieder in den Kampf. Obwohl sie immer in dem Sinne einer langsamen Annäherung an europäische Ideen gewirkt hat, wurde sie nun als Erzreaktionärin verschrieen, und die Reformpartei machte sich an den Versuch, sie gewaltsam aus dem Wege zu räumen. Die Nachricht des auf sie geplanten Attentates lieh ihr die alte Kraft, unb. ehe ihre Gegner noch znr Ausführung schreiten konnten, hatte sie ähnlich wie Katharina nach der Ermordung Peters III. die Zügel der Gewalt an sich gerissen, während der schwache Kaiser erschreckt zurückwich, und am 26. September 1898 sämtliche Resormedikte widerrief, denen sich, wenn nicht eben die Palastrevolution dazwischen gekommen wäre, in wenigen Tagen die Europäisierung in Haartracht und Kleidung angeschlossen hätte.
Schon damals munkelte man von der Ermordung des Kaisers, was sich jedoch nicht bestätigte. Daß Tsze-Hsi nun aber mit ihren Feinden blutige Abrechnung halten würde, war vorauszusehen, und in wenigen Tagen waren acht der bedeutendsten Mitglieder der Reformpartei hingerichtet, die übrigen aber ans der Flucht ins Ausland.
Was jetzt zur völligen Abdankung des Kaisers geführt hat, den Tsze-Hsi seit September 1898 gewissermaßen nur wegen Krankheit vertreten hat, wird erst in Monaten bekannt werden. Jedenfalls ist es übereilt, die alte, mutige Frau, welche bereits im 65. Lebensjahr steht, zur blutgierigen Bestie zu stempeln, wie es namentlich in allen englischen Berichten geschieht, welchen eine Volksrevolution, die das chinesische Reich einer schnellen Zertrümmerung entgegenführen würde, höchst erwünscht wäre.
Bleiben die Verhältnisse in diesem Riesenreiche dank der Energie der Kaiserin-Witwe, welche nun wieder auf neun Jahre freie Bahn hat, annähernd wie bisher, so wird sich Rußland in der Mongolei und Mandschurei ein gehöriges Beutestück sichern, und auch Deutschland und Frankreich werden nicht leer ausgehen. Das paßt natürlich den Briten nicht, die auch hier wieder allein die Schüssel ausessen wollen, und diesmal wirkliche Tataren- nachrichten verbreiten..
Immerhin kann es richtig sein, daß das Drama im Kaiserpalast zu Peking einen blutigen Ausgang genommen hat, falls der Kaiser seiner enbgiltigen Entthronung ernsthaften Widerstand entgegengesetzt hat. Bis aber beglaubigte Nachrichten darüber einlaufen, wird man mit dem Urteil zurückhalten müssen. Gewalt- thaten, wie die jetzt vermutete, sind natürlich nicht nach unserem europäischen Geschmack. Man wird aber immer bedenken müssen, daß es in manchem europäischen Lande vor 100, ja 50 Jahren nicht anders zuging, und daß das chinesische Volk, welches mit Liebe an seiner uralten Kultur hängt, samt seiner Dynastie noch manche gewaltsame Umwälzung durchzumachen hat, ehe es sich entscheidet, in welchen Bahnen im nächsten Jahrtausend sich die Entwickelung der 500 Millionen Menschen der gelben Rasse bewegen wird.
vermischtes.
Zucker ein VolksnahrungsmittM Daß der Zucker kein bloßes Genußmittel, sondern ein wichtiger natürlicher Nährstoff ist, war zwar der Wissenschaft seit Menschenaltern geläufig, aber erst in den letzten Jahren hat diese Erkenntnis infolge neuerer Forschungen und anderer Umstände begonnen, allgemeineres Gut zu werden, so daß sich gegenwärtig selbst die Heeresverwaltungen, die Sportkreise, die Landwirtschaft usw. mit ausgedehnten Versuchen zu seiner planmäßigeren Nutzbarmachung beschäftigen. Gerade zu rechter Zeit erscheint daher auf dem Büchermärkte soeben ein kleines Werk, dessen Verfasser, ein bekannter naturwissenschaftlicher Schriftsteller, es unternimmt, die ganze „Zucker- Frage" ihrem augenblicklichen Stande gemäß gemeinverständlich und doch erschöpfend darzustellen. Es ist dies die Schrift: „Der Zucker in seiner Bedeutung für die Volks-Ernährung. Von Br. Theodor
Jaens'ch. Preis 1. Mk. (Berlin, Verlagsbuchhandlung PaulParey) — Nach einigen einleitenden Abschnitten, di- gewissermaßen eine kurz- gefaßte, von Grund aus aufgebaute kleine Ernährungslehre darstellen, geht den Versasser zu seinem Haupt-Gegenstande über, der tros der streng wissenschaftlichen Grundlage des Ganzen nunmehr auch dem Laren völlig verständlich wird. Besonders anschaulich und den neuesten Forschungs-Ergebnissen entsprechend ist hier u. a. die wichtige Rolle geschildert, die die tierische Stärke (Leberstärke, Glykogen) und der Traubenzucker im Stoffwechsel und Krastwandel des lebenden Körpers spielen; im Zusammenhangs damit finden sich die Versuche des französischen Gelehrten Chauveau mit ihren so auffallend zu Gunsten des Zuckers sprechenden Ergebnissen erläutert Weitere Abschnitte behandeln die Wirkungen des Zuckers auf die Muskel-Leistungen und die sich daraus für seine Anwendung im Heere, in der Arbeiter-Ernährung, im Sportwesen, auf Reisen usw. ergebenden Folgerungen; der Verfasser giebt auch eine interessante Anregung zu planmäßigen Versuchen, bezw zur Selbstbeobachtung hinsichtlich seines etwaigen Emflusses auf die geistige Arbeitsfähigkeit. Aus dem eingehenden Kapitel über Nährwert und Nährpreis (Nähr-Geldwert) wird man unter anderem mit Ueberrafchung entnehmen, daß sich der Zucker heulzutage — wenn man von einem gewiffen Mindestbedarf des Körpers an den sogenannten Eiweißstoffen absieht — in Beziehung auf seine Wirkungen im Durchschnitt als etwa 43 mal so billig wie Rindfleisch, also als ein wahres Volks- Nahrungsmittel darstellt, das in dieser Beziehung sogar dem Pferdefleisch und der Milch überlegen ist. Der Zucker erweist sich nämlich in seinen physiologischen Nährwirkungen als ein Sparmittel ersten Ranges; er ist ein Feit- und Eiweiß-Sparer und ein Kräfte-Schoner des Körpers in einer Person. Die angebliche Schädlichkeit des Zuckers für die Zähne in der landläufigen Volksmeinung, deren Grundlosigkeit schon so oft von den hervorragendsten Physiologen nachgewiesen worden ist, findet eine neue und nun wohl endgültige Widerlegung durch die vom Verfasser zum erstenmale mitgeteilten Versuchs des Chemikers Dantine. Auch die von Professor Jaeger aufgeworsene „Bläuungs-Frago", die nährwertlosen und von dem Zucker chemisch gänzlich verschiedenen künstlichen Süßstoffe (Teer- und Harnzucker), insofern sie zu Verfälschungen und dergleichen — z. B. in der Bierbrauerei — dienen, finden in dem Buche ihre sachliche und gründliche Erörterung. Ein kleiner, aber sehr bemerkenswerter Anhang behandelt schließlich die inneren und äußeren Heilwirkungen des Zuckers, die neuerdings großenteils in unverdiente Vergessenheit geraten zu sein scheinen, obwohl ihn noch der berühmte Hufeland in seiner „Makrobiotik" als „eines der ersten Stücke in unserer Haus-Apotheke" bezeichnete. Der Wert des Büchleins dessen Preis nur eine Mark beträgt, wird noch durch eine ganze Anzahl lehrreicher und brauchbarer Tabellen über Nährwert, Preise und dergleichen erhöht.
Lttterarisches.
Wie die Wochenstube nach Modernen hygieinischen Grundsätzen einzurichten ist, diele sür das Familienglück so ungemein wichtige Frage hat kein geringerer als Prof. Dr. Dührssen (Berlin) in Nr. 1 des neuen Jahrgangs der Zeitschrift „Baby" (Verlag Karl Messer & Ko., Berlin W. 35) mit der ihm eigenen Sachkenntnis und klaren Darstellungsgabe geschildert. In den letzten Jahrzehnten hat sich in dieser Beziehung durch die Kenntnis der Krankheitserreger sowie durch die Vervollkommnung der Antiseptik und Aseptik eine gegen früher völlig geänderte Hygieine der Wöchnerin herausgebitdet. Der Schutz derselben vor übertragbaren Krankheiten ist gegenwärtig ein viel größerer, als früher. Di-s in kurzen Zügen zu skizzieren, war die Aufgabe, die sich der geschätzte Frauenarzt gestellt hatte. Auch im übrig n enthält diese Nummer viel Anregendes und Belehrendes. Dr. Liebmann schreibt über „Geistig zurückgebliebene Kinder", und die preisgekrönte Arbeit über „Die erste psychische Erziehung" von Frau R.ferendar Wolff in Halle a. S. wird gewiß viele Damen interessieren. Mannigfache Er- ziehungsihemata und belletristische Beiträge zeichnen das reichhaltige Heft aus, dem auch zum erstenmale eine sehr zeitgemäße Beilage: „Die Gesundheitspflege der Frau" beigegeben ist. Mehr und mehr bildet sich die Halbmonatschrift „Baby" zu einem der beliebtesten Familienblätter aus. _____________
Citatenrätsel.
Nachdruck verboten.
Aus jedem der folgenden Citate ist ein Wort zu nehmen, sodaß sich ein neues Citat ergießt.
1. Anfangs wollt' ich fast verzagen.
2. Die Botschaft meldet, man habe dem neuen König von allen Seiten zngejnbelt.
3. Logik giebt's für keine Frau.
4. Des Menschen Engel ist die Zeit.
5. Ich bin es müde, über Sklaven zu herschen.
6. Fürchterlich ist einer, der nichts zu verlieren hat.
7. Wenn alle Tage im Jahr gefeiert würden, so würde Spiel so lästig sein wie Arbeit.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Charade in voriger Nummer.
Holzschuh.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


