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Eine zeitlang ging er im Zimmer auf und ab, danft wandte er sich zu ihr und sagte ruhig: Wollen Sie thun, was sch verlange?
Ja, gewiß.
Dann lesen Sie den Brief!
Sie blickte ihn unentschlossen an und öffnete den Brief. Nachdem sie wenige Zeilen gelesen hatte, rief sie im Tone des Bedauerns: Ach, er hat im vorigen Sommer meinem Brief nicht erhalten!
Natürlich nicht, murrte Robert, das haben Sie auch verdient, weil Sie den Brief diesem Schlummerkopf Jotham gaben, anstatt mir.
Ach, Robert, ich kann nicht fortfahren.
Lesen Sie weiter, erwiderte er ungeduldig, oder ich gehe sogleich davon!
Sie las und nahm sich vor, eine unbewegliche Miene beizubehalten, aber er sah, daß jedes Wort wie ein elektrischer Schlag auf ihr Herz fiel. Als sie geendigt hatt, entfiel ihr der Brief und sie begann so bitterlich zu weinen, daß er seinen eigenen Kummer vergaß.
Weinen Sie nicht, Mildred, bat er, ich kann es nicht ertragen!
Robert, lesen Sie den Brief!
Nein, erwiderte er heftig, ich hasse ihn, ich könnte ihn vernichten, aber er soll kein Recht haben, mich anzuklagen; Dieser Brief war nur für Ihre Augen bestimmt. Da es sein muß, so gebe Gott, daß er sich würdig erweist, aber seine Worte wären mir Natterngift.
Fortsetzung folgt.
Die jüngste Palastrevolution in China.
Von Heribert von Hiller-Sternberg.
Nachdruck verboten.
Wer in langer Reihe die Equipagen mit ihren geschmückten Insassen zum Feste in der prächtig erleuchteten .Kaiserburg heranrollen sieht, oder Monarchen nur beobachtet hat, wenn sie von einer fröhlich gestimmten Volksmenge bejnbelt werden, kurzum, wer von dem Leben der Fürsten nur die äußere glänzende Schale kennt, ist leicht geneigt, sie ob ihrer Machtfülle und des höfischen, sie umgebenden Glanzes zu beneiden.
In einem wohlgeordneten Staate, wo wenigstens das Leben des Fürsten, abgesehen von den Mordversuchen halb verrückter Attentäter, gesichert ist, mag solcher Neid für dasjenige Temperament immerhin einige Berechtigung haben, welches zur Befriedigung der süßen Begierde zu herrschen, geneigt ist, die Unbequemlichkeiten der fürstlichen Repräsentationspflichten mit in den Kauf zu nehmen. Wo aber innerhalb der Patastmauern tagtäglich der Mord den Träger der Krone umlauert, wie es in der Geschichte Rußlands lange Zeit der Fall war, und in jener der Türkei, Persiens und anderer orientalischer Staaten noch heute üblich ist, da wird das Diadem zur Dornenkrone, und das Leben des der Politik fernstehenden Privatmannes ist dem des Fürsten unbedingt vorzuziehen.
Von der Richtigkeit derartiger Lebensweisheit wird man recht gründlich überzeugt, wenn mau das Schicksal des Mannes würdigt, der int Alter von 29 Jahren vor kurzem der Herrschaft über 400 Millionen Menschen entsagt und, wie der Telegraph meldete, bald darauf durch Selbstmord geendet haben soll, oder, was /ebenso gut möglich ist, vielleicht umgebracht worden ist. Statt seiner, der int zarten Alter von 4 Jahren aus den Thron kam, der für ihn wohl stets eine Bürde war, hat man wiederum einen neunjährigen, unmündigen Knaben, den Prinzen Tu-Tsing, ans den Thron gesetzt, unb die intrigante, herrschsüchtige Frau, die Kaiserin-Witwe Tsze-Hsi, welche thatsächlich seit fast 40 Jahren die Lenkerin der Geschicke Chinas ist, hat mit diesem Staatsstreich ihre Herrschaft wiederum auf lange gesichert.
Als Kaiser Hien-fong, der int Jahre 1851 auf den Thron gekommen war, am 12. August 1861 auf der Flucht vor den Franzosen in Jehol starb, hinterließ er feine rechtmäßige Gemahlin, die sogenannte östliche Kaiserin, die kinderlos war, und eine Kaiserin des Westens, welche ursprünglich eine kaiserliche Konkubine fünften Ranges, ihren hohen Rang dem Umstande verdankte, daß sie dem Kaiser einen Sohn geschenkt hatte, den int Jahre 1855 geborenen Ki-tsieng, welcher seinem Vater auf dem Throne folgte. Neben und mit den beiden Kaiserinnen führte' der vielgenannte Prinz Kung, unterstützt von einem acht- köpfigen Regentschaftsrat die Regierung. Diese Kaiserin des Westens ist dieselbe Tsze-Hsi, die jetzt wiederum die Zügel der Gewalt ergriffen hat. Dank ihrer geradezu hervorragenden Geistesgaben genügte die kurze Zeit von August bis November 1861, um sie vollkommen zur Herrin der Situation zu machen. Sie schaffte sich den ihr lästigen Regentschaftsrat dadurch vom Halse, daß sie dessen drei bedeutendste Mitglieder, die Prinzen
I und Ching, und den Sii-Shuen des Hochverrats anklagen ließ. Die beiden ersteren wurden zur Selbstentleibung verurteilt, während Sii-Shuen, öffentlich enthauptet wurde; die übrigen fünf wurden einfach ihrer Aemter enthoben.
Nun hatte die ehrgeizige Frau freie Bahn; denn obwohl den Verfügungen der Name der östlichen Kaiserin zuerst genannt wurde, war Tsze-Hsi doch die Seele des Ganzen. Wenn man gerecht sein will, muß man zugeben, daß ihre Regierungsthätig- feit, welche sie nun 12 Jahre hindurch für ihren unmündigen Sohn ausübte, dem Lande zum Segen gereichte. Die Rebellionen der Taipings und Nieusei wurden unterdrückt, ebenso die Aufstände der Muhamedaner in Mrnan und Turkestan gedämpft, und es begann für China eine Periode des gemäßigten Fortschrittes. Unterstützt von einer Reihe thatkräftiger Minister, widmete sich Tsze-Hsi mit unermüdlichem Fleiße der Erledigung der Regierungsgeschäfte, und niemand, der die Verhältnisse kennt, kann leugnen, daß ihren eminenten Fähigkeiten auch die Erfolge entsprachen.
Diese Thätigkeit sand zunächst ihren natürlichen Abschluß, als der großjährig gewordene Kaiser Tung-chi im Februar 1873 selbst die Regierung übernahm, nachdem er sich wenige Monate vorher eine Frau ausgesucht hatte. Indes Tung-chi starb schon im Januar 1875, wie der offizielle Hofbericht besagte, an den schwarzen Blattern, wahrscheinlich aber infolge der grenzenlosen Ausschweifungen, deren Stätte übrigens keineswegs der 1200 Frauen enthaltende kaiserliche Harem war, sondern zu denen er außerhalb der Kaiserburg an den bedenklichsten Orten Pekings Gelegenheit fand. Ein leiblicher oder Adoptiverbe war nicht vorhanden, und der nächste in Frage kommende Thronerbe, ein Sohn des Prinzen Kung, ein Wüstling schlimmster Sorte. Unter diesen Umständen setzte sich Tsze-Hsi über alle Bedenken fort, und eilte persönlich bei Nacht in den Palast ihres Schwagers, des Prinzen Chun, der ihre Schwester zur Gemahlin hatte, und setzte deren Sohn, also ihren Neffen, den vierjährigen Kwang-sü, den jetzt eben abgedankten Kaiser, auf den Thron. Noch in der Nacht fand die Huldigung der höchsten Hofchargen statt, und da an der Ergebenheit der den kaiserlichen Palast schützenden Truppen nicht zu zweifeln war, vollzog sich der Thronwechsel ohne Schwierigkeit.
Von Rechtswegen hätten nun die beiden alten Kaiserinnen zu Gunsten der jungen Witwe Tuug-Chi's, Namens Mute, zurücktreten müssen. Das geschah aber nicht; denn Alnte starb kurz darauf eines plötzlichen Todes. Mit Sicherheit sind die ihr Ableben begleitenden Umstände nie in die Öffentlichkeit gedrungen. Im Volke raunte man sich zu, daß sie von den beiden alten Kaiserinnen durch Gift aus dem Wege geräumt worden sei; nach einer anderen Version wäre sie trotz ihres hochschwangeren Zustandes gezwungen worden, auf den holprigen Wegen Chinas der Leiche ihres Mannes in einem Wagen zu folgen, und sei an den Folgen einer dadurch herbeigeführten, vorzeitigen Entbindung samt ihrem Kinde gestorben. Dem gegenüber hebt ein so ausgezeichneter Kenner Chinas wie M. von Brandt, der gerade damals das Deutsche Reich in Peking vertrat, hervor, daß der Hofbericht, die Kaiserin habe durch freiwilligen Hungertod geendet, allen Glauben verdiene, da sie schon kurz zuvor den vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich durch Erhängen zu entleiben.
Mag dem nun sein, wie ihm wolle, thatsächlich waren nun die beiden alten Kaiserinnen wieder am Ruder, und bis zur Großjährigkeit Kwang-süs mußte ein Zeitraum von 14 Jahren verstreichen. Beide Damen übten nun wieder anscheinend gemeinsam ihr Herrscheramt, während in Wirklichkeit die energische Tsze-Hsi that, was sie wollte. Auch diese zweite Periode ihrer Regierung strebte denselben Zielen zu wie die erste. Der grenzenlose Hochmut des Chinesen gegenüber den roten Teufeln, den Europäern, erlitt eine Abschwächung, insofern als man regie- rungsseits ständige Gesandtschaften in Berlin, London, Paris, Petersburg und Washington einrichtete und lebhafte Beziehungen mit den europäischen Staaten unterhielt; die von letzteren aus Anlaß von Ermordungen europäischer Staatsangehöriger durch den von den Reaktionären aufgehetzten chinesischen Pöbel geforderten Entschädigungen wurden willig gezahlt, das chinesische Meer von der Seerstuberplage gesäubert, und der beste Beweis, daß man auch im Volke nun vom Ausland Notiz nahm, ist die chinesische Auswanderung, welche sich nun über die Küstenländer des Stillen Ozeans ergoß, von den dortigen Bevölkerungen aber begreiflicherweise mit scheelen Augen angesehen wurde.
Was das Wichtigste gewesen wäre, eine gründliche Reform der Verwaltung und vor allem des Heeres, konnte freilich selbst Tsze-Hsi nicht durchsetzen, welche nach dem im Jahre 1881 erfolgten Ableben der östlichen Kaiserin allein die Regentschaft weiterführte.
Anfang März 1889 legte sie die Macht in die Hände ihres inzwischen großjährig gewordenen Neffen, der seitdem durch els Jahre auf dem chinesischen Thron gesessen hat. Es ist vielleicht nicht uninteressant, daß Tsze-Hsi ihm schon im Jahre 1887 die llebernaljme der Regierung angeboten und dieselbe nur auf seinen ausdrücklichen Wunsch noch zwei Jahre weitergeführt hat.
In der nächsten Zeit enthielt sie sich gänzlich der Staatsgeschäfte und befaßte sich ausschließlich mit der Melioration ihrer großen Liegenschaften. In der chinesischen Staatsmaschine jedoch


