Ausgabe 
11.2.1900
 
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hatte ihm ihr Vorhaben mitgeteilt. Als sie das Ende des Durchgangs erreichten, erwachte die Angst der Mädchen;, dem: viele rohe Gesichter starrten sie an. Ohne auf sie zu achten, machten sie einen kurzen Spaziergang und kehr­ten zurück. Eine noch größere Anzahl von gefährlich aus­sehenden Gestalten versperrte den Eingang.

Gebt den Weg frei! rief Robert kurz.

Als Antwort darauf schlug ihm ein großer Mensch den Hut vom Kopf, erhielt aber sogleich einen Schlag auf das Auge, der ihn zu Boden geworfen hätte, wenn er nicht durch die Menge gehalten worden wäre, die sich jetzt auf den jungen Mann stürzte.

Hinaus auf die Straße! rief er den Mädchen zu, aber sie wurden zurückgedrängt und von einigen der Bande festgehalten, welche ihnen den Mund zuhielten, doch nicht ohne, daß sie zwei durchdringende Hilferufe ausstoßen konnten.

Robert befand sich nach einem kurzen, verzweifelten Kampfe mit dem Rücken an der Wand und teilte Schläge aus wie mit einem Schmiedehammer. Aber unter seinen Gegnern waren einige Faustkämpfer, und er kam in schwere Bedrängnis, als ein Schutzmann herbeistürzte und links und rechts mit seiner Waffe um sich schlug. Die Bande zerstreute sich sogleich, doch zwei wurden gefangen. Halb tot vor Schrecken wurden die Mädchen von Robert in ihre Wohnung geführt, und dann suchten sie die Wunde ihres Verteidigers zu. verbinden. Das Haus wurde von der Polizei bewacht. Am folgenden Tag wurde eine andere Wohnung gefunden, und Robert erschien als Zeuge gegen die Strolche, welche verhaftet worden waren.

XXXII.

Sonnenstrahlen.

Die neue Wohnung machte anfangs einen sehr guten Eindruck, und die Nachbarn schienen ruhige, gutmütige Leute zu sein. Selten verging ein Abend, wo Robert nicht einige Stunden bei seinen Freunden zubrachte oder die Mädchen ins Freie führte. Einen Teil des Sonntagnach­mittags brachten sie gewöhnlich im Zentralpark zu.

Einer der sehnlichsten Wünsche Mildreds ging jetzt in Erfüllung, denn ihr Vater hatte nuch langem Wider­stand endlich eingewilligt, in eine Anstalt zu gehen, um Heilung zu suchen. Frau Howell erlangte neuen Mut, und ihre Gesundheit besserte sich. Auch Bella blühte wieder auf. Jenes Gespräch mit Robert hatte dauernden Einfluß, und ihre bittere, hoffnungslose Stimmung war verschwun­den. Unter seinen Arbeitsgenossen hatte Robert zwei oder drei ehrenwerte, junge Leute gefunden, welche er ein­führte, und selten verging eine Woche im Mai oder Juni, ohne eine Partie auf einem Dampfer auf die Bai hinaus, was auch Mildred Vergnügen gewährte.

O, Robert, Sie lassen mich weit hinter sich, sagte Mildred plötzlich mit einem träumerischen Blick auf das glänzende Meer.

Was meinen Sie damit, Mildred?

Nun, Sie erklimmen die Spitzen der Wissenschaft und können keine Freundin brauchen, welche nichts weiß und nichts versteht, was Sie thun.

Ich werde auf Sie warten, Mildred, Sie sollen nicht allein zurückbleiben.

O nein, rief sie im Ernst, Ihre Verwandten glauben, daß wir Sie zurückhalten, und das darf nicht sein! Sie wissen, ich habe meinen Willen.

Einen Monat, nachdem Howell in einer Heilanstalt ausgenommen war, kehrte er zu seiner Familie zurück. Er war sehr verändert. Sein Wesen gegen seine Familie war voll Zärtlichkeit, und er war eifrig bemüht, seine Um­stände zu verbessern. Bei der Erinnerung an die schweren Leiden während des Anfanges seiner Kur in der Anstalt schrak er mit Entsetzen zurück vor dem bloßen Gedanken an seine frühere Sklaverei. Seine krankhafte Gier nach dem Gift war oft so schrecklich stark, aber er bekämpfte sie mit grimmigem Haß, und seine Familie gewann die Sicherheit, daß ihr der Vater wiedergegeben sei. Er konnte Robert nicht genug danken, und die Sprache seiner Augen war beredt, wenn der Name des jungen Mannes genannt wurde. Dem Geistlichen gelang es, einen Geschäftsmann für Howell zu interessieren, eine Stelle wurde für ihn geschaffen, und wenn auch anfangs der Gehalt klein war,

so bot sie doch bessere Aussichten bei fernerer Enthalt­samkeit.

Im Juli erhielt Robert einen Urlaub und ging nach Hause, um seine Eltern zu besuchen. Er war so freundlich und rücksichtsvoll, daß selbst der alte, brummige Atword genötigt war, zu gestehen, daß sein Sohn ein guter Mann geworden sei. Die Mutter war entzückt über ihn und schrieb auf seinen Antrieb einen freundlichen Brief an Mildred, der das junge Mädchen sehr glücklich machte. Roberts Schwester, Susanna, stand ganz auf seiner Seite. Klara Bute war die glückliche Frau eines wohlhabenden Farmers geworden und sandte Bella und Mildred eine dringende Einladung zu sich aufs Land. Mildred wollte ihre Eltern nicht verlassen, aber Bella folgte freudig dem Ruf, und das fröhliche Mädchen verursachte manchem Unter den länd­lichen Stutzern ein mehr als mildes Herzweh.

XXXIII.

Trügerische Hoffnungen.

Der Himmel schien hell und heiter geworden zu sein, aber bald sammelten sich neue Wolken am Horizont und ganz unerwartet traf der erste Schlag Robert. Zwei Tage vor seiner Rückkehr zur Stadt fand er auf dem Postamt einen Brief mit einer ausländischen Briefmarke, der an ihn adressiert war zur Uebergabe an Fräulein Mildred Howell. Er erkannte sofort die Handschrift und sah den Brief an wie sein Todesurteil. Er war von Arnold Vinton. Mit Mühe überstand Robert auf der Rückreise der Ver­suchung, den Brief zu zerstören. Er hatte gehofft, daß Mildred lernen werde, ihn zu lieben, und er war sicher, wenn Arnold nicht erscheine, werde seine Sehnsucht einst Befriedigung finden. Der Brief, den er berührte, als ob er Dynamit enthielte, mußte aber alle seine Hoffnungen vernichten; denn er kannte Mildred besser als sich selbst. Sie glaubte, Arnold habe sie aufgegeben, ihr Herz war betäubt von langem Schmerz. Dieser Brief aber mußte die alte Liebe mit neuer Kraft entzünden. Lange Stunden bekämpfte er die Versu<chung wie ein Held, dann endlich gewann er den Sieg.

Beim Abschied flüsterte ihm seine Mutter zu: Robert, Fräulein Howell hat Dir etwas gegeben, was besser ist als all das Geld Deines Onkels, ich freue mich, daß es so ge­kommen ist.

Am Nachmittag nach seiner Ankunft in der Stadt ging er seinem Schicksal entgegen. Frau Howell begrüßte ihn wie einen Sohn. Nie zuvor war ihm Mildred so schön erschienen, doch zuweilen sah sie ihn fragend an, da er seine Angst nicht ganz verbergen konnte.

Mas ist Ihnen, Robert? fragte Mildred, als ihre Mutter das Zimme>r> verlassen hatte.

Nach kurzem Zögern erwiderte er: Hier, nehmen Sie das! Das war die schwerste Last, die ich jemals in meinem Leben getragen habe.

Er reichte ihr den Brief.

Als sie die Handschrift erkannte, zitterte sie, heftig erbleichend, und verbarg das Gesicht in den Händen.

Ich wußte, daß es so kommen werde, sagte er.

Sie sprang auf, ließ den Brief zur Erde fallen und klammerte sich an ihn.

Robert, rief sie, ich will den Brief nicht lesen! Ich will ihn nicht anrühren, niemand soll zwischen uns kommen!

Mildred, sagte er fast streng, der Schreiber des Briefes hat ein Recht, zwischen uns zu kommen, er ist schon zwischen uns! Es hilft nichts, die Wahrheit zu verheimlichen. Lesen Sie Ihren Brief!

Ich kann es nicht, sagte sie wieder.

Natürlich nicht, so lange ich hier bin, und doch möchte ich mein Schicksal gern wissen; denn die Spannung ist zu schwer zu ertragen. Ich hoffe, er wird Ihnen schreiben, daß er die Tochter des Großmoguls geheiratet oder sonst eine reiche Partie gemacht hat! Aber es ist thöricht, zu hoffen! Leben Sie wohl, lesen Sie Ihren Brief in Frieden! Ich hätte Ihnen den Brief bringen und sogleich Weg­gehen sollen, ein Ertrinkender aber greift nach allem.

Robert, rief sie entschlossen, indem sie sein bleiches Gesicht anschaute, ich werde diesen Brief verbrennen, ohne ihn zu öffnen, wenn Sie wollen! Ich werde alles thun, was Sie sagen.