Ausgabe 
11.1.1900
 
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Warst Du nicht auch einmal ein Provisor?" Nun ja,, und?"

Und ist unser Provisor, Herr Schlegel, nicht so geschäfts­tüchtig und kenntnisreich, daß Du ihn anfangs nicht genug loben konntest?" \ H

Man muß Geschäft und? Familie auseinanderhalten. Als Provisor mag er bleiben, so lange er will, zum Schwiegersohn paßt er mir nicht. Und ich werde ihm direkt verbieten, heute Abend mit Emmy zu tanzen, das hast Du davon".

Was? Verbieten, mit Emmy zu tanzen? Das ist geradezu empörend. Im Gegenteil, er ist verpflichtet dazu. Denkst Dn, ich habe Lust, meine Tochter die Wand zieren zu sehen?"

Sie wird genug zu tanzen kriegen".

Und wenn Du Dich täuschest?"

Dafür laß mich sorgen", sagte Herr Baumann, sich in die Brust werfend.Tänzer werde ich ihr nötigenfalls massenhaft besorgen".

Aber", wagte Frau Baumann noch einen letzten Versuch, ich glaube bestimmt, daß Emmy die Liebe des Provisors er­widert".

Ja, ja, ich glaube, sie wird aber auch einen Andern lieben, sie soll sich den feschesten Offizier auf dem Ball aussuchen, ich gebe ihn ihr".

So? Das ist liebenswürdig von Dir. Nun, ich werde Dich beim Wort nehmen".

* * *

Der Ball war in der That so glänzend, wie ihn die kleine Stadt bisher noch nicht gesehen hatte. Ein Meer von duftigen Ballkleidern, schwarzen Fräcken und bunten Uniformen wogte in dem Saale der Ressource hin und her. Und in diesem Meer war die kleine Emmy Baumann nur ein Tropfen! Was hals es ihr, daß sie in ihrer rotseidenen Umhüllung so wunderhübsch aussah, an diesem Abend hatte sie besonderes Unglück, die Tänzer gingen an ihr vorüber, als ob sie Siegfrieds Tarnkappe aufgesetzt hätte. Was sie aber am meisten kränkte, war, daß nicht einmal Victor unter diesem Namen dachte sie an den Provisor, Herrn Schlegel sie zum Tanz aufsorderte. Er ließ sich gar nicht einmal sehen. Frau Baumann verging vor beleidigtem Mutterstolz. Sobald sie ihres Gatten habhaft werden konnte, zog sie ihn beiseite.

Du mußt für Emmy Tänzer besorgen".

Aber,- Clotilde"

Wie? Jetzt weigerst Du Dich schon, Dein Versprechen einzulösen? Aber meine Geduld hat nun ein Ende, und ich lasse mich von Dir nicht länger tyrannisieren. Entsinnst Du Dich vielleicht unseres Gespräches? Du meintest, Emmy könne unter den Offizieren aussuchen, wen sie wolle"

Aber Du wirst doch nicht einen Scherz"

So entgehst Du mir nicht. Besorge Tänzer für das arme Kmd, oder" Frau Baumann machte eine energische Bewegung Du bist nicht wert ihr Vater zu sein".

Damit wandte sie ihrem Gatten den Rücken und rauschte auf ihren Platz. Der Apotheker seufzte und begann sich einen Feldzugsplan zurechtzulegen. Während er nachdachte, fiel sein Blick auf den Assessor Hennig, dessen Partner beim Whistspiel er oft genug gewesen war, also gewissermaßen einen guten Freund. Schon stand er neben ihm.

Ein schöner Ball, Herr Assessor".

Gewiß, Herr Baumann! Alles eitel Lust und Freude".

Nur die armen Mädchen haben es schlecht", schoß der Apotheker direkt auf sein Ziel los,es sind ihrer zu viele, und der Tänzer verhältnismäßig zu wenige".

Ganz recht, Herr Baumann".

Meine Emmy muß ebenfalls darunter leiden"

O, dem läßt sich abhelsen", rief der freundliche Assessor, rch werde sofort mit Ihrem Fräulein Tochter tanzen."

Baumann sandte dem davoneilenden Assessor Segenswünsche nach. Aber was war das? Nicht vor Emmy verbeugte er sich, sondern vor der Tochter seines Konkurrenten, des zweiten Apothekers der Stadt. Diese Verwechslung war dem Assessor kaum zu verdenken, denn die beiden Apothekerstöchter befanden sich ungefähr int gleichen Alter, und der Assessor kannte sie nur von einigen Gesellschaften her, auf denen er mit den beiden Damen wenig getanzt und noch weniger gesprochen hatte. Herr Baumann mußte sich also nach einem zweiten Angriffsobjekt um sehen. An einer Säule lehnte der Arzt Doktor Mühlheim, oer seiner liebenswürdigen und hnmanen Gesinnung wegen in der ganzen Stadt geschätzt war.

Wenn er human ist", dachte der Apotheker,dann muß er ja mit Emmy tanzen, und er kennt sie wenigstens genau".

Ein schöner Ball, Herr Doktor", begann er nach erprobtem Rezept.

Nun in!, Aber die Atmosphäre ist ungesund".

Ja, das ist nun einmal so. Wenn die armen Mädchen nur etwas mehr zu tanzen hätten".

Ja, ja!"

Auch meiner armen Ümimy geht »e schlecht -*

Wirklich? Wenn Sie gestatten, helfe ich Ihrem Fräulein Tochter"

Und fort war er. Der Apotheker sah ihm nach. Jetzt stanh er vor Emmy, er sprach mit ihr, und jetzt alle Wetter! --- jetzt streckte sie die Zunge gegen den Arzt heraus. Dieser lächelte, verbeugte sich und verschwand in der Menge. Herr Baumann eilte zu seiner Tochter.

Wie konntest Du Dich unterstehen, gegen Herrn Doktor Mühlheim die Zunge herauszustrecken?"

Aber er wollte doch sehen, ob meine Zunge belegt sei. sagte. Du hättest selbst zu ihm geäußert, mir wäre nicht wohl"

Nun,warte, armes Kind, es wäre doch kurios, wenn ich Dir nicht helfen könnte".

Er eilte zunächst ans Büffet, um ein kühles Glas Bier zu trinken, denn er war stark in Schweiß geraten. Auch innerlich kochte es in ihm, und er verwünschte den ganzen Ball. Ein Bekannter trat an ihn heran und forderte ihn zu einer Whist­partie auf. Wie gern hätte er zugesagt! Aber nein, er mußte seiner Tochter Tänzer besorgen. Er erinnerte sich aus seiner Jugendzeit, daß er sebst ein ziemlich fauler Tänzer gewesen war. Wie oft hatjte er an der Saalthür gestanden und bett Wandschmuck", dieMauerblümchen" mit einer Art Befriedi­gung betrachtet. Die könntest Du jetzt glücklich machen, wenn Du einmal mit ihnen herumtanztest, hatte er bei sich gedacht, ohne sich zu rühren. Das war nun vielleicht die rächende Nemesis! Jetzt konnte er sich recht in die Sage so eines armen Mädchens hineinversetzen, und das lebhafte Mitgefühl mit seiner Tochter trieb ihn zu neuen Heldenthaten.

Da saß der junge Wilker, nur ein Posteleve, aber immerhin ein Tänzer, und betrachtete mit einer gewissen Wehmut feine etwas plumpen Stiefel.

Mein lieber Herr Wilker,- tanzen Sie denn gar nicht?" O in"; stotterte der junge Mann verlegen,d. h. augen­blicklich tanze ich nicht".

Und warum nicht? Es ist eine sehr gesunde Bewegung. Wahrscheinlich kennen Sie zu wenig Damen, ich will Ihne« einige vorstellen".

Sehr liebenswürdig, Herr Baumann, jawohl, aber eigentliche kann ich nicht tanzen, d. h. ich tanze sehr gut, nur meine Stiefel versagen mir den Dienst hehehe, aber sie halten keinen Takt. Ich habe mir schon bei dem vierte« Schuhmacher Stiefel bestellt, aber"

Das ist nichts als Schüchternheit, lieber Herr Wilker, kommen Sie nur!"

Aechzend, aber doch befriedigt schleppte er den jungen Mann zu Emmy, stellte ihn vor und hatte endlich die Genugthuung, das Paar zum Tanz antreten zu sehen. Jetzt hatte er den Mut, nach neuen Opfern auszuschauen. Er spähte in alle Winkel der Nebenzimmer, und eben lüftete er eine Portiere, um hinter die­selbe zu lugen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Manu, willst Du denn durchaus keine Tänzer für Emmtz besorgen?"

Baumann wandte sich um und starrte seine Gattin entsetzt au.

Aber ich will ja in diesem Augenblicke--,, und Üch

habe ihr dort den Postmenschen vorgestellt".

Ja, das hast Du", sagte Frau Baumann höhnisch,und damit hast Du Emmy dem Gespötte des ganzen Saales preis- gegeben. Dieser Wilker ist ja gar kein Menschs er ist ein 'Elephant, und vom Tanzen hat er keine blasse Ahnung. Emmy hat Schanden halber einmal herumgetanzt und war dann froh, daß! sie mit einer abgetretenen Spitze wieder auf ihren Platz kam".

Nun, ich will sehen, was ich thuu kann;" murmelte Herr Baumann mit der Miene eines Verurteilten. Er eilte davon. In einem Hinterzimmer sah er Herrn Schlegel, den Provisor, bei einem Glase Wein sitzen und trübselige- Gesichter schneiden. Der kam ihm gerade recht.

Er hatte es mit seinen Gehilfen immer so gehalten, daß sie nicht wagen dursten, mit der Tochter des Hauses zu tanzen. Dagegen mußten, sie bereif sein, einzuspringen, wenn's besagter Tochter au Tänzern fehlte.

Herr, weshalb tanzen Sie nicht? Sie wissen, ich kann das Faullenzen nicht leiden", herrschte er ihn an.

Verzeihen Sie,- Herr Baumann, in der Apotheke sind Sie mein Vorgesetzter, hier aber---"

Nun, nun, ich habe es nicht so schlimm gemeint. Gehen Sie hin und tanzen Sie ein wenig mit Emmy".

Sie erlauben es, Herr Baumann?" rief der Provisor; freudestrahlend sprang er-auf und war in einem Nu verschwunden.

So, jetzt hat sie einen Tänzer", lächelte der Apotheker grimmig,und nun suche ich mir eine Whistpartie zusammen und stecke die Nase nicht mehr in den Ballsaal".

Und Herr Baumann spielte unentwegt Whist. Leider nahte aber die Stunde des Soupers, und er mußte an seine Familie denken. Düstere Ahnungen zwangen ihn, sich auf neue Stürme von feiten feiner Gattin gefaßt zu machen. Er hatte sich nicht getäuscht.