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beabsichtigt, als einen wohlgemeinten Versuch, die scharfen Ecken der Farmersfamilie abzurunden und das harte Leben zu mildern, und Robert hatte nur seinen Anteil an diesen wohlwollenden Bemühungen erhalten. Aber Fleisch und Geist sind nicht Holz und Stein, und zu ihrer großen Ueberraschung sollte sie bald erfahren, daß ihr Bestreben nach einer angenehmen Aenderung in Aeußerlichkeiten auch einige der stärksten Motive und Kräfte erweckt hatte, welche dem Leben Gestalt und Farbe verleihen.
In sorgloser Unwissenheit über solche Möglichkeiten sagte sie nach Tisch, als sie sich versammelten, um zur Kirche zu fahren:
„Sie haben uns angenehm überrascht dadurch, daß Sie den Wagen so hübsch hergerichtet hoben. Er sieht so ein ladend aus, und es wird ein Vergnügen sein, darin zur Kirche zu fahren."
Ihre Worte waren sehr einfach, aber sie sprach sie mit der ihr eigenen Grazie, während sie den Handschuh über ihre feine Hand zog. In ihrem hübschen Sommeranzug mit der leichten Röte auf ihren Wangen erschien sie ihm wie ein Bild der Vollkommenheit, und das junge Mädchen konnte ein Lächeln nicht unterdrücken über die beinahe knabenhafte Aufrichtigkeit seiner Verwunderung.
„Sie haben mir auch eine angenehme Ueberraschung bereitet, sagte er tief errötend."
„Ich?" fragte sie.
„Ja, Sie haben eine angenehme Veränderung veranlaßt, und das Frühstück war etwas besseres, als eine bloße Gelegenheit zum Essen. Unter Ihrem Einfluß fühlte ich, daß ich Jotham nicht so nahe stehe, als ich fürchtete.
Ich will ebenso aufrichtig sein, erwiderte sie lachend, Sie sind ihm auch nicht so ähnlich, als ich fürchtete.
Frau Howell kam mit Bella und den Kindern die Treppe herab.
Ich verstehe Sie, sagte Robert und entfernte sich hastig.
Ich glaube, der junge Barbar kann civiltsiert werden, dachte Mildred lächelnd.
Das Mittagessen war ein noch größerer Erfolg, als daS Frühstück. Frau Howell tauschte mit der Farmersfrau Ansichten über das Hauswesen aus, und jede der beiden Frauen fühlte, daß sie von der anderen lernen konnte. Frau Howell fürchtete, daß eine lange Periode der Armut ihr bevorstehe, und war daher bestrebt, von der ländlichen Hausmutter zu lernen, wie auch mit kleinen Dingen Erfolge zu erzielen seien. Mildred füllte eine Vase mit Blumen, welche vor dem Hause unbeachtet blühten, und stellte sie auf den Tisch. Sie war sehr belustigt über die Wirkung dieser That auf Robert.
Ich hätte nicht geglaubt, sagte Robert, daß etwas so unbedeutendes einen so großen Unterschied machen könnte.
Was für einen Unterschied? fragte der Alte.
Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, erwiderte Robert, aber man wird daran erinnert, daß man sich an vielem erfreuen kann, was man nicht in den Mund, oder in die Tasche stecken kann.
Mister Robert, rief Bella, Sie machen Fortschritte! Ich wußte nicht, daß es bisher Ihre Art war, alles, was Ihnen gefällt, in den Mund oder in die Tasche zu stecken. Man hat doch oft keine Ahnung, welcher Gefahr man entgangen ist.
Ich habe nie gesagt, daß Sie mir gefallen, erwiderte der junge Mann kampfbereit.
Nein, aber wenn ich sehen würde, daß irgend etwas anderes Ihnen gefällt, dann könnte ich Angst bekommen. Dabei blickte sie schalkhaft nach Mildred.
Aus unbekannten Gründen geriet er plötzlich in Verwirrung bei diesem Ausfall. Mit einem warnenden Blick auf die unverbesserliche Bella, deren Lebenselement Scherz und Mutwillen waren, begann Mildred mit dem alten Farmer über das große Hotel zu sprechen, das einige Meilen entfernt war.
Möchten Sie es sehen? fragte Robert nach einer Weile. Nein! erwiderte sie, durchaus nicht!
Sie schrak zurück bei dem Gedanken, Leuten zu begegnen, die sie in der Stadt gekannt hatte.
Sie ist gar nicht hochmütig, sagte Susanne später zu ihrer Mutter, und wir hätten das schon früher einsehen können.
Es thut mir leid um diese Leute, Robert, wandte sich Frau Atword an ihren Sohn. Als ich vor einer Weile die Treppe hinaufging, Härte ich, wie die Frau in ihrem Zimmer weinte, und als ich mit der Lampe herabkam, begegnete ich der jungen Dame auf der Treppe mit verweintem Gesicht. Sie haben schwere Sorgen. Was kann es nur sein? Es ist doch sonderbar, daß Howell nicht kommt, um nach ihnen zu sehen. Ich hoffe, man kann ihnen nichts nachsagcn!
Gewiß nicht, Mutter, brach er ungestüm aus, — ihr gewiß nicht! Hastig verließ er das Zimmer.
Nein, was jetzt in dem alten Hause vorgeht! bemerkte die alte Frau.
Es war in der That etwas vorgegangen, — Roberts Knabenzeit war vorüber.
(Fortsetzung folgt.)
Leiden eines Ballvaters.
Von Dr. Max Hirschfeld.
------- (Nachdruck verboten.)
Bei Apothekers wurden Thüren auf- uud zugeschlagen. Das Dienstmädchen stürzte mit einem Kruge heißen Wassers nach dem Schlafzimmer, stolperte und verbrühte mit dem verschütteten Wasser den Hund, dessen Heulen nun durch das ganze Haus schallte. Der Lehrling lief mit einer Schachtel gepulverter Borsäure, die er in der Eile statt des Reispuders gegriffen hatte, nach der Küche anstatt in den Salon, der als Toilettezimmer diente, weil dort die großen Spiegel hängen, und die Köchin mußte ihn zur Besinnung bringen, indem sie ihn beim Kragen nahm und ihm auf den Rücken klopfte, als ob er an einem Husten-Anfall litt. Denn auch sie verwechselte in der Hast den Lehrling mit dem alten Hausdiener. Im Salon stand Emmy in ihrem Ballstaat vor dem Spiegel, und ihre Mutter kreiste um sie herum, wie die Erde um die Sonne, während der Mond des Herren Apotheker Baumann hinter einer Zeitung hervorleuchtete, die er in einer Ecke des Salons las. Immer wilder und leidenschaftlicher wurden die Umkreisungen der Mutter-Erde, bis sie endlich erschöpft stehen blieb und ausrief:
„Nein, so sieht es geradezu abscheulich aus, himmelschreiend geschmacklos, — geh' ins Schlafzimmer, die Schneiderin soll sämtliche Schleifen umsetzen. Sie weiß schon, wie ich's meine."
Emmy entfernte sich gehorsam. Wie ein Habicht auf die' Taube stieß Frau Baumann nun auf ihren Gatten und rief: „August!"
„Ja. ■— was denn —, wie Du mich erschreckst--"
„Hast Du gesehen, wie rot Emmy war, — ganz gegen ihre sonstige Art, — sie hat das Ballfieber".
„Unsinn!" erwiderte ihr Gatte. 7,Als ob es ihr erster Ball wäre! Neunzehn Jahre ist sie alt, — bald alte Jungfer!"
,Bald alte Jungfer? Und wann ist man alte Jungfer?" rief seine Frau entrüstet.
„Nun, so von fünfundzwanzig fängt's an".
„Sehr angenehm zu hören! Dann hat der Herr Apotheker BanmanN eine alte Jungfer geheiratet, denn als wir uns heirateten, war ich fünfundzwanzig alt".
„Aber wir waren drei Jahre verlobt. Nun gut, Du hast Recht, wie immer".
„Wie gesagt"-, wiederholte Frau Baumaun, „Emmy hat das Ballfieber. Einen so großen Ball hat sie noch nicht mitgemacht. Alle Gutsbesitzer der Umgegend unb die ganze Kirchberger Garnison sind eingeladen. Sie fürchtet, sie wird nicht zu tanzen kriegen, und mit Recht. Der Provisor wird vielleicht noch der Einzige sein, der — —"
„Schon wieder der Provisor! Aber ich kündige ihm, ich entlasse ihn zum nächsten Ersten. Basta!"
„Was hat er denn gethan?"
„Er macht sich Hoffnungen auf Emmy's Hand".
„Ist denn das eine Sünde?" Er ist ein hübscher,--gebildeter Mann aus guter Familie — —"
„Aber hab' ich mich dafür zwanzig Jahre gequält und Geld zusammengescharrt, damit meine Tochter so einen Habenichts heiratet? Sie kann mindestens auf einen Assessor oder Leutenant, — was sage ich, auf einen Rittmeister kann sie Anspruch machen. Aber so ein Provisor —"


