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Lennen zu lernen. Aber es ist hier nicht der Ort, weiter davon zu reden. Ich muß vor allem diesen Schwätzer da abfertigen, der meine Tochter noch immer mit seiner unmöglichen Zumutung zu belästigen scheint."
AVer er tam nur noch eben recht, um die Danksagungen des Festordners für Doras Gewährung seiner Bitte zu vernehmen. Sein Gesicht wurde noch gelber vor Bestürzung unöi Aerger.
„Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dora, eine solche Narrheit zu begehen? Lengfeld würde Dir eine jo unpassende Handlungsweise niemals verzeihen."
Statt aller Antwort bewegte sie nur in verächtlicher Gebärde die schönen Schultern. Dann legte sie ihre Hand auf Sandorys Arm und sagte mit einem berückend weichen Klange ihrer dunkel gefärbten Stimme: „Kommen Sie, stolzer Maharadscha, ich machte Sie bis aus weiteres zu meinem Gefangenen."
Eine kleine Bewegung ging durch die dicht zusammengedrängte Festgesellschaft; denn eben hatte Elli Pollnitz die Bühne betreten. Sie trug ein Phantasiekostüm mit einer Mauerkrone als Kopfschmuck. Ein großer, mit Silberpapier beklebter Schild, auf dem das Waldenberger Stadtwappen prangte, ließ erraten, daß man in ihr gewissermaßen eine Verkörperung dieses ehrwürdigen Gemeinwesens zu erblicken habe. Da sie sich nicht geschminkt hatte, sah sie auffallend bleich aus; der Lieblichkeit ihres zarten Gesichtchens aber vermochte diese Blässe keinen Abbruch zu thun.
Es währte eine kleine Weile, bis es still genug geworden war, daß sie zu sprechen beginnen konnte. Diejenigen, die sie im Stadttheater chatten spielen sehen, wunderten sich darüber, wie leise und befangen die ersten Verse über ihre Lippen kamen. Sie stand offenbar unter dem lähmenden Einfluß einer Schüchternheit, die sie verhinderte, ihr schönes Vortragstalent zur vollen Geltung zu bringen, und die erst von ihr abfiel, als das Gedicht sich! bereits seinem Ende näherte. Auch fand man, daß die Verse eigentlich viel zu ernst waren sür eine so lustige Veranstaltung. Erst als eine warme Danksagung sür die von den Anwesenden durch ihr Erscheinen bekundete Mild- thätigkeit folgte, atmete man wieder auf, und fand, daß die Dichtung doch eigentlich sehr schön sei. Ein Gefühl stolzer Befriedigung über den eigenen Edelsinn ging durch jede Brust, und als in leisem Flüstern der Name des Verfassers von Mund zu Munde geflogen war, hielt man es um so mehr für eine schon durch die Höflichkeit gebotene Pflicht, sein Wohlgefallen durch lebhaften Beifall zu äußern.
Nur gedämpft und wie aus weiter Ferne klangen Applaus- und Bravorufe an das Ohr des jungen Dilch ters. Sobald Margarete, von ihren Freundinnen und von einer Anzahl dienstbeflissener Kavaliere umschwärmt, seiner Begleitung nicht mehr bedurfte, hatte Sigismund Ruthardt sich unbemerkt aus dem bunten Gewühl des Saales gestohlen. Seitdem er gestern abend unter dem Einfluß einer Stimmung, die seine Gedanken verwirrt und die mahnende Stimme seines Gewissens erstickt hatte, die erste unehrenhafte Handlung seines Lebens begangen, befand er sich! in! einem wahrhaft mitleidswürdigen Zustande furchtbarster seelischer Erregung. Er war nach, einer schlaflosen Nacht mit schmerzendem Kopf aufgestanden; im Gehirn fühlte er eine dumpfe Schwere, einen quälenden Druck» der ihin alle Fähigkeit raubte, seine Gedanken bei einem Gegenstände festzuhalten. Er hätte bei der Arbeit eine Menge von Versehen uni> Fehlern gemacht, mit ängstlicher Scheu war er der Begegnung mit den Seinigen, besonders einem Zusammentreffen mit dem Vater,, ausgewichen, und er hatte es am Abend nicht über sich gewonnen, das bunte Kostüm anzulegen, das er sich durch die freundliche Vermittelung der Frau Pollnitz schon vor einigen Tagen aus den Garderobevorräten des Stadttheaters besorgt hatte. Margarete und' die Mutter waren nicht wenig erstaunt gewesen, als er im schwarzen Gesellschaftsanzuge bei ihnen eintrat. Er hätte ihre, Fragen mit der kurzen Erwiderung abgefertigt, daß ihm die geliehenen Kleider zu eng seien; aber er hatte, sich in qualvoller Beschämung abgewendet, als ihm sein Vater mit einem freundlichen Schlag aus die Schulter in ungewöhnlich heiterem Tone versicherte, baf? er ihm so auch
besser gefalle, als in einer bunten Narrentracht. Stumm hatte er neben dem Doktor im Wagen gesessen, und während der halben Stunde, die er mit seinen Angehörigen unter den.festlich geputzten, lachenden und schwatzenden Menschen im Saale zugebracht, hatte er seelisch- wie körperlich fast unerträgliche Qualen ausgestanden.
■9hm lehnte er allein in dem engen, schwach beleuchteten Gange, der von dem kleinen Künstlerzimmer neben der Bühne nach dem breiten Hauptkorridor führte. Er wußte, daß Elli nach, Beendigung ihres Vortrages! die „Harmonie" verlassen würde; denn ihre Mutter war an diesem Abend im Theater beschäftigt, und sie hatte von vornherein mit aller Bestimmtheit erklärt, daß sie nicht allein auf dem Fest bleiben werde. Er aber mußte sie sehen um jeden Preis, und da er sie bei ihrer Ankunst nicht hatte begrüßen können, wollte er hier, wo ihn gewiß niemand vermutete, ihr Fortgehen erwarten.
Nun war es zu Ende, und er hörte wie ein dumpfer Brausen das Geräusch des Beifalls aus dem Saale. Eine bisher ungekannte, bange und doch namenlos beglückende Empfindung versetzte ihm den Atem. Er vergaß aus Augenblicke alles, was ihn während dieses schrecklichen Tages gedrückt und gepeinigt hatte; seine Augen leuchteten, und unwillkürlich preßte er beide Hände auf das hochklopfende Herz.
So stand er auch noch, als die Thür des Kimstler- zimmers ausging, und Elli über die Stufen der kleinen Treppe herabkam. Sie hatte ihr Kostüm nicht abgelegt, und der Saum des weißen Kleides wurde unter dem weiten Wendmantel sichtbar. Ihr feines Gesichtchen schäute marmorweiß aus der Umhüllung eines schwarzen Spitzentuches hervor, und ihre Augen erschienen unnatürlich groß. Sie hatte den Gang rasch durcheilen wollen, aber da sie Sigismunds ansichtig wurde, blieb sie plötzlich stehen. Er that ein paar unsichere Schritte auf sie zu, heftig atmend und vergebens nach den Worten des Dankes und der Anerkennung suchend, die er ihr hatte sogen wollen. Nur ihre beiden Hände drückte er an seine Lippen, und dann, da Elli sie ihm nach einem sanften Gegendruck entzog, trat er mit leuchtenden Augen von ihr zurück und sagte leise: „Wenn Sie wirklich gehen müssen, werden Sie mir dann nicht gestatten. Sie zu begleiten?"
Sie schüttelte mit Entschiedenheit den Kopf., „Nein! Ich habe ja nur einen kurzen Weg. Sie aber müssen hierbleiben; denn Ihr Platz ist da drinnen, bei der Gesellschaft, der Sie angehören."
Er machte keinen weiteren Versuch ihr die verweigerte Erlaubnis abzuringen. Nur bis über den Korridor, der zum Glück jetzt ganz menschenleer wär, gab er ihr das Geleit. Im Vestibül, wo ihnen die winterliche. Nachtluft kalt entgegenschlug, blieb die Schauspielerin noch einmal stehen.
„Es wär gut von Ihnen, daß Sie mich erwartet haben. Ich danke Ihnen dafür. Und nun kehren Sie zurück zu Ihrem Vergnügen!■ Gute Nacht!"
Er gab ihr als Antwort nur den letzten Wunsche zurück, und wie ein! Träumender blickte er ihr nach, als sie draußen in der Dunkelheit verschchand. In den Saal aber ging er nicht mehr, sondern holte sich seinen Ueberrock aus der Garderobe und schritt, ohne die Seinigen von seiner Entfernung in Kenntnis zu setzen, aufs Geratewohl in die Nacht hinaus. Er war so glücklich daß seine Seele die Ueb erfülle dieses Glückes kaum zu fassen vermochte. Aber von den hochfliegenden Hoffnungen und Wünschen, die ihn gestern so gewaltig begeistert hatten, regte sich nichts mehr in seinem Herzen. Ihm wär, als könne nach« der Seeligkeit des Augenblicks, den er soeben durchlebt hatte, nichts Köstlicheres mehr kommen, und er schwelgte im Fortgenuß dieses einzigen Augenblicks, ohne an Vergangenes oder Künftiges zu denken. Die dunkle Einsamkeit und die reglose Stille der schlafenden Stadt ließen ihn seinen wonnigen Traum weiter träumen, und er ging dahin gleichf einem Mondsüchtigen, für den die Welt in einem lichten, rosenroten Nebel verschwimmt, und der auf schwülem Felsgrat wandelt, ohne zu gewahren, daß schauerliche Abgründe sich« zu seiner Rechten wie zu seiner Linken öffnen.
Wenn er sich! überhaupt noch dunkel irgend eines Verlangens bewußt wurde, so war es einzig die unbe-


