Ausgabe 
10.7.1900
 
Einzelbild herunterladen

378

Boll scheuer Bewunderung blickte Gerth auf Konstanze. Welch' heroisches Herz wohnte in diesem Mädchen! Eine Märtyrerin kindlicher Aufopferung sah er vor sich die lieber den Schein eines schrecklichen Verbrechens auf sich nahm, als einen Makel auf eine Tote fallen ließ. Welche unvergleichliche Seelenstärke, welch' hoheitsvoller Charakter war hier dem Jrrenhause überantwortet und mit den elendesten Geschöpfen zusammengethan worden! Er wußte aber auch nun, was er diesem edlen Mädchen galt. Nicht der Tod, nicht lebenslängliche Gefangenschaft in diesem Kerker geistiger Umnachtung vermochte ihr das Wort zu erpressen, welches ihr Erlösung bringen konnte; vor der ganzen Welt trug sie das Brandmal der Mörderin, nur von ihm allein wollte sie nicht verkannt sein!

Fräulein Konstanze", sagte er in feierlich! ernstem Tone,das unbegrenzte Vertrauen, welches Sie mir ent­gegengebracht haben, schützt Ihr Geheimnis bei mir sicherer als tausend Eide, die Sie mir abfordern könnten; aber kann nichts Sie bewegen, auch vor der Welt Ihr Schweigen zu brechen, um Ihre Freiheit wieder zu erlangen? Niemanden ßiebt es, dem diese Freiheit so kostbar wäre wie mir. Viel­leicht wissen Sie das längst!"

Ein feines flüchtiges Rot, welches über ihr Antlitz huschte, verriet ihm, daß sie es wußte.

Daß Sie die Tochter des Hingemordeten sind, daß für jene, von maßloser Habsucht beherrschte Frau, der dies bekannt war, ein großes Erbe auf dem Spiele stand, das ist das wichtigste Glied in der Kette von Entlastungs­momenten, die ich bereits in der Hand halte. Der Mörder selbst, dessen Frau Bruscher sich als Werkzeug bedient hat, ist so gut wie entdeckt. Hören Sie mich an, welche über­raschenden Erfolge der Thätigkeit des Detektivs bereits zu verdanken sind".

Oh! sagen Sie mir nichts davon!" bat Konstanze in­ständig,geben Sie Ihre edelmütigen Bemühungen auf; die letzte Krönung derselben würde doch das Grab meiner Mutter schänden. Das Blut meines Vaters schreit um Rache, und nichts wünschte ich mehr als die Sühne dieses Verbrechens; aber auch die Ehre meiner Mutter ist mir heilig, und für sie würde ich ruhigen Herzens mein Haupt auf den Block gelegt haben. Nimmer, nimmer werde ich um solchen Preis meine Freiheit erkaufen

Konstanze!" rief der junge Arzt, indem er sich ihr zu Füßen warf und bebend ihre Hände ergriff,haben Sie keinen Lohn für den Mann, der, wie kein anderer, an Ihre Unschuld glaubte?"

Sie lächelte verklärt; denn sie wußte,! wW er mit diesen scheinbar selbstsüchtigen Worten sagen wollte.Meine Liebe bis in den Tod", antwortete sie,meine Liebe, bis mein armes Leben in diesen Mauern erlischt!"

Sie beugte sich auf ihn herab und bot ihm den Mund zum Kusse dar.

(Fortsetzung folgt.)

Die Haus- und Reiseapotheke.

Gin medizinischer Ratgeber für Familien in der Sommerfrische.

! Bon Dr. med. Kurt Rudolf Kreusner.

Nachdruck verboten.

Es ist ein Zeichen der modernen Zeit, daß sie nicht nur für ibjen Krieg, sondern auch für alle erdenklichen Unfälle im Frieden und im täglichen Leben die Mittel zur Abwehr und Hilfe bereit hält, um sie im Augenblick der Not sofort mobil zu machen. Besonders gilt dies von Un­glücksfällen und plötzlichen .Erkrankungen. In den ©täbten sorgen Sanitätswachen unb Rettungsstationen für bie erste Hilfe; in Theatern unb sonstigen großen Vergnügungs­lokalen pflegt ober hätte wenigstens ein Medikamenten- und Verbanbskasten stets für ben Bedarfsfall zur Hand zu sein; ebenso existiert auf der Eisenbahn int Wagen des Zugführers unb auf ben Unterkunftshütten im Gebirge fast immer so eine fliegende Apotheke.

Wie aber steht es in den Familien, in ben Kreisen der Bergwanderer und Sommerfrischler mit dem trag­baren Mebikamentenschatze? Gewöhnliche ist ein Stückchen Englisches Pflaster, welches bann im Gebrauchsfalle nicht

kleben unb haften bleiben will, der einzige Arzneivorrät- gesellt sich bazu noch! ein Fläschchen Arnikatinktur unb ein Stüchchen lieblich buftenber, ranziger Hirschtalg, unb sind gar noch Magentropfen ober Schweizerpillen vorhanben so ist bas schon etwas außergewöhnliches.

Und doch! in welch arge Verlegenheit kann sowohl ber einzelne Tourist wie bie. Familie in der ländlichen Sommer­frische, fern von Arzt unb Apotheke durch kleine Blessuren und Unfälle geraten, bie in der Stadt nichts weiter auf sich! haben. Da hat die Hausfrau sich bei Zubereitung eines Gerichtes an dem ihr ungewohnten Herd des Bauernhauses eine ziemlich heftige Verbrennung zugezogen und weiß nicht, womit sie die Schmerzen lindern soll. Vater hat in der Abendkühle etwas zu lange mit dem neuen Bekannten in Hemdsärmeln gekegelt unb hat einen argen Rheuma­tismus in ber rechten Schulter oder gar einen regelrechten Hexenschuß. Der kleine Karl hat trotz des strengen Ver- botes in einem unbewachten Augenblick irgendwo am Raine verdächtige Beeren gegessen unb klagt über Leibschmerzen; Lieschen kommt heulend aus dem Garten ins Zimmer ge^ stürzt; denn ein Insekt hat sie, als sie im Sande spielte, in die nackte Wade gestpchen und die Umgebung der winzig kleinen Stichwunde schwillt mehr unb mehr an unb ent­zündet sich sichtlich, und der Herr Gymnasiast ans Quinta schleppt sich mühsam nach Hause von einer tollen Jagd über Stock und Stein, bei ber er sich! ben Fuß übersprungen hat, ber am Knöchel bicf angeschwollen ist.

Da ist es von hohem Werte, bas Notwenbigste für ben Augenblick bei ber Hand zu haben. Vor mir liegt eines jener Täschchen in Zigarrentaschenformat, wie sie jetzt für 1 bis 2 Mark in allen Apotheken zu haben sind, und das sich stolzRetter in ber Not" nennt. Für eine Tagespartie, für die man sich nicht mehr belasten kann, oder wenn gar nichts besseres zur Hand ist, wird man ja auch für das in ihr gebotene dankbar sein müssen. Für einen wochen- langen Familienaufenthalt auf bem Lande aber ist damit fein Auskommen zu finden und wird auch der Medizin- kasten, ohne daß er zu einem voluminösen Stück anwächst, etwas größere Dimensionen haben können.

Was man nun als das notwendigste mitnehmen soll und wie man es zu verwenden hat, dazu sollen bie nach­folgenden Zeilen eine Anleitung geben.

Das wichtigste ist bas nötige Material zur Behand­lung äußerer Verletzungen.

Ein gut verschließbares Fläschchen fülle man mit 30 Gramm Krystallen von essigsaurer Thonerbe. Ein Drittel bavon, in einem Drittel Liter Wasser aufgelöst, giebt ein höchst wirksames Wasser zu Umschlägen auf entzünbliche Körperstellen, Insektenstichwunden, Beulen, Anschwellungen und dergleichen. Das ausgezeichnetste Wasser für Verletz­ungen aller Art ist freilich! das Sublimat, welches in Form von Pastillen zu je 1 Gramm auf 1 bis 2 Liter Wasser für alle Verletzungen anwendbar ist. Leider ist es in konzen­trierter Form, wie alle antiseptischen Substanzen, ein ge­fährliches Gift unb die Pastillenform desselben ist ben bekannten Fruchtbonbons nicht ganz unähnlich; wer daher nicht soviel Ordnungssinn besitzt, den Stoff stets unter sicherem Verschluß zu halten, verzichte lieber darauf, und begnüge sich mit einem anderen Desinfektionsmittel, als welches schließlich auch, das zum Mundspülen vorzüglich geeignete übermangansaure Kali verwendbar ist, von bem wir ein Schächtelchen mit 5 Gramm Inhalt mitnehmen und soviel Kryställchen in Wasser auflösen, daß dieses stark rosarot gefärbt ist. In dieser Form ist es gleichzeitig für entzündete Augen zu Waschungen und Aufschlägen geeignet

Für Verbrennungen nehmen wir ein Hundertgramm- släschchen halb Leinöl halb Kalkwasser, wie es in jeder Apotheke erhältlich ist, mit, um damit auf ben Brandblasen Umschläge zu machen. Hat eine intensivere Verbrennung stattgefunden, bei welcher sich! die Oberhaut loslöst, so ist so vorzugehen wie bei jeder Quetsch--, Riß- oder ©chnitt- wunde, nämlich! zuerst mit einem der oben angegebenen antiseptischen Wässer zu desinfizieren; dann aber brauchen wir ein Wundstreupulver zum Einstäuben der Wunde. Das bekannte Jodoform, so wirksam es sonst ist, erfreut sich! feines durchdringenden Geruches ober sagen wir lieber