Ausgabe 
10.7.1900
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Irre von Sankt Rochus.

Kriminalroman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Fast fühlte sich der junge Arzt von einem Grauen er­faßt vor den mitleidslosen Schickfalsrnächten, indem er sich in die Seelenleiden dissses Mädchens versetzte, die ihm jetzt erst in ihrer ganzen Furchtbarkeit aufgingen.

Hatte Frau Bruscher eine Ahnung von Ihrer nahen Verwandtschaft mit Georgi?" frug Gerth.

Oh, mehr als nur eine Ahnung!" erwiderte Kon­stanze.Als er, von der Todesnachricht überwältigt, mich in seine Arme schloß mit dem Geständnis, daß ich« seine Tochter sei, erblickte ich im Spiegel ihr Gesicht, wie sie sich! zu der halboffenen Thür hereinbeugte. Hinter mir die Thür, vor mir der Spiegel, konnte ich über meinen Vater hinweg, der kleiner war als ich, sie deutlich sehen, während sie ihm selbst, obwohl er der Thür zugekehrt stand, durch meine Gestalt verdeckt war." ,

Kann Frau Bruscher es bemerkt haben, daß sie rm Spiegel von Ihnen gesehen wurde?"

Ich glaube kaum, daß sie es bemerkt hat. Daß ste aber vorher wußte, es werde zwischen mir und dem Pro­fessor zu einer Aussprache kommen, bei welcher die Gefühle das Wort führten, ist sicher; denn als id), den Trauerbrief empfing und ihn hastig erbrach, war sie zugegen Ich sagte ihr, meine Mutter sei gestorben, und dann sah ste mich in meinem Schmerze mit dem Briefe nach dem Zimmer des Professors gehen".

Sagten Sie es Ihrem Vater, daß Frau Bruscher an, der Thür gelauscht hatte?"

Ja ich sagte es ihm.Nun", meinte er,wenn sie es also doch weiß, so ist sie wenigstens darauf vorbereitet, was geschehen muß." Hierauf teilte er mir mit, daß er sie in einer Zwangslage, wo ste ihn vor die Wahl stellte, ihr in seinem Hause entweder den Platz als seme Gattin oder ihre Entlassung zu geben, zu seiner Haupterbin ein­gesetzt habe. Als einsamer, alternder Junggeselle sei er der Sklave seiner Gewohnheiten gewesen, und bei j^inem leidenden Zustande habe er einer Pflege und oft auch der Nachsicht und Geduld bedurft. In der wohl begründeten

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den Weg durch's wilde Meer gefunden, Der nie mit Todesstürmen stritt?

xjw Es ist ein Herz mit seinen Wunden

Mehr wert als eins, das niemals litt. Tiedge.

Befürchtung, eine Fremde würde sich in seine Eigenheiten nicht mehr so einleben können, wie Frau Bruscher dies im Laufe von zehn Jahren gethan, habe er jenes Opfer ge­bracht. Mit Ausnahme eines unwürdigen, zur Verschwen­dung angelegten Neffen, den er verstoßen mußte, sei da­durch! niemand benachteiligt worden. Nun ihm aber sein guter Stern spät noch eine Tochter zugeführt habe, sei die Sachlage verändert, und nichts werde ihn an der Er­füllung der heiligen Vaterpflicht hindern, die er seinem Kinde und dessen Zukunft schulde. Er wollte seiner Wirt­schafterin diese Verhältnisse auseinandersetzen, wollte sie, glaube ich, mit einer Rente abfinden. Ob er mit ihr ge­sprochen hat, oder ob sie bereits die Gefährdung ihrer Erbschaft voraussah, als sie an der Thüre lauschte, weiß ich nicht. Nur wenige Tage genoß id) das Glück, in dem edlen Manne mit dem kindlich guten Herzen meinen Vater lieben und verehren zu dürfen, da traf die erbarmungs­lose Hand des Mörders das teure Haupt. An Frau Bruscher dachte ich dabei nicht gleich. Als man den Hammer bei mir fand, stieg der erste leise Verdacht in mir auf; als sie mich« aber mit einem unerhörten, teuflisch! ausgedachten Lügen­gewebe umspann, wurde es mir zur Gewißheit, daß sie den Tod meines Vaters herbeigeführt hatte, ehe er noch Zeit fand, sein Testament zu meinen Gunsten abzuändern. Um eine so grauenhafte Mordthat bei einem Mädchen von meiner Jugend und meiner Unbescholtenheit glaubhafter erscheinen zu lassen, dichtete sie mir ein epileptisches Leiden an, mit dem ichi nie behaftet war und das uty nicht von einem Manne ererbt haben konnte, welcher gar nicht mein Vater war. Wenn der Professor mich gesetzlich als seine Tochter anerkannt hätte, wie es seine Absicht war, so hätte sich die Welt wenig darum gekümmert; aber jetzt, wo es sich um die Aufklärung eines Mordes handelte, der das ganze öffentliche Interesse beherrschte, jetzt, wo Richter und Geschworene die Sache in der Hand hatten, wäre der jugend- lick)!e Fehltritt meiner Mutter zum Gegenstände der weit­gehendsten Nachforschungen, der peinlichsten Erörterungen geworden; das Familiengeheimnis, das durch eine Zwangs­heirat vor einer langen Reihe von Jahren verdeckt worden war, wäre wieder ausgegraben, schonungslos der großen Oefsentlichkeit preisgegeben und durch die Zeitungen von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt getragen worden. Aus manchem Gespräche mit mir wußte Fran Bruscher, wie sehr ich meine Mutter liebte; sie rechnete darauf, daß ich die Vergangenheit der Verstorbenen wie ein unantastbares Heiligtum schützen und sogar mit meinem Leben decken würde; sie spielte va banque, sie konnte, wenn ich. dennoch wankend geworden wäre und das einzige Mittel zu meiner Rettung ergriffen hätte, von der Zeugenbank in die Unter» snchungshaft geführt werden, aber sie hat ihr Spiel gewonnen."