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Vom Monat Juni.

Juni 1900.

Nachdruck verboten.

Die milden Lüste der letzten Maitage haben, endlich allen Hauch von Winterleid hinweg geschmeichelt und die zurückgebliebenen Frühlingsblüten und -Triebe zur vollen Entfaltung gebracht. Was der Wonnemonat begonnen, das vollendet der den Sommer bringende Juni.

Mit Jubel begrüßen die Kräutergläubigen die wert­volle Heilpflanze, die echte Arnika, die ihren alten Namen Wohlverleih" mit Recht verdient. Ebenso gern gesehen sind die große Bibernelle, die heilkräftigen Sprossens der Kiefer und die Blüten der Kastanien.

Der Wald sendet uns die vornehmste Frucht, die Wald­erdbeere, in Menge und die ersten Blau- oder Heidelbeern. Der Markt bietet Frühsorten von Knorpel- und Herz- kirschen, die Delikateßläden heimische Weintrauben, italie­nische Aprikosen, Reineclauden, Bozen sendet reife Mag- dalenen-Birnen und Neapel die ersten grünen Sommer­birnen, denen sich schon die ebenfalls ersten reifen Aepfel anreihen, sodaß alle Fruchtsorten im Handel vertreten sind. Der Rhabarber ist durch die grünen Stachelbeeren als Kompot verdrängt, seine Zeit ist um. Man sieht ferner prachtvolle Tomaten und die bei uns wenig bekannten violetten Eierfrüchte Aubergin. In Italien, Serbien, Ru­mänien liefert Aubergin mit Essig und Oel einen pikanten Salat und mit Hammel- oder Rindfleisch gekocht, mit Pa­prika gewürzt, ein vortreffliches Gemüse. Die Auswahl an jungen Gemüsen ist reiche, unsere Freilandgemüses be­finden sich in flottem Wachstum und prächtigem Gedeihen. Der Spargel, der den warmen Sonnenschein zuvieb ent­behren mußte, bleibt weit hinter dem Bedarf zurück, und da er mit dem Johannistage zur Neige geht, so ist die Aussicht, noch billigen Spargel auf dem Markte zu sehen, wohl sehr gering. Junge Mohrrüben und kräftige Karotten, so ziemlich die letzten aus den Frühbeeten, liegen in hohen Haufen auf dem Platz und auchj Ähoten in saftiger süßer Ware sind reichlich vorhanden. Die grüne Erbse wird in jeder Zubereitung geschätzt; sie verträgt sich! mit allen gleichzeitigen Gemüsen des Küchengartens, in Verbindung mit jungen Mohrrüben und Spargel giebt sie ein leckeres Gemüse. Dazu koche man zuerst den Spargel in Salzwasser iveich, nehme ihn aus dem Wasser und thue die sauber ge­putzten, in Würfel geschnittenen Mohrrüben in das Spargelwasser, gebe ein wenig Zucker und Butter hinzu und lasse sie ebenfalls gar kochen. Dann lasse man junge Schoten in einem Kasserol unter Hinzuthun von einem Stück frischer Butter nebst etwas Zucker zugedeckt ohne Wasser dünsten. Sind sie weich, so vereinst man sie mit den Mohrrüben und dem Spargel, macht das Gericht mit einer Mehlschwitze seimig, fügt 10 Gramm Liebigs Fleisch- Extrakt .hinzu, schmeckt es ab und würzt es mit sein ge­hackter Petersilie. Junge Kohlrabi nehmen tm/ Preise ab, aber an Größe zu. Kopfsalat, der lange hohen Preis hielt, sinkt rasch herab, ebenso bringt der Markt nach und nach erhebliche Mengen von Gurken. Als besondere Gemüsedelikatesse sehen wir grüne Bohnen und vereinzelt kommen auch schon Wachsbohnen auf den Markt. Eine an­genehme Abwechselung bietet der Wirsing oder Welschkohl, der freilich noch lose in den Köpfen ist. Treib-Blumenkohl aus heimischen Frühbeeten ist schon reichlich vorhanden. Blumenkohl und Welschkohl zusammen, giebt eist sehr schmackhaftes Gemüse und ist besonders zu, empfehlen, so lange die Köpfe des Wirsing noch lose sind. Nieren- und rote Frühkartoffeln zeigen sich, doch hat sich die Malte- Kartoffel durchs ihre Billigkeit den Markt erobert. Her­vorragend für den Frühstückstisch sind Radieschen und Mai­rettiche, letztere machen bei uns im Norden ihrem Monats­namen nie Ehre, werden jetzt aber in guten Exemplaren angeboten. Unter Würzkräutern bemerken wir Esdragon, der im Juni am duftigsten ist, grüne Petersilie, Sellerie, das erste Bohnenkraut und Dill, jenes feine Würzkraut mit den zart gefiederten Blättern und großen Dolden­blüten. Die Römer schmückten sich bisweilen bei ihren Festmahlen mit Dillkränzen, sie hielten Dill für einen

ausgezeichneten Schutz gegen Narrheit. Die frischen zarten Dillblätter verwendet man als Fleisch- und Suppenwürze, wie zur Bereitung von Mayonnaise und einer vorzüglichen Dillsauce, die besonders zu Hecht, Aal und anderen Saucen­fischen obenan steht.

In 60 Gramm Butter werden zwei Eßlöffel voll Mehl hellgelb geschwitzt, mit zwei Eßlöffel voll Rahm und eben­soviel Weinessig verrührt, worauf man ein knappes halbes Liter Fleischbrühe aus 10 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt damit zu einer dicklichen Sauce verkocht, zu der man schließ­lich! zwei Eßlöffel voll feingehacktem Dill hinzusügt, worauf die Sauce nicht wieder zum Kochen kommen darf. Morcheln sind von der Marktliste zu streichen, dafür kommen große Champignons zum Angebot, auch Maipilze, Semmelpilze, Pfefferlinge, Rotkappen und die ersten hoch im Preise stehenden Steinpilze. \

Mit kleinen Hechten ist der offene Markt reichlich ver­sorgt, dagegen sind große Tafelhechte fast nur in den Großhandlungen zu haben. Fexner sind Barben, Bleien, Welse, Forellen, starke Aale u. a. mehr vorhanden. Hum­mern und Krebse sind in diesem Monat und bis September sehr gesucht, berühmt ist der Oderkrebs.

Junges Geflügel bringt der Markt von Tag zu Tag besser und ist große Auswahl an jungen Enten, Gänsen, Hühnern und Tauben, sowie an importiertem Mastgeflügel. Von Wildbret ist der Rehbock vom Beginn des Maies wieder tafelfähig. Kenner ziehen die braunen Rehe den roten vor und die Bergrehe sind besser als die in der Ebene. Die besten Stücke sind die Keulen und der Rücken,der sür die vornehme Tafel die delikaten Rehkotelettes liefert. Für eine ganz besondere Delikatesse gelten die Zunge, vor allem aber die Leber, die meist nur dem Waidmann blüht, da sie Durchaus ganz frisch sein muß, wenn sie dem Kenner genügen soll. Der treffliche Diätetiker Wiel empfiehlt die Rehleber sehr für den Krankentisch, auf dem das Reh­wildbret überhaupt am Platze ist. Aber auch! die Schulter­blätter oder Rehläuschen geben für den einfachen Tisch ein leckeres Mal, besonders auf bayrische Art zubereitet. Man wasche, häute, salze und spicke die Rehläuschen, belege den Boden einer Kasserole mit Speckschnitzeln, Zwiebel­scheiben, Zitronenschale und Nelken, lege die Rehläuschen darauf und lasse sie solange dünsten, bis der Speck braun ist, giebt dann drei Löffel geriebenes Schwarzbrot dazu, läßt dieses auch im Speck andünsten und gießt zuletzt Brühe aus 10 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt und Essig daran, salzt und würzt die Sauce und läßt sie einkochen. Beim Anrichten streut 'man Zitronenschnitzek auf die Rehläuschen und giebt die Sauce durch ein Sieb darüber.

Homonym.

Nachdruck verboten.

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P.

Nummer:

75:

das Los fiel auf

Redaktion: <S. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universttits-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Äießea.