Ausgabe 
10.6.1900
 
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ihre Nerventropfen nehmen mußte, und lief dann zur Rats­herrin hinüber.

An diesem Abend drang das Gerücht von derbevor­stehenden Scheidung der Lundboms" wohl nicht weiter, aber früh um sieben Uhr am nächsten Morgen waren die 'Damen Petterlund, Rist und die Ratsherrin bereits im vollen Staat und guckten in alle Gärtchen und offenen' Fenster hinein, um zu sehen, ob möglicherweise eine Be­kannte schon auf wäre, der man die große Neuigkeit mit­teilen konnte.

. Man hatte in diesen drei Häusern in der letzten Nacht nicht besonders gut geschlafen. Um drei Uhr war Pettcr- lund em wenigeingedruselt", aber bald darauf durch das heftige Weinen seiner Frau aufgeweckt.

Was ist denn, liebe Emilie?" fragte Herr Petterlund.

Ach Gott . > ., ach Gott . . ., ach Gott, was soll blos aus den a . . . a . . . armen Kindern werden?" schluchzte Emilie.

So um die zwölf Uhr-Zeit, um welche Stunde man' in dem Städtchen zu mittag, wußte man überall im Orte Bescheid.

Lundbom hatte seit vier Jahren eine Liebschaft mit einer jungen, schönen Frau mit drei kleinen süßen Kindern draußen an der Eisenbahnstation Lindenburg.

Dies Treiben sah Lundbom schrecklich ähnlich, der schon in seiner Studentenzeit ein großer Taugenichts gewesen war. Nun hatte seine Frau von der Sache Wind bekom­men und war ganz verzweifelt.

Ferner hätte Lundbom, dieser gemütliche Mann, der bei Gesellschaften niemals einen über den Durst trank, sich zu Hause zu einem Geheimsäufer erster Klasse ent­wickelt.

Eine Frau, die auf dem Markt Obst verkaufte, wußte aber ganz genau, daß Frau Lundbom mit einem Zivil- Ingenieur, der die neue Sekundärbahn baute, zusammen gesessen hätte, als Lundbom eines Tages zehn Minuten zu früh zum Mittag kam.

Das wurde am ersten Tage festgestellt. Dann wuchs es ins ungeheure.

Aber es gab in dem Städtchen nicht nur böswillige und skandalsüchtige Leute, sondern, Gott sei Dank, auch liebe- und mitleidsvolle Menschen.

Der Herr Pfarrer ging zu Frau Lundbom und sprach davon, wie schön und erhaben es sei, Nachsicht zu üben mit menschlicher! Schwäche auch der empörendsten und daß auch ein reines und holdes Glück auf dem Grund des Vergebens erblühen könne.

Frau Lundbom setzte ihm Marmelade und Ananas- punsch vor und stimmte ihm bei. Wer was' sie selbst anbeträfe, so wäre sie leider immer die sündhafteste ge­wesen und hätte wenig zu verzeihen gehabt.

Der Gottesmann versank in tiefe Gedanken. Am Ende hatte doch die Obstfrau recht

Gleich darauf kam die Majorin Dümpel und sprach gezwungen und unzusammenhängend von allem mög­lichen. Als sie sich aber verabschiedete, brach sie in Thräneu aus, sank Frau Lundbom um den Hals und schluchzte:

Liebste Freundin, denke an Deine Kinder! Ich glaube wohl, daß es schwer für Dich ist aber denke an diel Kinder!"

Was in aller Welt meinst Du damit, liebe Tante?"

Verzeihe mir! Ich will nicht noch Steine auf dep Berg tragen, aber denke an die Kinder und thue nichts, was Du später bereuen müßtest!" sagte Tante Dümpel.

Ein älterer Kollege faßte Lundbom nach Kontorschluß unter den Arm und machte mit ihm einen Spaziergang von einer halben Meile rings um die Stadt mib sprach davon, wie genau der Chef der Fabrik in Bezug auf die Führung" des Personals wäre. Auch der Tüchtigste würde schwerlich weiter kommen, wenn bei ihm etwasMora­lisches" nicht in Ordnung wäre. In solchen Fällen wäre der Chefschrecklich intolerant".

Er ist ein Ehrenmann, und ich finde, er thut ganz recht daran", meinte Lundbom.

Der Kollege schwieg darauf und ging fort, im stillen empört über so mel Starrsinn.

Vierzehn Tage lang sprach man von nichts anderem, als von Lundboms traurigem Schicksal. Zweimal hatte er seine Frau geschlagen. Das Frauenzimmer vom Lande

wäre sogar in seiner Wohnung gewesen, unter dem Vor­wand, Wäsche zu holen, und schließlich wären die armen kleinen Kinder von ihren unglücklichen alten Großeltern hinausgeholt, denen dieses furchtbare Leid noch am Grabes­rand beschert würde.

Und bald gab es nicht einen unter den 9714 Ein­wohnern des Städtchens, der noch meinte, es lohne, Lund­boms zu warnen oder ihnen Vernunft zu predigen.

Nun soll es geschehen!" verbreitete sich das Gerücht wie ein Lauffeuer an einem schönen Frühlingstage durch die Stadt. Kein Mensch fragte, was geschehen sollte. Hatte nicht die Frau Hauptmann Pripp selbst beide Lundboms unten beim Bahnhof gesehen.

Bevor der Zug abging, war die halbe Stadt draußen auf dem Bahnsteig.

Ein paar Freunde kamen zu Lundbom hin, drückten ihm die Hand und sagten sehr ernst:

Ein . . . solcher. . . Augenblick. . . lieber Freund!"

Ja, nicht wahr, es ist ein herrlicher Wend", erwiderte Lundbom.

Das erschien ihnen zu frech, und sie wandten ihm den Rücken.

Dann kamen ein paar der treuesten Freundinnen und küßten Hedda Lundbom recht herzlich, schielten nach ihrer kleinen Handtasche hin und flüsterten:

Hast Du all' das Uebrige aufgegeben?"

Hedda Lundbom lachte.

Nein, Liebste, ich habe nichts weiter. Es sind nur ein paar Nachtsachen für Karl und mich. Wir kommen schon morgen Mittag wieder zurück!"

S . . . s . . . soll ... er. . . soll Dein Mann Dich denn begleiten"

Wer natürlich ! Wir wollen nach Quastenbrück hin­aus und uns eine kleine Sommerwohnung ansehen, meinen aber,, es lohnt nicht hinauszuziehen, bevor die Kinder von den Großeltern in der nächsten Woche nach Hause kommen!"

Ah . . . Ach ... So . . . auf die Art ... hm ., . ja, na. . . adieu denn. . . glückliche Reise!" hörte man aus dem Kreise in allen Tonarten der enttäuschten Er­wartung.

Die Koupeethür schloß sich hinter dem jungen Ehepaar, als gerade ein neuer Trupp angesehener Personen der Stadt keuchend aus den Bahnsteig gestürmt kam.

Ist der Zug schon fort? Ach, das ist doch schade! Wir waren vor wenig Minuten noch oben aus dem Markt, wo wir es erfuhren!"

Sie sahen nur noch die letzte Ecke des hintersten Waggons.

Dann raffte die Majorin Dümpel ihre Röcke zusam­men und auch ihre Gedanken und sagte, so daß man es über den ganzen Bahnsteig hörte:

Meine Freunde, es ist nichts! Lundboms, die lieben glücklichen Leute sind nur aufs Land hinausgefahren, sich eine Sommerwohnung anzusehen!"

Aber Frau Petterlund, die wußte, was sie wußte, begann ihren armen Kopf zu zergrübeln.

Und der Pfarrer und die Majorin Dümpel und Lund­boms älterer Kollege und alle andern, die Mittel und Wege gesucht und Friedensworte gesprochen hatten, fühlten sich stolz und dankten Gott, daß ihnen die Versöhnung geglückt war.

Am folgenden Wend kehrte das Lundbomsche Ehe­paar froh und zufrieden mit sich selbst, mit ihrem Ausflug, ihrer Sommerwohnung, Gott und den Menschen und der ganzen Welt zurück.

Karl war müde und legte sich etwas eilig zu Bett, aber Hedda ging umher und wühlte in den Wäsche- und Kleiderschränken herum.

Männchen!" sagte sie schließlich zärtlich, aber ge­dämpft Durch einen ganzen Haufen Kleider, den sie aus dem Arme trug.

Ja, was giebt's denn, mein Goldchen?" fragte Karl.

Ja, Du, ich habe hier nur die alte perlgraue Bluse, von der ich neulich sagte, ich müßte mich von ihr trennen, als ich die beiden fürchterlichen Flecke darin gewahrte. Du weißt ja. Wer weißt Du, sie hat sichausgehängt", wenn ich 'was Helles um den Hals und auf der Brust an­bringe, wo die schrecklichen Flecken hinkamen, kann sie noch gut draußen auf dem Lande getragen werden.