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Die Kleine regte sich und schlug die Augen auf. Ern niattes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Mama, liebe Mama!" flüsterte sie und wollte dre Aermchen um den Hals der vor ihr Knieenden schlingen. Doch plötzlich wurden ihre Singen weit und starr. „Nicht schlagen, o, nicht schlagen! Ich fürchte mich so!" wimmerte sie, ehe sie wieder zurücksank.
Die Frau war der Richtung ihres Blickes gefolgt, nun schnellte sie aus und trat zu dem stumm dastehenden Lehrer.
„Was haben Sie meinem Kinde gethan? Woher das Blut?"
Der Angeredete zuckte zusammen bei dem Ton ihrer Stimme, aber er bezwang sich und brachte es sogar glücke lich zu einem gewissen Polterton.
„Was die Frauen doch für ein Wesen machen, wenn sie ein paar Blutstropfen fehen! Die Geschichte ist sehr einfach. Die Friederike war wie immer unaufmerksam und zerstreut. Das Mädchen hat den Kopf voll von Märchen und dergleichen Dummheiten. Sie sollten das nicht dulden, Frau Kraneck! Das Haus muß nun einmal Hand in Hand mit der Schule gehen, wenn —"
Er verstummte, die Frau machte eine zuckende Bewegung, rote Flecken brannten auf ihrem schmalen Gesicht.
„Weiter!" sprach sie heiser. „Woher das Blut?" D-as Lächeln, welches er versuchte, wurde zur Grimasse. „Dre paar Tropfen aus dem Hautriß, meinen Sie? Nicht der Rede wert! Ein Heftpflaster drauf, und morgen srtzt das! Mädel wieder wie sonst auf ihrem Platze in der Schule. Aber umfallen darf sie mir nicht wieder".
Herr Hobrecht wich dem starr aus ihn gerichteten Blick der Frau aus, und stieß polternd hervor: „Die Prrn- zessin wurde nämlich ohnmächtig, als sie für ihre Unaufmerksamkeit die wohlverdiente Strafe erhalten sollte, und. stieß sich dabei an einer Tischkante. Ich bitte Sie um alles in der Welt, sie wird ohnmächtig, wenn sie das Stöckchen! sieht! Wenn alle meine Schülerinnen so zart besaitet wären, wie die Fliegen würden sie fallen, aufs Wort, wie die —"
.Er kam nicht weiter, die fchlanke Frauengestalt in dem schleppenden schwarzen Kleide war näher getreten und wies gebieterisch nach der Thür.
„Hinaus!" rief sie heiser. „Und Schande, Schande über mich, die ich! so lange mein Ktnd der Roheit überließ!" ,
Sie wendete dem Manne den Rücken, fiel wieder vor dem Ruhebette in die Kniee, und der sehr angesehene Herr Lehrer Hobrecht, der Leiter der Musterschule, schlich zum zweiten Male die Treppe dieses Hauses hinunter, den kurzen Nacken gesenkt und die Röte der Beschämung tm Gesicht; das Gefühl der unbegrenzten Hochachtung vor sich selbst, das ihn sonst so völlig durchdrang, war wie weggeweht aus seinem Herzen.
Es trug auch nicht zu seiner Erhebung bei, daß, als er beim Oefsnen der Hausthür fast auf den Doktor Hanne- Mann stieß, der alte Herr auf seinen devoten Gruß mit einem Blick dankte, der ihm vollständig die Lust zu der beabsichtigten Anrede benahm.
Das Blut stieg dem armen Herrn Hobrecht heiß ins Gesicht. Verdammte Geschichte!
Er lachte grimmig auf; das Mittagessen wollte ihm heute nicht munden, wenngleich Frau Minchen sein Lieblingsgericht gekocht hatte, und in der Nacht fuhr er plötzlich aus tiefem Schlafe auf. Rief da nicht eine heisere Stimme „Was haben Sie meinem Kinde gethan?"
II.
Der alte Kirchhof.
„O, du Jugendzeit, o, du Jugendzeit!"
Heute steht die Sonne in ihrer ganzen strahlenden Schönheit am tiefblauen Himmel. Es ist Frühling geworden heller, lachender Frühling, und die Blumen, die Liebling« der Sonne, wenden die Köpfchen ihr zu, und die Lerche schwingt sich auf, hoch in den Aether, als flöge sie ihr entgegen. c „
Es ist ein Blühen und Duften, ein Trillern und Jubilieren, ein Summen And Surren, Rauschen und Flattern überall, allüberall.
Und wie deutlich man gerade hier auf diesem einsamen, der Welt entrückten Plätzchen all die Kundgebungen der
tausend kleinen und kleinsten Lebewesen vernimmt! Die ' Vögel zwitschern und flattern ohne Schen in den Flieder- und Taxusgebüschen, in den Trauerweiden und dunklen Eschen, die Hummeln summen blütetrunken zwischen alltzr- hand wildwachsenden Kräutern und Blüten, blaue Libellen chwirren, surrende Fliegenschwärme tanzen wie blitzende Stahlfunken in der Luft, glänzende Käfer schreiten, die Fühlhörner vorsichtig ausstreckend, über die schmalen gras- bewachsenen Wege, und grünliche Eidechsen huschen von einem der eingesunkenen Grabhügel zum andern.
Sie alle stört es nicht, daß Menschen in der Nähe. Fast täglich sind ja die drei, die alte Frau mit den beiden Kindern, hier, und nie hat eins von ihnen den Frieden des killen Erdenwinkels verletzt.
Und andere Bewohner des Städtchens kommen selten hier herauf auf „den alten Kirchhof", wie der Platz schon seit Menschengedenken heißt. Den Jungen ist er zu ein» Win, und die Alten, welchen wohl manche heilige Erinnerung, manch Wünschen und Hoffen, manch heißes Lieben und — vielleicht manch bitteres Hassen unter den grasbewachsenen, fast der Erde gleichen Gräbern schläft, scheuen den beschwerlichen Weg.
Der alte Kirchhof liegt nämlich inmitten der Hügelkette — Berge nennt man sie im Städtchen — welche den Ort im Süden fast wie. eine Mauer umgrenzt, und der. Weg da hinauf ist alten Füßen schwer zuzumuten. Aber Frau Brigitte scheut ihn nicht, das Elfchen liebt ja das weltvergessene Plätzchen so sehr, und was hätte Fran Brigitte ihrem Elfchen, ihrem Goldkind, abschlagen können, besonders seit der bösen Krankheit desselben. Wie ost, wie unzählige Male hatte sie da in den langen bangen Nächten, wenn sie mit ihrer armen Frau am Lager des unaufhörlich in Fieberphantasien flüsternden Kindes saß, wenn das kleine weiße Gesicht immer verfallener erschien, und man schon das Rauschen zu hören meinte, mit dem der Todesengel seine schwarzen Fittige regt: Wie oft hatte sie da Gott gebeten, ihr Leben anzunehmen für das junge, kaum erschlossene. Und da soll sie nun ihrem Liebling, dem neugeschenkten, eine Bitte abschlagen, verneinend den Kopf schütteln, wenn es heißt: „Heute gehst Du doch wieder mit uns auf den alten Kirchhof ? Nicht wahr, Gitta, Du allerbestes altes Gittchen?" Und dann schlingt das Schmeichelkätzchen die Arme um den welken Hals und küßt und liebkost, daß einem schier der Atem vergeht.
„Siehst Du, Gittchen, hier zu Hause giebt Mama ihre Stunden, und da muß ich immer ruhig sein, ganz still wie ein Mäuschen. Sich und da oben auf dem alten Kirchhof bin ich so gern, so schrecklich gern! Dä ist es so heimlich, gerade wie im Märchen, und Hans erzählt uns von seinen alten Göttern und Helden, und Du singst mit uns Deine Lieder, eins immer schöner als das andere."
Wer kann da widerstehen, noch dazu, wenn sich des Elfchens Wangen bei dem täglichen stundenlangen Ausenthalt in der köstlich teilten Luft ordentlich zu runden beginnet«? Wer kann da an das mühevolle Hinaufllettern auch nur denken? Und ist man erst oben auf dem Gipfel des Hügels — warum man die armen Toten bis hierher yinaufgetragen, ist Frau Brigitte nie recht begreiflich ge5* worden — und hak man das Zittern der alten Beine überwunden, dann ist es einem gewiß nicht leid, und man kann des Kindes Geschmack nur gutheißen. Sv wunderbar tote hier duftet der blaue Flieder nirgend, so blütenbedeckt steht kein anderer toilder Rosenstrauch, und so süß und schmelzend singt sicher auf keiner anderen Linde die Nachtigall.
(Fortfetzung folgt.)
Die Flaschenpost.
Von Fred Hood.
Nachdruck verboten.
Es ist ein alter Brauch der Seeleute, fern von dem heimatlichen Strande, auf hohem Meere, insbesondere aber in der Stunde der Gefahr, irgend einem Menschen Kunde von ihrem Schicksal zu geben. Sie schreiben ihre Nachricht — häufig die letzte — auf einen Zettel und vertrauen sie in dicht verschlossener Flasche dem Meere an, damit sie von der Strömung nach einer Küste ober einem Hafen


